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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1837-09-23 · Heft 75 (23.9.1837) · p. Seite 298

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
1 (1837)
Issue
Heft 75 (23.9.1837)
Date
1837-09-23
Page
Seite 298 (sequence 2)
Language
German
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298 der kann uns eben nicht sehr zur Nachahmung ihrer hierarchischen Cmttalisation neigen. Es sind nun an 50 Jahre, daß jeder Hausvater, dem nicht die alten Formen unbedingt gmügm, sich hilft so gut er kann: jetzt soll Einheit in die Sache gebracht werden, und da sehen wir denn männiglich bemüht, den öffentlichen Gottesdienst, und immer nur den öffentlichen Gottesdienst zu verschönern, Predigten — einzufuhren. Aber sind wir denn schon so weit von der alten gläubigen Zeit entfernt, um vergessen zu haben, daß der Besuch der Synagoge nur etwa der jüdischen Religionspflichten ausmacht? Aus der Predigt soll freilich bei den Christen der Glaube kommen, bei uns aber, wo einige theologische Bildung doch noch immer zu d§n Gemeingütern gehört, muß er schon vorher da sein, sonst wird blos das negattve Element der modemen Predigt goutirt, das positive aber nie. Und wenn erst überall unsere Gebete, früher ein regelloses Corps, taktmäßig in Reih' und Glied auftnarschiren — und nicht einmal das Schlagen an die Brust die mhige Haltung ' stört, wie viele Zeit gehört denn noch dazu, um die Partheigänger Chalizah, Get, Eherechte überhaupt, Trauerrims, Rethibah wechatkimah, mit denen doch jeder hin und wieder im Leben etwas zu schaffen hat, auf legale Weife aus der Welt zu bringm? Und wie viele Zeit noch weiter, um die den industriellen und geselligm Verkehr blockirmden Batterieen einigermaßen zu rasiren? Ich habe seit etwa 20 Jahren die Arbeitm unserer Reformatoren als theilnehmender Zuschauer beobachtet, und finde, daß es noch gar nicht abzusehen ist, wie viele Geschlechter noch dahin gehm müffm, bis eben der Gebrauch des Scheermessers uns gesetzlich erlaubt sein soll. Welche Geduld trauen Sie uns denn zu? Es ist fteilich viel leichter auf die Indifferenten zu schimpfm, als einett Ausweg aus diesem Labyrinth zu zeigm! Dies von überschätzten Nebmdingm: nun zu einer vernachlässigten Hauptsache! Was ist geschehen in der neueren Zeit, feit dem deutschm Israel das Bewußtsein seiner geistigen Schätze deutlicher gewordm ist, was ist geschehen, um uns von den »Blattern des Heidenthums« zu desinfizirm d. h. um den Aberglauben, welchen zu bekämpfen, wo und wie er sich zeigt, die ganze jüdische Religion in die Welt gesandt ist, endlich fortzuschaffm aus unserer Mitte? Ist die Grmze zwischen Glauben und Aberglauben markant und faßlich bezeichnet? Ist gegen die Einschleppung neuer Faseleim eine Wache aufgestellt? Hat Israels Kirche wmiger Superstitionen (so nmnen wir ja die Schlacken ausgebrannter oder uns sonst unverständlicher Religionen) als jene, die es nicht täglich zweimal ausmfen läßt, daß Gott absolut-Eins sei? — Ich fürchte, reichlich ebm fb viel! Vergeblich hat Jeremias gemftn, gewamt, gebetm (Kap. X v. 3. ff.), daß wir nicht sein sollen wie die andem Völker: die Tagewählerei, die Furcht vor dem Montag, die Scheu bei abnehmmdem Mond Ehen zu schließm, der üble Ruf der ersten Woche des Ab u. dgl. m. sind allgemein ve^ breitet, und von allm Religionsbchörden förmlich geduldet und anerkannt. Astrologische Faxm geltm selbst da noch, wo die Bibeltexte selbst schon längst von der philologischm Kritik angeftessen sind; Welcher Fromme wird wohl das dictum merchanneh makom m. masol bezweifeln? Welcher Rabbiner hat sich noch erlaubt, anders als mit den heidnischm Wottm Masal tob zu gratuliren? Wer hat noch den Glaubm an glückliche und unglückliche Mmschm, Stellen, Häuser als antireligiös denunzirt? Und sind nicht die Simanim, die Vorbedeutungen, die Traumdeuteleim noch hmte (siehe ben Usiel, Choreb Cap. 4.) gesetzlich gestattet? Vergeblich hat Moses in seinem altm Testament Haasittu Himmel und Erde zu Zmgm gerufen gegen das Volk, das sich ergiebt den Ungöttern; das nme Testament des Chasid R. Jehuda wird noch hmte weit ängstlicher beobachtet als jmes. Noch beute darf es jungen Liebmden ihr Glück versagm, wenn der Vorname des Mannes dem des Vaters gleich wäre u. s. w. Vergeblich verbietet die Thora, die Todtm zu befragen; das vor kurzem in einer überaus aufgeklätten Gemeinde neu aufgelegte Lepber hachajira sowohl als das schismatische Gebetbuch des neuen Tempels redm die Verstorbenm in der zweitm Person an, und in Zeitm allgemeiner Noth geht man auf die Gräber der altm Rabbiner und bittet sie um Fürsprache! Vergeblich har die Schrift und sogar die Tradition die Gnadmmittel beschränkt auf: Besserung, Gebet und Almosen: nein, da wird einem Kranken öffentlich, mitten im allgemeinm Gottesdimste der Name geändett, da wird das Grab ausgemessm, da werdm Buchstabm ausgelegt, Kinder scheinbar verkauft, da werdm Säuglingen (o sogar von Lmtm, die das Anlegm der Tefillim für Narrheit erklären) Amulette aller Art angehängt, da wird die Woche begonnm mit dem Spmch: »Gott ist mit mir, ich fürchte nichts,« aber nebm der Gottheit fürchtet man als frommer Jude das b ö se Auge ebm so sehr, vielleicht noch etwas stärker. Und die Gebete, die Psalmen zumal (auch unsere modemm deutschm Gesänge kommm hoffmtlich bald an die Reihe), werdm mit höherer Billigung, sogar von dem Grammatiker Heiden he im, mit gehörigem Gebrauchszettel gedruckt!

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