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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1837-09-21 · Heft 73 (21.9.1837) · p. Seite 290

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
1 (1837)
Issue
Heft 73 (21.9.1837)
Date
1837-09-21
Page
Seite 290 (sequence 2)
Language
German
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Ueber die Grundsätze der Redaction. 290 (Fortsetzung.) Sind dies die einzelnen bedeutsamsten Richtungen der jüdischen Gegenwart: die alten Fesseln zu sprmgm, den jüdischen Glauben zu entwickeln, den moralischen Geist zu heben, die Literatur in ihrem gesammten Inhalte mit neuer Kraft zu beleben und fortzuführen, — so stellt sich dies in der Wirklichkeit in einem in sich einigen Ganzen und Zusammenhänge dar, daß das gegenwärtige Judenthum gewiß als eines der bedeutendsten Mommte der neuern Zeit angesehen und berücksichtigt würde, wenn nicht zu viele Vorurtheile und Abneigung davon zurückhielten. Wie, wenn die alten versteinerten Geschöpfe der Vorwelt, wenn die Petrefactm voradamitischer Zeiten sich plötzlich wieder zu beleben anfingen, wenn der Mammouth seine vereiseten Glieder zu bewegen, und die untergesunkene Riesenpalme aus der Erde herauszusteigen begönnen: was für eine Bewegung würde unter den menschlichen Eintagsfliegm entstehen? Hier aber, wo auf dem Gebiete des Geistes keine Versteinerung, keine verkohlte Degetabilie, sondern ein seit vier Jahrtausenden wohl belebter und gegliederter Organismus sich aus sich selbst zu reorganisiren und zu reproduciren strebt, wo dieser in dem großartigsten Proceß der Verjüngung seiner selbst begriffen ist, — schweigt man still, ignorirt es und geht gleichgültig vorüber. Warum? Weil man diesm Organismus gern langst schon als todt ausgegeben hatte, weil man ihn wirklich versteinert und untergesunken wünschte. Allein die Menschheit geht ihren Gancs quand meine.- Das unermeßlich erwachte Leben im Judmthume ist desto bewundernswerther, des tiefsten Studiums desto würdiger, je weniger es durch direkte Anregung von außen, je mehr es aus sich selbst geworden. Wir haben keine Revolution gemacht, wir haben keine Parlamente, keine Kammem, keinen Staatsrath, kein Consistorium, — kein äußerer Verband umschloß die vaste Masse der Individuen oder der Gemeinden, — nur ein innerer, geistiger: es ist ein reines Produkt des Geistes. — Was ist aus dem Judenthume geworden? Es ist herausgetreten aus dem Dickicht des Urwaldes in die sonnige Landschaft, die der Pflug durchschneidet. Viele mögm das Haupt schütteln, Viele das freie, ungebundene Leben bedauern, das sie in den dunkeln Schatten geführt, Diele die Kunst und Mühseligkeit veruttheilen, mit der jetzt das gewonnen wird, was sich früher von selbst ergab. Die Kost ist eine ganz andere geworden, die Lebensatt eine ganz verschiedene, — was Wunder, daß sich nicht Alle gleicher Weise schnell daran gewöhnen können, und daß, bei der großen Ausdehnung der Masse, Viele noch im Schatten des Urwaldes ziehen, wahrend die Vordem sich schon Hütten und Häuser in der Ebene gebaut? — Darum verstehen es dmn auch die, welche nur einen einzigm Fleck, eine kleine Parthie im Auge haben, so wmig, beuttheilm es so schief, das Lebm des Judenthums. Israel war zu aller Zeit ein Verkannter und Verstoßener unter den Menschen, der das beste und heiligste Gefühl in seiner Bmst vttbergm und verheimlichen mußte. — Man hat schon längst aufgehött, die Racm des Menschengeschlechtes nach der Hautfarbe allein zu unterscheiden, man mißt den Schädel, seine Dimensionm, seine Länge- und Breitelinien, die Stellung der Stim und Nase, des Kinnes und. der Backenknochen. Auch weiß man längst, daß jeder Organismus schlechte und unbrauchbare Theile mit sich fühtt, die er ausscheidet durch dm Proceß des Lebms. Aber um dm Organismus und die Att des Judenthums zu beurtheilen, hat man immer nur auf zufällige Haurflecken geachtet und in dm ausgeschiedmm Excrementm gewühlt, daß es ein Ekel war und ist: theils aus Unkennmiß und Trägheit, das Auatomicmesser zur Hand zu nehmm, welches die edeln Theile offm lege, theils ebm, weil das Beschmutzm dadurch am leichtesten ward. O, wie oft hat'man selbst auf die Wundmmahle, welche die Fesseln gedrückt, hingewiesm und gemfm: Seht da, das ist Aussatz! Das Judmthum hatte sich, nachdem es von der Welt zurückgestoßm worden, der es sich nähem wollte, .in Gräcia, Latium und Spanien ik den Mantel des Cpnismus gehüllt, in eine Ecke auf dem Markte des Lebms gestellt, und ruhig über sich ergehm lassen, was die Vorübergehmden an Schmach und Hohn ihm aufhefterm und zuwarfm. Jetzt ist es zu sich selbst gekommm, es hat erkannt, daß die cpnische Hülle nicht mehr an der Zeit und zum Mantel des Antisthmes geworden ist, durch dcssm Löcher die-Eitelkeit schaut und der Wind weht; es wandelt in besserer Gestalt wieder unter den Menschen, — werden sie es immer und immer wieder zurückstoßm und ausschließm, und immer noch das alte Wott ihm feindlich mtgegmrufm: Weil du nicht ganz mit mir bist, bist du ganz wider, mich! —? Ist es in der mmschlichen Gesellschaft immer noch nicht so weit gekommm, daß es der Individualität frei st ehr, für sich zu lebm und zu schaffm, sobald sie nur nichts gegen das Ganze schafft, oder wird sie immer noch in Bandm geworfen, weil sie sich nicht aufgeben kann, und ebm eine Individualität ist? — Das Judmthum ringt also jetzt nach einer neun Existenz auf Erden, und nach einer neum Existmz im Himmel. Beidm hat es sich gmähett, währmd es früher zwischm Erd' und Himmel schwebte. Es enthülset sich; und indem es dadurch leichter und ungehinderter im Gange geworden, schreittt es auf seiner doppelten Bahn schneller und weiter vorwärts.

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