Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 1 (1837)
- Issue
- Heft 72 (19.9.1837)
- Date
- 1837-09-19
- Page
- Seite 287 (sequence 3)
- Language
- German
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287 •ein Argument abzuleiten; ich muß gestehen, es bietet! mir keines. Die höheren Klassen sind achtenswerih, die! niederen Klassen darf man rücksichtl'ich ihrer Moralität nicht härter beurtheilen, als andere Klassen der Unterthanen des Königs, die denselben Vorwürfen blosgesiellt sind.« So entwaffnet also der Verf. alle Gegengründe, welche her Emancipation der Juden sich gegenüberstellen. Er zeigt, wie dem klaren Verstände Alles hohl und nichtig erscheint, was die Partheilichkeit dawider aufbringt. Indem zweiten Kapitel bespricht der Verf. die Gründe, welche das Staatsbürgerthum verlangen, und stellt diese folgendermaßen auf: 1) Die Gerechtigkeit fordert es. 2) Die politische Einheit und das Wohl des Staats erheischt es. 3) Die moralische Erziehung der Juden macht es nothwendig. Er beginnt diesen Abschnitt mit den Worten: » Schon auf dem Boden der Geschichte muß es einleuchten, daß das neunzehnte Jahrhundert berufen ist, eine alte Sündenschuld, welche insbesondere aus den Christen ruht, zunächst auch von diesen aus wieder gut zu machen.« Mit eindringlicheren Worten, als je ein Jude gethan, als ein Jude — aus Zartgefühl — noch jetzt aussprechen würde, schildert er das historische Unrecht, das an den Juden gut zu machen sei. Worte also, die ein christlicher Prediger über die Verfolgungen, die uns betreffen, ausspricht, diewirselbstabersonimmer aussprecheu würden, weil wir Versöhnung, Versöhnung .haben, nicht aber die Seufzer und Flüche der Vergangenheit worbringen wollen: werden uns nicht verargt werden, hier anzuführen. S. 198: »Oder Christen, seid ihr noch nicht gesättigt, wenn noch einmal die Schatten so vieler Millionen Juden, welche das Schwert rauher mordsuchtiger Krieger und Ritter niederstieß, o-der der Huf ihrer Pferde zu Boden stampfte, bücklings an euch vorüberziehen? — Christen, seid ihr noch nicht gesättigt, wenn noch einmal die lauten Klagen und das Jammergeschrei so vieler Unglücklichen, für die das Leben keinen Werth mehr hatte und die in stierer Bezweiflung mit Weib und Kind sich selber den Tod gaben oder geben ließen, an euren Ohren wiederhallen? — Christen, seid ihr noch nicht gesättigt, wenn noch einmal Themis die Wage der Gerechttgkeit' euch vor Augen hält, und ihr sehet, wie hoch auf der allen Schale die rechtlichen Forderungen in die Höhe schnellen, wie tief hingegen auf der andern all' das gestohlne und geraubte Gold zur Erde sinkt? — Christen, seid ihr noch nicht gesättigt, wenn ihr noch einmal die vielen Mordscenen und die Verwüstungen der Häuser überblickt, die ein roher und fanatischer Pöbel unter den Wehrlosen anrichtetr? — Christen, seid ihr noch nicht gesättigt, wmn noch einmal all' die heimlichen Sünden zum Beichtstuhl kriechm, die mit Gift und Dolch, mit Hunger und Sttick, die Opfer der Wollust und Habsucht dahinnahmen? — Christen seid ihr noch nicht gesättigt, wenn noch einmal am Sttande der Meere die tausendfachen Schiffstrümmer und Leichname zu euch anwogten, welche auf der Flucht der Ausgetriebenen wenigstens ein fteies Grab gefundm hatten? — Christen, seid ihr noch nicht gesättigt, wenn noch einmal die unerhörten Seufzer und das Gestön der Sterbenden aus öden nachtvollen Kerkern zu euch herauftönte? — Christen, seid ihr noch nicht gesättigt, wenn noch einmal all' der Hohn, den nur menschliche Phamasie zu ersinnen vermochte, vom Battzupfen und Kothwerfen der Sttaßenbuben, bis zum Roßmühldrehen vor dem Wormser Magistrat, von der toulouser Ohrfeige bis zu Richards Sisbenzähnenkur in einem Vaudeville euch gegeben würde? — Christen, seid ihr noch nicht gesättigt, wenn noch einmal die Asche der vielen Brandstätten einer blutdürstigen Inquisition sich zu Wolken ausschichtete, daß es schier finster würde unter dem Horizont?-« Neben dieser Vergütigung ftühern Unrechts, fordert es aber auch der unumstößliche Grundsatz: gleiche Pflichten — gleiche Rechte: Endlich die unverjährbaren Menschenrechte. Der politische Grund findet seine Wurzel in dem Begriff des Staates, der walle die verschiedenen Individuen und Interessen in dem einen des gemeinsamen Vaterlandes und allgemeinen Wohls zu vereinen.« So aber sorgt der Staat nur dafür, daß die Juden immer noch gesondette Interessen haben, und sich der Liebe zum Vaterlande nie rein hingeben können. Der letzte, moralische Grund gehet noch auf einzelne, praktische Verbesserungen, z. B. auf eine jüdische Fakultät, jüdisches Seminar, jüdisches Consistorium u. s. w. ein, und bringt die heilsamsten Vorschläge. Der Verfasser, wie unsere Leser, werden schon an der genauen Verfolgung des Ganges vorliegender Schrift ersehen, welche Wichtigkeit wir derselben beimcftm. Ausgehend von einem Geistlichen, welchem Stande gewiß jeder materielle Gewinn jur die Wahrung des jüdischen Interesses am entfemtesten ist, geschrieben im lautersten Geiste der Humanität, abgefaßt mit Enthusiasmus für die Sache des Rechtes, mit einer enormen Belesenheit und Kenntniß des ganzen Gebiets jüdisch-politischer Literatur, keinen Zweig, kein Vorurtheil, keinen Einspruch vergessend und vernachlässigend, ist es bei Weitem das wichtigste Werk, welches die neuere Zeit über diesen Gegenstand aufrrtten sah, von dem'wir jetzt schei-