Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 1 (1837)
- Issue
- Heft 72 (19.9.1837)
- Date
- 1837-09-19
- Page
- Seite 288 (sequence 4)
- Language
- German
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288 den. Gewiß ist es nicht das Endwort des Verfassers. Dies hoffen und wünschen wir nicht. Seine Stimme wird immer gewichtiger, immer tönender werden, und die Wirksamkeit — nach dem Segen von oben — groß sein. Literatur. Der Phönix nennt die »Unpartheiische Universal - Kirchenzeitung« die Staatszeitung der Jesuiten, und bemerkt: »Dies möchte zureichend erklären, warum dieses Blatt noch nicht von Rom aus verboten worden.« Wenn man an L’Avenir des La Mennais denkt, so ist es allerdings eigen. Correfpondenzen, Auszüge, Repliken. (Aus Wien.) Ich werde Ihnen heute eine kurze würdigende Uebersicht der Anstalten geben, welche die Gemeinde Wiens gegenwärtig besitzt, und die ihren Gemein- und Wohlthätigkeitssina hinlänglich bekunden. Es ist dem Menschenfreunde so wohlthuend, wenn er bei so vielen herrlichen Schöpfungen verweilen kann, welche der reine Sinn für Gutes und Schönes hervorgebracht, an denen der Eigennutz und die Ehrlicbe keinen Antheil gehabt: und dies gerade da, wo man gewohnt ist, jedes Streben verkannt und verunglimpft zu sehen, da, wo man stets vom bloßen Sinn für materielle Interessen u. s. w. spricht. — Der den schönsten hiesigen öffentlichen Gebäuden beigezähkte, seit lange bestehende Cultustempel, der ohnedem das Verdienst hat, den ersten Impuls zur zeitgemäßen Organisirung des Gottesdienstes und der Liturgie in den östrttchschen Staaten gegeben zu haben, — und bereits mehrere Nachahmer gefunden, — erfreuet sich unter der thätigen Repräsentation der würdigen Herren Vertreter: des Edlen von Hofmannsthal, M. L. Biedermann, M. und B. Wcrtheimer, des glücklichsten Erfolges und Fortganges. Die energischen und feurigen, von vierzehn zu vierzehn Tagen stattfindenden Predigten des durch seine Rednergabe rühmlichst bekannten, gelehrten Mannheimer, sind von dem wirksamsten Einflüsse auf das stets zahlreiche, auch aus hohen christlichen Personen bestehende Auditorium. Aber Herr Mannheimer hat auch seit seinem Hiersein nicht bloß gepredigt, er hat auch mit rüstiger Thatkraft selbst Hand ans Werk gelegt, und seinem eifrigen Bemühen ist es gelungen, die schwere problematische" Aufgabe, dem Regellosen Constitution und Haltung zu geben, aufs entsprechendste zu lösen. Als Rabbiner funzirt der tiefes talmudisches Wissen mit zeitgemäßen Kenntnissen verbindende Herr Eleasar Horowitz, der, thätkg in seiner Amtspflicht, ehrenvoll seine Stelle bekleidet. Der eigentliche Gottesdienst wird von dem mit schöner volltönender Metallstimme begabten Oberkantor Sulzer, in Begleitung seines trdfflichen-sechszehnstimmigen wohlorganisirten Chores verrichtet, und besonders der Aus- und Einhebeaktus der Thora ist wahrhaft rührend, erhebend und erbauungsvoll. Auch hat unlängst die zweite seit dem Bestehen des Tempels verrichtete Confirmation von 12 Mädchen und eben so vielen Knaben an einem Sonnabend Vormittag, nach vollendetem Gottesdienste, daselbst stattgefunden, welche Herr Mannheimer mit einer kräftigen Rede an Zuhörer und Confirmandcn einleitete, worauf er selbst eine kurze Prüfung über die Grundwahrheiten der Religion vornahm, und am Schlüsse jedem Zögling mit einem passenden Bibelspruch den Segen ertheilte. Den Schlußstein der solennen, herzerhebenden Feier bildete eine eben so an metaphorischen Bildern, wie an Lebenssentrnzea.reich ausgeschmückte Rede, bei welcher kein Auge der zahlreich Versammelten trocken blieb. — Die Religionsschule erfreut sich unter der Leitung des umsichtigen Herrn. Br euer (Nachfolger des bekannten Herrn Dr. Saalschutz) eines blühenden Zustandes und Fottganges. — An's Unglaubliche grenzen die Leistungen des für fremde Hülfsbedürstige gestifteten schön organifirren Wohlthätigkeitsvereines, der , ein Born des Heiles ist für alle hülfcsuchende Mitbrüder, welchem die Gaben unsrer Mirbrüder nie abstehen mögen. An zweien Tagen in der Woche findet eine öffentliche Vettheilung statt, welche unter Aufsicht des mit edler Thatkraft wirksamen, verehttea Herrn M. H. Beer und des sich mit edlem Eifer und nie ermüdender Thätigkeit der Führung des innern Gemeinwesens widmenden verdienten Herrn p. Sichrofsky geschieht. Wie lobens - und anerkennungswürdkg ist die Hülfsquelle nicht, die der Eifer des geschätzten M.' den Jünglingen, die sich dem medicinischen, chirurgischen oder auch geburtshülflichcn Studium widmen, in der Großherzigkeit seiner'Gemeinde eröffnet hat, wodurch jährlich 8—10, je nach den Umständen ihrer Hülfslosigkeit, mit theils ganzer, theils theilweiser Beisteuer zur Bestreitung ihres Rigorosums unterstützt, und ihrem Ziele wie ihrer Versorgung zugeführt werden, und die hierdurch den edlen Israeliten Wiens Beförderung und Glück verdanken. Wie viele Thränen der Rührung und des Dankes entfließen nicht Hunderten, die in dem hiesigen eben so schönen als mit vielem Kostenaufwande bestrittenen israelit. Svitale Heilung und Lebenskraft wieder gewannen, mit welchem Eifer steht nicht der im Dienste ergraute, in Anerkennung seiner Verdienste von den größten Monarchen*) Europa's mit Zeichen ihrer Huld beschenkte Veteran, Herr Ascher Matzel, als - Spitalvater dem Institute vor. Schließlich wollen wir nur noch einer vom feinsten Zartgefühle und ästhetischem Schönheitssinne zeigenden und für religiöse Empfindung bedeutungsreichen Schöpftrng erwähnen, welche hier jüngst ins Leben zetteten, und dem eifrigen Bemühen des würdigen Herrn Leo Edlen von Wertheimstein und des rastlos thätigen Spital-Adjunkts, des Hrn. Herrmann, Erfindung und Vollendung verdankt. Es ist dieses die gänzliche Restaurirung und Verschönerung des neuern Friedhofs nebst ordnungsmäßiger Numerirung und alphabettscher Buchung der sämmtlichen Grabstttne. Den Gottesacker, als den Ort, wo wir die Reste unsrer Theuren, die Pfänder unsrer Liebe, für Ewigkttt und Auferstehung einsargen und verscharren, besuchen wir nur dann, wenn wir im innern Drange des Herzens uns angeregt und berufen fühlen, dem Andenken unsrer theuren Verewigten ttne Todtenfeier zu widmen, und — uns mit der Ewigkeit befteundend — mit heiligenden Ideen für das flüchüge Leben und dessen Stürme zü rüsten. Hierher, nach dieser Scheidegrenze zwischen Zttt und Ewigkeit, flüchten wir in wehmüthigen Stunde», um unsre geheimen Seufzer den lieben Hingeschiednen zu verttauen und nachzusenden. Doch, nur abgestumpfter Trübsinn, kalte Melancholie und Anempfängüchkeit für jede höhere Regung kann anstatt wehmüthiger Erbauung der Erfolg ttnes solchen Besuches sein, wenn dieser Ort ttnem verwahrlosten öden Steppengebiete gleicht! Dankbare Anerkennung daher den thättgen Amtsverwaltern, die auch in dieser Hinsicht ein schönes Zartgefühl beurkundeten. Der Fttedhof gleicht mit sttnen schönen Grabmälern, mit den in symmetttscher Ordnung gesetzten Pflanzen, dem was er vorstellen soll, ttnem Acker und Garten Gottes. Uebttgens möge der Herr allen diesen Sttftungen Segen und Gedtthen verleihen, und möge es an Nachahmern und Nachttferern in Israel nicht fehlen, damit das Voruttheil bttchämt verstumme und ttngestehe: daß auch Israel für die Stimme und Anforderungen des Zeitgttstes ttn offenes Ohr und empfängliches Herz hat, und der ihm unbilligerwttse sttt je entzogenen Rechte werth und würdig, und zu Ansprüchen darauf allerdings berechttgt sei. — *) Er erhielt von unser« «»vergeßliche» Landesvater, weil, Sr. Majestät Fra uz des ^Ersten, die mittlere goldne Civil-Verdienst Ehrenmedaille mit Sehr und Vaud, und von Sr. Majestät dem Kaiser vö» Rußland die große Verdienst-Medaille mit dem Alexander-Newsky- Rcdacteur: Dr. «. Philipps»». — Verlag von Baumgartners Bachhandlung. — Druck von W. Haack«