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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1837-09-14 · Heft 69 (14.9.1837) · p. Seite 274

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
1 (1837)
Issue
Heft 69 (14.9.1837)
Date
1837-09-14
Page
Seite 274 (sequence 2)
Language
German
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274 Politische Cnnixolt. I Ueber »Das StaatsbLrgerthum der Juden Ro bert Haas.« (Fortsetzung.) Wir sehen, Herr Haas legt uns unsere Nationalität sehr klar vor Augen; untz wo sie ihm bedeutend hcrvorzutreten scheint, da fordert er uns auf, sie zu veräußern. Unwichtigeres will er uns gönnen. Auch ist er sehr, gründlich, denn wir wüßten uns nicht noch auf. Etwas zu besinnen, das er vergessen hätte. Wie aber, wenn Herr Haas dennoch fehlgegriffen, trotz seinem vorzüglichen Willen, den wir ehrend anerkennen, trotz seinem klaren Verstände, vor dem die Verhälmisse offen daliegen? Wir sollen keine besonderen Kleider tragen, keine besonderen Speisen verzehren, keine besondere Sprache sprechen, kein besonderes Gesetzbuch halten u. s.w. Kleidung und Speise, Sprache und Gesetzbuch ab'er sind noch keine besondere Nationalität, sondern nur einzelne Zeichen derselben, Manifestationen, deren Unterdrückung noch keine Erstickung des innern Lebens bewirkt. Nationalität ist die eigenthümliche genetische Beschaffenheit und Anlage des geistigen Lebens eines Volkes, es ist der innere Charakter, der sich herausgeschaffen von seinem Beginne an durch seine Zeiten und durch seine Verhältnisse.— Wirf das Kleid ab, laß keinen Laut der alten Worte über deine Lippen kommen, vernichte deine Gesetzbücher, — nicht hierdurch wird das Herz anders, das in deiner Brust klopfet, und dein Geist ändert hierdurch die Gesetze nicht, nach dmm er seine inneren Wege verfolget. Diese jüdische Nationalität nun, sie ist keine orientalische mehr, als welche man sie so oft zu insinuiren sucht, denn achtzehn Jahrhunderte stehen schon über dem europäischen Juden, sondern sie hat sich gebildet unter dem Druckwerke der Beschränkung und Ausschließung, unter der Daumenschraube der Einpressung, auf dem Kohlenroste des Hohnes und der Aechtung von der einen Seite, — von der andern Seite durch die glühende Begeisterung für die Religion, durch dm schmerzhaftm, aber zuversichtlichm Ausblick zum Himmel, durch die Verachtung der irdischm Ehren und das rastlose Streben nach dm himmlischm, durch die Todesverachtung? und die Tröstung in sich und in dm Seinm für das Außen; sie ist hervorgegangm aus dem ewigm Kämpfern» die Existmz, wo das Dasein abgelauert werdm mußM der offmm Gewalt, wo der Stillstand schon ein Sieg war, wo der Jude seine Kinder an sich schnüren, und mit ihnen sich hindurchwindm Mußte, wo die Wanderung nur im Hindurchschlüpfm bestehen konnte. Daraus ist die Nationalität des Juden mtsprungen, und nicht durch das Abwerfen des Kleides, durch die Veränderung der Speism und Gesetzbücher kann sie allein verändert werdm, so wenig, wie sie in ihnen allein bestehet; sondem, sollte diese Nationalität sich destruiren, sollte sie sich in Atome verflüchtigen : dann kann es allein gefchehm auf dem entgegengesetztm Wege, auf dem sie ward. Beschränkung verwandle in Freiheit, die Bande lüfte, die Religion dulde, die Existenz werde behaglich, der Weg sicher, — und der Jude wird Dmtschcr, Engländer und Franzose. Und wie Vieles ist darin schon geschehm? Ebm weil die Behandlung des Judm schon eine ganz andere gewordm, well er schon eine weltverschiedme Stellung gewonnm, weil er schon auf der Straße, wmn auch nicht vor Schimpfworten, doch vor Steinhagel sicher wandeln kann, — ist auch die Nationalität des Judm schon zum größten Theile aufgelöst, und alle die klemm aufgezahltm äußeren Merkmale, die sonst bedeutmd warm, sind unbedeutend geworden. Fahre fort, und du bist am Ziele. Noch Eines. In der Aufzählung der nationalm Eigenthümlichkeitm, die der Emancipation im Wege stehm könntm und schon zum Theil hinweggeräumt sind (aber auch zum Theil nicht in der Macht des Judm stehm, wie die gemischte Ehe); hat Hxrr Haas noch eine sehr wichtige vergessm, die fteilich auch auf psychologischem Grunde steht, es ist die — nationale Erinnerung. Wie wichtig diese ist, werdm Alle zugeben, welche die Geschichte der Nationm nicht aus der Oberfläche schöpfm. Diese Erinnerung wird aber desto großer, je mehr die Nation. zum Bewußtsein kommt. Dieses Bewußtsein ist in dm Judm gerade erwacht, als sie überhaupt der Welt bewußt wurden. Diese Erinnerung ist aber in dm Judm längst nicht mehr die, eine eigmtliche Nation gebildet zu haben, (denn da ist die Zeit doch schon ein wenig zu lange her,) sondem vielmehr die Erinnerung an ihre Vergangenheit seit dem Verluste ihrer Selbstständigkeit und an die unendlichen Prüfungen, die sie in dieser zu erleidm hatten. Ist diese Ecinnemng auch ein Hindemiß für die Emancipation? O wie bald wird sie zum wesenlosm Schattenbilde werdm, wie bald wird sie verbleichm vor dem goldnm Sttahle der Freiheit, und die Helle Blutfarbe verlieren, die jetzt sie noch überzieht. O, ihr sprechet von der starrm Nationalität der Judm, und dmket nicht daran, daß ihr selbst sie zwinget, sich ewig als zusammmgehörige Volksmasse zu bettachtm, da ihr sie Alle mit gleichm Fesseln belastet, und mit gleichm Bannkreisen umgebet: »@o weit der Jude!« Nachdem der Verfasser dm nationalen Gegmgrund! auf diese Weise eröttett hatte, faßt er als zweiten Gegmgrund

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