Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 1 (1837)
- Issue
- Heft 68 (12.9.1837)
- Date
- 1837-09-12
- Page
- Seite 271 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3224738-3224807--00481-3298769- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
271 die der unentbehrlichsten Sicherheitspolizei in Betreff von Vagabunden, nach völligem Gutdünken und unter ganz nach Belieben gestellten Bedingungen, Jeden, dem sie es gestatten wollen, in ihren Kreis und mithin in den Hamb. Staatsverband aufzunehmen. Dieses Vorrecht, eine Anomalie in den gegenwärtigen Staatsverhälmissen, welches nur mit einer halben Emanzipation schon schwinden müßte, benutzen sie zuvörderst für ihre Töchter, indem Jeder, der ein Mädchen aus den Gemeinden heirathet, ohne Weiteres volles Mitglied derselben wird, und zweitens für die Gemeinde.-Cassen, da jeder sonstig Aufgenommene ein namhaftes Eintrittsgeld zahlen muß, wofür er nach Entscheidung des Gemeinde-Vorstandes entweder vollbürtiges Mitglied oder auch nur Beisitzer wird. Hier wäre nun wohl der Platz, einiges über die gesellige Stellung der hiesigen Juden zu den Christen anzudeuten, ein Moment, das nicht ndthweudig und überall dem bürgerlichen und gesetzlichen Standpunkt entspricht. Hier ist freilich dies Unternehmen dem Bericht über die Thaten eines Embryo zu vergleichen, so unbedeutend ist der Privat-Umgang zwischen den beiderseitigen Glaubensgenossen: der jüdische Arzt hat meist den größten Theil seiner Praxis unter den Christen, der Börscnhandcl kennt schon von Natur keine Religionsschranke*), Las Gewerbe, so weit es den Juden gestattet ist, sucht und findet seine Kunden in jeder Confession, Mensch steht dem Menschen, Nachbar dem Nachbar in jedem Nothfall tteulich zur. Seite; aber dennoch will der gesellige Umgang durchaus nicht recht in Gang kommen, und daran ist, leider, aber unbestreitbar, das schöne Geschlecht zumeist Schuld. Die Juden, natürlich schüchtem gemacht, haben in ihren zahlreichen Kreisen in jeder Abstufung des Ranges und der Bildung Auswahl genug, als daß sie sich bemühen sollten, den Umgang zu suchen, wo sie Kalte, Gezwungenheit und am Ende^ beim Hinzukommen Dritter gar eine beängstigende Verlegenheit wahrnehmen. Besserung in diesem Punkte, ist nur in sehr langer Zeit zu erwatten, und sie ttitt auch, wenn auch mit ungemein langsamen Schritten ein, obzwar das mit der Aufopferung ihrer eignen Würde verbundene widerwärtige Herandrängeu der Ungeduldigen mehrzurückhält als fördett. B. *) Während der künstlich aufgeregten Hepphepp-Zeit sagte der Senator I. zu dem Geldwechsler W. nach damaliger Mode: Über, lieber W., das müssen Sie doch gestehen, daß Ihre Leute im Allgemeinen den Christen gern Böses zufugen. Dieser, ein bekannter Saasfa^on, erwiederte: Ich weiß nicht, was Sie wollen, Herr Senator, mir vertrauen Sie Ihr Geld an, dem vr. L. Ihr Leben, und nun bilden Sie sich ein, sagen zu müssen, die Juden verdienten nur Mistrauen! Cor'-espondeuzen, Auszüge, Repliken. (Aus Bayern. Zweiter Artikel. Schluß.) Die Hoffnungen, die die so erfreulichen Verhandlungen unserer hohen Ständekammer vom Jahre 1831 in den Herzen aller unserer bairischen Glaubensgenossen erregt hatten, gingen nicht in Erfüllung. Wir hörten damals Männer, wie Rudhardt, den jetzigen Ministerpräsidenten Griechenlands, mit allem Feuer und allem Eifer sich unserer Sache annehmen. Das Resultat der Abstimmung aber vernichtete schon den menschenfreundlichen Wunsch, den der zweite Präsident der Kammer, Seuffert, einige Minuten vorher ausgesprochen hatte, daß die Sache der Menschlichkeit und der Christeuliebe einen schönen Sieg zur Ehre der Kammer davonttagen werde. — Im Jahre 1834 kamen die Judenangelegenheiten von einem Pfarrer, einem .würdigen Vertteter seiner Kirche und ihrer Dogmen, angeregt wieder zur Sprache. Tags zuvor waren die Griechen emancipirt und ihnen alle bürgerliche Rechte zugestanden worden. Als Tags darauf die Debatte über die Judenemancipation eröffnet wurde, bat der k. Ministerialccnrmissär die hohe Kammer, die Debatte doch fallen zu lassen, da die Juden noch so ttef ständen, daß sie dieser Würde unfähig wären. Die Kammer gehorchte und schwieg; es war kein v. Thielau in ihrer Mitte. Aber sie gehorchte nicht nur damals, es ist auch in. der jetzigen Kammer alles ruhig und still; nicht eine Stimme läßt sich bis jetzt darüber vernehmen. Es herrscht in Baiern gegen die Judensache eine gewisse Antipathie, die in dem strengen altbairischen Religionsglauben ihre Begründung findet. Jedoch würde diese gern vor einem entschiedenen Wirken von Oben verschwinden, denn der Baier ist gut, und unbeschränkter Gehorsam und Ergebung in den Willen seiner Obrigkeit das Element, in dem er lebt und webt. Dahingegen gehören zu den neueren Verordnungen und Verfügungen des königl. Ministeriums des Innern erstens die, durch welche den Juden die Zerttümmerung erkaufter Güter verboten , wird. In dem §. 16 des Ediktes vom Jahre 1813 heißt cs nämlich: »Häuser und liegende Gründe, welche die Juden nicht zur eigenen Bewohnung und Bebauung,, sondern^zum Wiederverkauf an sich bringen wollen, können sie nur bei öffentlichen Versteigerungen oder in Konkursfällen jure delendi an sich bringen.« Hierdurch wird den Juden das Recht erthcilt, ein ia toto erkauftes und ersteigertes Gut in Parzellen wieder veräußern zu dür-- fen. Durch das neue Edikt wird nun den Juden dieses Zertrümmerungsgeschäft fast ganz verboten, ein Geschäft, das bisher viele Juden ernährte, ein Geschäft, das an und für sich nicht verboten und nicht untersagt ist, weil viele Christen es jetzt treiben, das demnach auch nicht als den Unterthanen schädlich und dieselben beeinttächtigend erklärt wird, sondern das nur unter den Händen des Juden es werden solle, wogegen sich aber die cingeholten ' Berichte mancher Landgerichte und anderer Behörden aussprachen. Ein zweites Edikt verbietet sämmtlichen Schulen und Erziehungsanstalten, Zöglinge mosaischer Religion, die des Sabbaths nicht schreiben wollten,.in denselben zu behalten. Welchen Eindruck dieses Edikt auf religiöse Familienväter machen mußte, die ihre Kinder dem Handel abwenden und der Kunst und der Wissenschaft zuführen wollten; die nicht Kosten und nicht Aufwand scheuten, sie gründlich in allen möglichen Fächern des Wissens unterrichten zu lassen, ohne der Hoffnung sich hingeben zu dürfen, sie einst als Staatsdiener, als Lehrer an öffentlichen Anstalten zu sehen, die jetzt ihnen sogar den Weg nur zur Erlangung nützlicher Kenntnisse erschwett sehen, welchen Eindruck, sage ich, dieses Edikt auf solche Familienvater machen mußte, mag ein Jeder fühlen, dem ein Herz schlägt, das Eltcrnsorge und Elternliebe zu würdigen weiß. — Als Deranlassungsgrund des Edikts war genannt, weil die jüdischen Zöglinge durch ihr Rkchtschreibcn am Sabbathe den christlichen Mitschülern Einttag thäten. Diejenigen Schulbehörden nun, die ohne weitere Berücksichtigung dem Edikte nachkamen, veranlaßten nun den Austritt manches wackern Schülers, der seinen Cicero mit dem Schusterahl vertauschen konnte, oder gezwungen war, sich dem Handel wieder in die Arme za