Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 1 (1837)
- Issue
- Heft 68 (12.9.1837)
- Date
- 1837-09-12
- Page
- Seite 272 (sequence 4)
- Language
- German
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272 werfen. Andere Behörden, die das Edikt und seinen Veranlas-! sungsgrund genauer betrachteten, fanden dasselbe nic>-^-unumgänglich nothwendig, daß sie manches hoffnungsvolle Talent aus ihren Schulen verweisen sollten. Denn welcher Unterschied kann wohl dem Proftnor oder Schullehrer sein, ob er die Spccimina, . d. h. Aufgaben, die sogleich in der Schule unter der Aufsicht des i Lehrers verfertigt werden, am Sabbathe oder an jedem andern j Wochentage schreiben läßt! Welcher Unterschied kann es ihm sein,; wenn er am Samstage die. Hausaufgaben oder Correcta derselben i eindiktirt, ob der jüdische Zögling dieselben gleich nachschreibe, oder von seinen Mitschülern sich dieselben leihen lasse und zu Hause nachhole'! Welcher Nachtheil entstehtalso hieraus für den christj lichen Schüler, wenn der Lehrer, der mit gleicher Liebe allen sei- , nen Schülern ohne Unterschied der Religion zugethan ist und also i für Aller Wohl sorgt, diese Einrichtung in der Stundenordnung i der Lehrgegenstände trifft? — Von dieser Ansicht ausgehend ließen > viele ehrenwerthe, und wegen dieser schönen Toleranz noch beson- ' ders lobenswürdige Männer, ihre jüdischen Zöglinge unangefoch-! ten. Sie erfüllten dadurch die Pflicht des Lehrers eben so gut,! als sie die des Gehorsams gegen die höhere Obrigkeit nicht ver-! säumten, da das, was das königl. Ministerium befürchtete, Beeinträchtigung der christlichen Schüler, auf keine Weise stattfand. — Ich kann nicht umhin, eine Anekdote beizufügen, die bei der Erscheinung des Ediktes mir erzählt wurde. Der Rector N., ausgezeichnet und berühmt im Felde der Wissenschaft, wie durch seine Herzeusgüte von Allen, die ihn näher kennen, geehrt und innig geliebt, dessen Gymnasium schon seit vielen Jahren jüdische Zöglinge ohne allen Anstand in Betreff des Sabbaths und der Feiertage besuchten und noch besuchen, hatte zwei jüdische Zöglinge! seiner Klasse auf die Nektoratsstube rufen lassen, und sie von dem; Inhalte des Ediktes verständigt. Als die jungen Leute freudig in 1 die an sie gestellte Forderung cinstimmten, erwiederte er: Wahr-; lich, ihr hättet nicht in die Makkabäerzeit getaugt. — nigen sowohl, die eine der Emancipation würdige Bildung erlangt haben, als auch diejenigen, die sich einer solchen werth machen sollen, auf einen Platz zusammendrängt, wird uns kein Weg zum Fortschritc geöffnet, und die Thüre zum Eintritt in das stattliche Haus der bürgerlichen Ehre und Freiheit bleibt uns 'geschloffen. Wie wehmüthig wirkt dieser Umstand nicht auf den Gebildeten, der allein das ganze Gefühl dieser Sklavenfesseln zu würdigen weiß, wie betrübend auf den Ungebildeten, der nicht einschcn kann, warum er sein altes Gewand oblegen soll, da er nicht weiß, welchen Ersatz man ihm dafür bietet, und der in dieser Hoffnung auf Erlösung sich noch viel unglücklicher fühlt, als in seiner Sklaverei; der nun nicht ungern rufen möchte: Warum habt ihr uns hierher gebracht in diese Wüste, laßt uns. wieder zurückkehren zu den alten Fleischtöpfen Aegyptens. Und doch schwinden auch bei diesem Theile unserer Glaubensgenossen alle jene Ursachen zu Anschuldigungen, die man dem Juden vorwarf, um ihn und seine Religion zu schmähen. Der Jude bei uns unterwirft sich gern in Hinsicht auf Religion den jüngst gefaßten Synodal-Beschlüssen, wo solche Verbesserung und Verherrlichung des Gottesdienstes bezweckten; der Jude ergreift überall die ihm erlaubten Handwerke, und die Zahl der Professionisten, der Meister wie der Lernenden, ist^erstaunlich groß; die Zahl der Studirenden mehrt sich von Tag zu Tage, Mediciner, Theologen sind in nicht unbeträchtlicher Zahl an allen Universitäten; die Gymnasien aller Städte, in welchen Juden sich niedcrlaffen dürfen, zählen jüdische Zöglinge unter ihren Schülern, und an Individuen, die sich dem Lehrfache widmen, leiden wir nicht im mindesten .Mangel. Alle Voruttheile, die sonst Juden und Christen von einander entfernt hielten, schwinden und werden unsererseits gern abgelegt, wobei man uns freilich eine nicht nutzlose Tendenz unterschieben könnte; allein von diesem Standpunkte aus, könnte man jeder Tugend eine Schandtafel anhängen. Wie cs nun mit den Aussichten zum Eintritt in den Staats- - dienst beschaffen sei, läßt sich leicht schließen; er ist uns nämlich; geschlossen. — Wir haben zwar mehrere praktische Aerzte jüdischer! Religion in verschiedenen Städten Baierns; es ward erst jüngstens ' auch Herr Bernhrimcr als Professor der Chemie an der Stadt- : schule zu Kaiserslautern ernannt. Das sind aber städtische Dienste! und keine Staatsdienste. — Wir haben zwar auch seit einigen j Jahren in der P.rson des Herrn Dr. Grünsfelder einen jüdischen Advokaten zu Fürth. Dieser Mann wurde wegen seiner außerordentlichen Gelehrsamkeit hierzu ernannt. Er hatte an hiesiger Universität die Preisfrage der juridischen Facultät, die nun schon seit einigen Jahren nicht gelöst wurde, so beantwortet, daß seine Abhandlung mit dem Preise gekrönt wurde, und hat sich durch unermüdctcn ^Fleiß eine Masse von Kenntnissen erworben. Aber so wie man sich zuverläffigst erzählte, soll damals von Seiten des. königl. Ministeriums an das Decanar der juridischen Facultät die Weisung ergangen sein, die jüdischen Candidatcn, die sich durch diese Ernennung zum Studium der Jurisprudenz angespornt fühlten, wo möglichst von demselben abzuhalten. Sie sehen hieraus, wie cs mit unserer Hoffnung um den Staatsdienst, wie um Emancipation selbst steht. Es war auch jüngstens eine jüdische Deputation aus mehreren Kreisen hierorts versammelt, um, da die Stände hierorts wären, durch eine unterthänigste Bitte bei Sr. Majestät dem Könige doch etwas zu bewirken. Es ward ihnen aber allerhöchsten Orts die Audienz verweigert. So leben wir nun in einer Uebergangsperiode vom Nichtsein zum Sein, und es ist ja bekannt, daß jeder Uebergang in dem großen Reiche der Natur von einer Stufe ihrer Gebilde zur andern giftig ist. — ES werden uns, was wir dankbar anerkennen, alle Wege zur Rückkehr in den alten Schlendrian, in den alten Trödel und Wandel abgeschnitten, und hierdurch wird natürlich eine geistige, intellectuelle Bildung und Umbildung des Volkes beziclt und bezweckt. Aber während man uns Alle, dieje- Um meine Aussage zu bestätigen, will ich ihnen nur ein Beispiel anführen. Es war am jüngsten Wochenfefte, daß. zu Oettingen im Retzatkreise während des Bormittagsgottcsdienstcs Feuer in einem Christcnhause trusbrach. In Heinsfarth, einem eine kleine Viertelstunde davon entlegenem Städtchen, hörten cs die ebenfalls in der Synagoge versammelten Juden. Sic eilten aus derselben, ohne ihren Festtag und seine Gebote, noch sonst etwas berücksichtigend, und arbeiteten mit denen aus Oettingen vereint wacker und freudig, die verheerende Flamme'zu bezwingen. Den Einwohnern sämmtlicher Religionen gelang cs endlich, des Feuers Meiner zu werden, und die Juden hatten sich dabei so hervorzethan, daß der Stadtrichter von Oettingen Abends in fröhlicher Gesellschaft ihnen ein Lebehoch brachte, und dabei bemerkte: Heute hätten sie der Behörde Freude und sich Allen Ehre gemacht. Dem Verdienste seine Krone. Bei so munterem Rcgcwerdcn aller Kräfte wollen wir das Beste hoffen. Möge der Wahlspruch unseres Ringens und Strebens sein: Die in Thränen säen, werden in Freuden ernten. Ueberlasscn wir der Zukunft, was die Gcgcnwatt uns verweigert. Er, der geschworen hat bei seinem ewigen Himmelszeichen, daß dem Frühlinge der Sommer und dem Sommer der Herbst folgen solle. Er wird auch dieser geistigen Blüthcnzcit die Sonne und die Wärme der allgemeinen Menschenliebe zuwenden, auf daß am Baume des Lebens die Frucht de» Heiles und des allgemeinen Mcnschcnglückes reife und gedeihe. — ' Somit ende ich, Ew. Ehrwürden, meinen Bericht über Baiern, den ich mit aller möglichen Unparteilichkeit, Unerschrockenheit und Furchtlosigkeit niedergeschrieben habe. Die Gerechtigkeit und die Wahrheit sollen sich nicht beugen und nicht krümmen; denn sie sind die einzigen Waffen, die wir in diesem Kampfe um die herrlichsten Güter der Menschheit gebrauchen dürfen und sollen. Meine - Hoffnung bautt auf den Vers: Wenn Wahrheit unten ersprreßt, läßt sich die Gcrechttgkeit von oben schauen. — Redakteur: Dp. L. Philipps»». — Verlag von Baumgärtners Buch Handlung. — Druck von W. Haaek.