Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 1 (1837)
- Issue
- Heft 65 (7.9.1837)
- Date
- 1837-09-07
- Page
- Seite 259 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3224737-3224738-3224804--00466-3298751- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
die fortschreitende Entwickelung der Menschheit, zu appellirerr. Dieseglückliche Wendung ist wohl nicht wenig durch den Umstand gefördert worden, daß auch die Anklage der Gegner in dem Maaße dreister und allgemeiner wurde, als auch sie von dem. Einzelnen zu abstrahiren anfing. Denn man schämte sich endlich nicht mehr, offen mit-der Sprache herauszugehen und den Juden seit Moses alles Werden, mit einem Worte, alle Geschichte abzusprechen. Gegm solches Jgnoriren einer mehrtausendjährigm Bewegung der Geister giebt es denn sieilich keine andere Abwehr, als die- Schöpfung - einer ganzen neuen Literatur, welche die bisher verschlossenen Schätze jüdischen Rechtes, jüdischer Theologie, Philosophie und Poesie dem allgemeinen Bildrürgs- und Gedankencapitale zufuhct, daß unsrer Zeit überkommen, und das sie, wohl angelegt und reichlich befördert, der Nachwelt zu übergeben hat. Einzelne bedeutungsvolle Erscheinungen haben auf diesem Gebiete der Literatur bereits den Reigen eröffnet: und es ist keinem Zweifel unterworfen, daß die Ergebnisse jener Forschungen und so vieler anderer, die wir noch zu erwarten haben, innerhalb eines Jahr^ehnds bereits, so gemeingültig geworden sind, daß sie in keinem Handbuche der Eultur- und Literargeschichte werden fehlen dürfen. Durch die nachstehend' mitgetheiltcn' Proben wollte ich die Auftnerksamkcit einem Gegenstand zuwendcn, der für die poetische Seite des jüdischen Lebens nicht ohne Bedeutung ist. Während nämlich der Reichthum sinnvoller Mythen und Legenden von der intensiven Kraft des schauenden Geistes Zcugniß ablegt, die einem Volke inwohnt, so wird dies Zeugniß gerade hier um so wichtiger, als gewiß nur Wenige eine solche Fülle naiven und poetisch-sinnlichen Lebens derjenigen Entwickrlungssiüfe des Judenthums zugetraut haben, die uns im Talmud aufbewahrt worden ist. Denn wenn es jüdische -wie nichtjüdische Schriftsteller in Marge gegeben hat, die alle spätere Entfaltung des Lebens als Abfall von einem ursprünglichem Moscsthum, als Formelwust und Menschensatzung schlechthin verdammten, so konnte es nicht fehlen, daß auch der Midrasch, die talprudische Legende, als Aberglaube und Ammcnmahrchen gebrandmarkt wurde. Die höhere Gerechtigkeit, die man dem träumenden Volksgeist, der im Mythus seine innersten Offenbarungen ergießt, heutzutage zu zollen gewohnt ist, möge auch jenen halbverklungncn'Sagen zu güte kommen, die noch überdieß ihrem Gehalte nach nicht an irgend eine fcrnliegende geschichtliche Particularität, sondern an jene Helden des alten Bundes sich anknüpfen, 'die in der gesammten heutigen Volksbildung als die Urformen menschlicher Zustände sich vorfinden. Ich möchte nämlich zunächst diejenigen Legenden und mythisch nationalen Vorstellungen abfondern, die sich auf das alte Testament beziehen. und man würde gewiß, wenn sie vollständig vor uns lägen, einen Enstehungsproceß zu beobachten die Freude haben, der in manchen Punkten an die Mythcnbildung alter und neuer Völker erinnert, während er in andern seinen eigenen Gesetzen folgt. Die kolossalen Gestalten der Vorwelt, mir denen, wie mit seinen nächsten Verwandten und Freunden zu leben, jedem Einzelnen zum unabweislichen Bcdürfniß geworden ist, sucht sich der frommt, hingebungsvolle Sinn immer mehr zu nähern: die Lücken, die der Lapidarsiyl der heiligen Schriften übrig gelassen hat, fordern die Phantasie auf, sie mit lieblichen Bildern zu bevölkern, und die Gewohnheit, alle Handlungen des täglichen Lebens durch religiöse Erinnerung zu weihen, -knüpft jede fteudkge Vorstellung, jedes schmerzliche Gefühl, die durch das Herz des Volkes gezogen sind, an Aussprüche der Bibel an, und halt sie in solchen Erinnerungszeichen für die kommenden Geschlechter fest. So rankt sich der Epheu der Sage mild und weich um die Marmorbilder der heiligen Geschichte, die in Geist und Gemüth eines neuen Geschlechts neues Leben und neue Gegenwart gewinnen. (Schluß folgt.) CorrespondeNzen, Auszüge, Repliken. (David Beit über Mendelssohn.) Ein ganz eigenes Urtheil über Mendelssohn findet sich in einem Briefe Beir's (des jüdischen Arztes) an die bekannte Rahel (1793.), das seiner Besonderheit wegen hier angeführt werden muß. -Allerdings hat Mendelssohn orientalische Lournure, nur vergessen Sie nicht, daß er diese Lournure ausguten Gründen beibehaltcn, vielleicht affektirt hat. Er wollte zeigen, daß ein Jude mit dem Geiste seiner Däter, und ganz nach dem Muster des Lricnrs gebildet, die höchste Freiheic erreichen kann; er wollte durch sein Beispiel zeigen, was der Jude als Christ und Jude leistet-, er hat sich immer bemühet, zwischen beiden Partheirn durchzuschwimmen, und manchmal steht freilich auch dem geübtesten Schwimmer die Arbeit nicht an,^-und der. Angstschweiß auf der Stirn.« —(Galerie von Bildnisten aus Ratzels Umgang und Briefwechsel. Bon Barnhagen von Ense). Allerdings mag wohl Mendclsohn oft zwischen der Skepsis der französischen Philosophie und der Klarheit der deutschen Populär - Philosophie in's Gedränge gekommen sein; allein daß er, ohne je zu wanken, ohne je irre zu werden, das Judcnthum durch sein ganzes Leben hindurchfuhrte, ist Beweis genug, daß es seine vollkommenste Ucbencugung, keine Assectatiorr war. Seine Stellung im Leben war bekanntlich oöllr'a unabhängig. Literatur. {fi«n fi.J Die Leitung des früher so-blühenden Cäcilienvereins zu Frankfurt a. M. wurde vorläufig, nach dem Abgänge Schelble's, dem talentvollen Klavierspieler Hill er übertragen, aber leider' findet dieser ein großes Hindernißfür seine Wirksamkeit darin, daß nicht'Wenige an ibm mehr den Israeliten, als den Künstler in Berücksichtigung nehmen. (Zeit. f. v. elcg.W.) Meyerbeer hat eine Ballade »die Tochter der Luft< componirt, welche jetzt in allen Pariser Salons ertönt. Der Tert ist von Wer-. _ (Zeit. f. d. elcg. W.)