Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 1 (1837)
- Issue
- Heft 65 (7.9.1837)
- Date
- 1837-09-07
- Page
- Seite 260 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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360 Nekrolog. (Schluß.) Obgleich auf diese Weise sein Geist eine etwas philosophische Richtung erhielt, und manche ihm fremdartige Ideen in sich aufnahm, fo blieb er dennoch ein treuer Anhänger streng-orthodoxer Grundsätze, und zeichnete sich durch ein unerschütterliches Festhalten dessen, was er in Gemäßheit dieser Grundsätze festhalten zu müssen glaubte, besonders aus. Uebrigens haßte er das Ueberrriebene in religiösen Grundsätzen und Handlungen, weil er darin die Spuren einer verwerflichen Frömmelei oder Scheinheiligkeit erkannte; und wer diese Spuren an sich trug, schien ihm verdächtig, und seines nähern rlmgangs unwürdig. Andrerseits war er tolerant gegen jeden Andersdenkenden, insofern er dessen Grundsätze als das Ergebniß redlicher Forschung' erachtete; die Sucht, Andersdenkende zurückzustoßen und zu verfolgen, kannte er nicht, im Gegentheile war ihm der Besuch derselben jederzeit willkommen. Ueberhaupt verstand ersseine Zeit, wußre wasdie Klugheit gebot und zog seinem Berufe die Grenzlinie, innerhalb welcher er sich bewegen durfte. Gern unterhielt er sich im häuslichen Kreise seiner Freunde, und suchte dadurch dem Bedürfnisse gesellschaftlicher Mittheilung Genüge zu leisten, auf welche er sonst hätte verzichten müssen, weil er seine Wohnung höchst selten verließ, und so dem öffentlichen Kreise der Gesellschaft entzogen wurde. Zn diesen Privatgesprächen, , welche er durch seine oft sehr muntere Laune zu würzen wußte, entwickelte er zuweilen so viel Scharfsinn und Weltweisheir, daß auch diese für den denkenden Geist von nicht geringem Interesse waren. Die angestrengte Geistesthätigkeit seiner Jugendzeit blieb übrigens nicht ohne nachtheilige Folgen für sein Alter, und namentlich waren die vielen seinem Studium gewidmeten schlaflosen Nächte von höchst nachtheiligem Einflüsse für das Licht seiner Augen, welches in den spätern'Jahren seines Lebens, durch oft wiederkehrende .krankhafte Zufälle, allmählig schwächer wurde, und in den letzten Jahren endlich ganz schwand. Er konnte in den spätern Jahren seines Lebens wegen seines vorgerückten Alters und der in Folge desselben herbeigeführten Kränklichkeit, seinem Amte nicht mehr kräftig vorstehen, weswegen ihm schon im Jahr 1827/ auf fein eigenes Ansuchen, von der Großh. Bad. Regierung, ein Substitut ernannt wurde, welchem er in den letzten 2 Jahren wegen oft wiederkehrender sehr bedenklicher Krankheitszufälle seine Amtsführung ganz überlassen mußte. Sein Geist blieb zwar mit wenigen Unterbrechungen, bis in den letzten Monaten seines Lebens frisch und klar, und fast ununterbrochen, wenn auch im Stillen, thätig, jedoch war seit mehrern Jahren die jugendliche Schöpferkraft von ihm gewichen, und seine Geistesthätigkeit war lediglich noch eine rcprvductive, die fteilich, bei einem so reichen Materiale, immer noch eine ansehnliche Ausbeute talmudischen Wissens zu liefern im Stande war. Seine 2 Jahre anhaltende Kränklichkeit hatte sich zuletzt in einen mehrmonatlichen, mit sehr schmerzhaften Leiden verbundenen Krankheitszustand verwandelt, daß selbst feine Angehörigen die Stunde seiner Erlösung als eine wünschenswerthe ansahen. Der Verewigte selbst sah ihr mit frommer Ergebung entgegen, bis sie ihn am 23. Juli d. I. Morgens 5 Uhr zu einem höheren Sein abrief. Seine gelehrten Abhandlungen über einzelne Abschnitte des Talmud, sowie rabbinische Synagdgen - Borträge enthaltenden Manuscripte, werden vielleicht demnächst von einem vcrmöglichen Jsraelftcn in Wilna, an welchen der Verewigte dieselben vor Mehrern Monaten, auf dessen dringendes Ansuchen, gegen ein angemessenes Honorar verabfolgen ließ, zum Drucke befördert werden. Seine ausgezeichneten Leistungen im Gebiete der Talmud-Gelehrsamkeit fanden bei allen, die sie zu würdigen verstanden, gebührende Anerkennung, welche sich auch nach seinem Tode, durch die tiefe Trauer aller die ihn kannten, unverkennbar kund that. So ist eia Mann von der Schaubühne der Welt abgetreten, dessen Geist über ein halbes Jahrhundert an dem Horizonte des Wissens so hell leuchtete, und dem in. so vielen Rücksichten, und namentlich in Rücksicht, seiner talmudischen Kenntnisse, nicht leicht ein anderer seines Faches in unserm deutschen Daterlande an die Seite zu setzen sein dürste. Und die allseitige Anerkennung dieser Leistungen wird sein Andenken, als ein wooumeotom aere perennius, gewiß in der Brust eines jeden, der ihn kannte und zu würdigen wußte, auch fortan frisch erhalten »Sanft ruhe sein Körper, und sein Geist, labe sich an dem Lichte, das denen zu schauen vergönnt ist, die da selig sind! < Karlsruhe im August 1837. Einsender des vorstehenden Nekrologs kann es nicht unterlassen, auch noch über die feierliche und würdevolle Bestattung des Verewigten, sowie über manche andere ihm nach seinem Tode zu Theil gewordene ehrende Anerkennung, einiges kurz zu berichten. Zuvörderst fühlt er sich verpflichtet, des seit fast einem Jahre hier in das Leben getretenen Vereins »zur Handhabung der gesetzlichen Ordnung bei Leichenbegängnissen« (nvsri man), mit dankender Anerkennung zu erwähnen, indem es wohl dem Bestehen desselben allein zuzuschreiben sein dürste, daß es in der hiesigen isr. Gemeinde jetzt möglich wird, bei allen Leichenbegängnissen, wie es auch bei dem Leichenbegängnisse des Verewigten auf eine sehr würdige und herzerhebende Weise geschah, eine der Würde und dem Ernste dev Sache angemessene, -und das Gewissen des Einzelnen auf keine Weise verletzende, Ordnung zu beobachten. Bor Abgang der Leiche versammelten sich, wie gewöhnlich, alle welche die Leiche begleiten wollten, in einem dem Sterbehause nahe gelegenen Lokale. Von dieser Zeit an bis zum Schluffe des Bestattungs-Aktes blieben bei diesem Trauerfalle ausnahmsweise die Laden der hiesigen israelitischen Kaufleute geschlossen. Zur festgesetzten Stunde setzte sich der Leichenzug in folgender Ordnung in Bewegung. Vor der Leiche gingen die .beiden Diener der längst allhier bestehenden Wohlthätigkeits- Gesellschaft (n-cmp man), schwarz gekleidet und in eckigten Hüten; neben der Leiche gingen die Mitglieder dieser Gesellschaft, ebenfalls in schwarzer Kleidung und in ihren gewöhnlichen Synagogenmänteln, sowie die vor Abgang der Leiche außerdem aus dem Vereine (no»n '«wld) zum Tragen und Abwechseln bestimmten Individuen, in schicklicher Ordnung Kolonnenweise; hinter der Leiche folgten die 3 leidtragenden Söhne. des Verstorbenen, der Rabbinats - Substitut im Synagogenornar, einige andere jüdische Geistliche, die Mitglieder des Synagogearaths, die Schuljugend mit ihren Lehrern, die Mitglieder des Vereins nl2An V«*tC2, sodann die übrigen Gemeinde-Glieder, alle in schwarzer Kleidung, paarweise hinter einander; den Schluß des durch die Beiwohnung fast sämmtlicher hiesigen isr. Gemeinde- Glieder sehr langen Leichenzugs, bildeten 2 Wagen, in welchen auch die von der Großh. Regierung ernannten christlichen Mitglieder des Oberraths der Israeliten die Leiche begleiteten. Auf dem Friedhofe hielten der Sohn des Verewigten, Herr Bezirks- Rabbiner Ascher von Dühl, und darauf der vormalige Substitut des Derewigttn und dermalige Verweser der Stelle desselben, Herr Rabiner Elias Millstätter, passende Reden. Ebenso wurden sowohl am Becrdigungstage einige Stunden vor der Becrdigungs - Zeit, sowie im Laufe der Trauerwoche, von Rabbinats- Kandidaten und andern Individuen paffende Trauer-Vorträge zur Ehre des Verewigten in dessen Wohnung gehalten. Es läßt sich hiernach von den Amtsbrüdern des Verewigten, auch von den entferntern, erwarten, daß sie gegen denselben diese Pflicht der Pietät, auf die er sich gewiß einen gerechten Anspruch erworben hat, zu erfüllen nicht versäumen, und ihm dies Denkmal der Verehrung willig weihen werden. .Karlsruhe im August 1837. Redacteur: vr. L. Philippsou. — Verlag von Baumgärtners Buchhandlung. — Druck von W. Haack.