Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 1 (1837)
- Issue
- Heft 60 (29.8.1837)
- Date
- 1837-08-29
- Page
- Seite 238 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/3224737-3224738-3224799--00440-3298714- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
238 -Heber S^ch eint od und' L eichenh Luser. Nach Ansichten des alteuJudenlhums. Eine Aufforderung au sämmtliche jüdische Gemeinden, und besonders an die Berliner, P. L. Hurwitz in Berlin. , (Schluß.) Jener talmudischm Vorschrift nachzukommm, war damals leicht möglich, weil die Gräber anderer Art waren als heutzutage, nämlich nicht enge Gruben, sondckn geräumige Höhlen (im Talmud unter dem Namen Cu chin bekannt). Man verscharrte den Tobten nicht (vgl. 1. B. Mos. 23.), und legte ihn auch'nicht in einen geschlossenen Kasten. So war der etwanige Scheintodte nicht in Gefahr zrr ersticken, konnte sich, wenn er erwachte, selbst helfen, und hatte außerdem Beistand zu erwarten von denen, die ihn besuchten. Wem es um mehrere Beispiele von Scheinwdten zu thun wäre, den verweise ich auf die schätzbare hebräische Schrift (Sedslotd Chachan») des frommen und gelehrten, zu Frank- -ftrrt a. d.£>. verstorbenen Arztes H. Schlesinger, in welcher deren 23 von theils sehr berühmten Aerzten selbst beobachtete mitgecheilt werden. In allen daselbst angeführten Fällen waren die gewöhnlichen, aberkeineswegs untrüglichen Zeichen des Todes (Unempfindlichkeit aller Glieder, Stillstand des Pulses und Athems u. m. a.) vorhandm, und gleichwohl kehrte bei ihnen das Leben nach. mehreren Tagen wieder. Schrecklich und zur besondem Warnung gerade für Juden ist das, was der Vers, am Schlüsse seiner Schrift erzählt: »Rabbi Jechiel aus Simiatisch hat mir erzählt: die Fürstin seiner Stadt wünschte sich -einen Weg von ihrem neucrbauten Palast bis zu dem ihm gegenüber gelegenen Garten zu bahnen. Allein da der dazwischen liegende jüdische Gottesacker ihrem Plane hinderlich war, so zwang sie die Juden, ihn zu verändern, die Todten aus den Gräbern zu nehmen, und sie anderswohin zu schaffen. Bei dieser Gelegenheit fand . man leider! viele Leichname in umgekehrter Lage, welches nur durch ein Erwachen im Grabe geschehen sein konnte.« Dergleichen Beispiele sind aber nicht dazu ausgezeichnet, den Leser mit Geschichtchen zu unterhalten, sondern sie sollen dm wohlthätigen Zweck haben, die Menschm vorsichtig und auf Mittel sinnm zu machm, solchm schaurigm Ereignissen vorzubeugen. Doch bis jetzt ist dieser Zweck nur sehr unvöllkommen erreicht, und bei den Judm nicht einmal unvollkommen. Noch immer verfährt man in dm meisten jüdischm Gemeindm nicht nach dem wahren Sinne des Gesetzes, sondern nach dem mißverstandenen, und wenn nicht der Arzt oder die Verwandtm eines Verstorbenen sich gegen das zu frühe Beerdigm auflchnm, wird derselbe oft am Sterbetage selbst, höchstens nach Verlauf von 24 Stundm, mit Erde bedeckt. Wmn der Talmud sagt: »Die Gesetze sollm dazu dienen, das Leben zu erhalten, nicht es zu verkürzen;« wmn der Talmud ausdrücklich erlaubt, die Beerdigung zu verschieben, falls etwa die Ehre des Verstorbmm es erfordere (T. Moe<l Katoa ,foI. 28.), so ist doch wahrlich die Besorgniß, einm Mmschen lebendig zu begraben, . ein »eit wichtigerer Grund, das bei uns gebräuchliche eilige Begrabm der Todtm gänzlich abzuschaffen. Dieser — trotz aller Polizeiverbote und Medizinalgesetze noch sehr ' allgemein herrschmden — Grausamkeit ein Ende zu machm, muß jedem menschlich Dmkmdm und Gefühlvollen heilige Pflicht-sein, und dies zu bewirkm ist der Zweck dieser Zeilm. Aber wie ist es zu bewirkm? «erden Viele ftagm, und . meinm, das möge leichter zu beantwortm .als auszufuhren sein. Nicht so schwer, als man sich einbildet! Denn ist es zu beantwortm, so ist. es auch auszusührm. Selbst rmter unsem christlichen Mitbrüdern, die doch ihre Todtm drei Tage lang (ganz so, wie es auch der Talmud be- .stimmt) im Hause behaltm, sind schon Viele mit Vorschlägm hervorgetreten, wie die Gefahr des Lebmdigbegrabms abzuwenden sei. Daß bis jetzt noch so wmige in Ausführung gekommen, davon mag wohl der Grund in etwas Anderem, als in der Unmöglichkeit zu fuchm sein. In der ungleich kleinem Stadt als Berlin, in Weimar, ist seit einer Reihe von Jahrm ein sogmanntes Leichenhaus vorhandm, das dem sel. Hufeland sein Entstehm verdankt. Vor nicht gar langer Zeit hat dasselbe seinm wohlthatigen Einfluß bewährt. Es wurde ein todt Geglaubter dahin gebracht, der es aber in der That noch nicht war. Er kehrte ins Lebm zurück, zwar nur auf einige Augenblicke, um es bald darauf wirklich zu mdm,-— indeß das Bewußtsein, zur Erhaltung des Lebens eines Nebmmmschm Alles gethan zu habm, ist wohl auch etwas Werth. — Wir, gegen unsere christlichm Mitbrüder so gering an Zahl, könnten' eine ähnliche Einrich- 'tung mit Leichtigkeit ins Werk setzen. Man mache nur dm Anfang; man zeige dm Willm, es zu thun, und der Eifer unserer Glaubmsgmossm, gemeinnützige Zwecke befördern zu helfen, wird sich im schönsten. Lichte zeigen. Willig und, gern werdm sie zur Ausführung des in Rede stehmdm Untemehmms die Hand bietm. Wer möchte nicht gern schon bei seinem Lebm des lästigm Gedankens überhobm sein, lebmdig begrabm. zu werdm? - Auch an einem bequemen Orte für eine solche Anstalt fehlt es in Berlin nicht, wo der neue, so geräumige Begräbnißplatz vor dem Schönhauser Thore hinlänglichen Raum gewährt. Weimar hat uns ein Beispiel gegebm; folgen wir