Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 2 (1838)
- Issue
- Heft 62 (24.5.1838)
- Date
- 1838-05-24
- Page
- Seite 251 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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251 erlebten Lebens deutlich machen, um seiner Existenz eine neue Basis und ein neues Recht zu schaffen. Man kann jetzt nicht mehr sagen: ich will da sein, weil ich . will, sondern weil ich muß, und nicht anders kann. Es ist nothwendig, die Nothwendigkeit seiner in der Kette der Erscheinungen nachzuweisen. Will man den faden Vorwürfen, als ob Israel eine lebenslose Ruine der Vorzeit sei, mit dem schlagendsten Beweise ihrer Nichtigkeit entgegentreten, so muß man bekräftigen, daß man unser gar nicht entbehren könne. Wer nur einen Begriff vom Geiste der Geschichte hat, wird diese Forderung als begründet erkennen, von unsrer wie von andrer Seite. Israel stellt sich damit aus eigenem Antriebe vor das Tribunal der Weltgeschichte, und wer hätte dies jemals von ihm geglaubt? Dies ist nicht blos Gedanke des Schreibers Dieses, sondern die ganze Operation der jüdischen Zetztheit, und ich kann sagen, besonders die Operation dieser Zeitung. Es ist dies ihre Existenz und Tendenz. Hier gilt es aber, die Bedeutsamkeit früherer Zustande an's Licht zu stellen, und tiefere Blicke hineinzuwerfen. Es ist mit oberflächlicher Darstellung gar nichts gethan, hier vor Allem gilt das Allgemeine, und man wird deshalb erlauben, zuvor einige Blicke darauf zu werfen. Das allgemeine menschengeschlechtliche Leben ist ein Product der neueren Zeit. Das Atterthum bestand nur im Einzelleben der Völker, von denen jedes seine eigene Richtung und Aufgabe hatte. Es waren nicht blos die vom Libanon und seinen Bergzügen umschlossenen Hebräer, es waren auch die Hellenen, die alle Nichtgriechen Barbaren nannten, es waren auch die Römer, die erst spat griechische Kultur sich einpfropsten, und zuvor Jedwedem das römische Bürgerrecht geben mußten, ehe sie ihn als Menschen anerkennen konnten., die ein einzelnes Volksleben verlebten, Aegypter und Chaldäer und Inder nicht zu gedenken. Erst die Neuzeit hat den Völkern ein Gesammtleben gegeben, und allen alle menschliche Bestrebungen überantwortet. Hiermit fällt auch schon die den Hebräern so oft vorgeworfene Jsolicung als Vorwurf zusammen, da derselbe Vorwurf den übrigen Völkern des ächten Alterthums gelten würde. Was haben die Griechen für die Perser gethan, was die Römer für die Iberer und Germanen? Nur erst als die wahre Grenze des ächten Atterrhums überschritten worden, kann man die Vorderasien überschwemmenden Griechen, und die vom Ebro bis zum Euphrat verbreiteten Römer ein dürftiges Allgemeinleben vorbereiten sehen, und da war es denn auch, wo von den Hebräern das Chrrstenthum emanirte, und sie also wahrlich einen genügenden Theil dazu beitrugen. Indem wir also annehmen, daß jedes bedeutende Volk des Alterthums seine besondere Lebensaufgabe hatte, müssen wir diese in wenigen klaren Worten zu bestimmen, suchen. Israel hatte -die religiöse Erkenntniß, Hellas Kunst undWissenschaft, Rom dieStaats- und Rech tsversassung zur Aufgabe. Darum treten als die hervorstechendsten Geisteseigenschaften dieser Völker, als Boden, aus dem die angegebenen Lebensproducte derselben hervorwuchsen, auf: in Israel das Gemüth, in Hellas die Phantasie, in Rom der practische Verstand. Nun konnten zwar Israel und Hellas nicht ohne Staatsleben, Israel und Rom nicht ohne Kunstleben, Hellas und Rom nicht ohne religiöses Leben sein; diese waren bei ihnen aber stets ihrer eigentlichen Tendenz unter- und beigeordnet, und nahmen von dieser ihre Färbung an. Daher bei Israel eine Staatsform voll religiösen Elements, theokratisch; in Hellas ein stetes Schwanken und Verwirren der Oligarchie und Demagogie; — in Israel nur religiöse Lyrik; — in Hellas für das Gebiet der Religion nur phantastische Gebilde; — in Rom hatte Kunst und Religion nur eine praktische Tendenz, die Dichtkunst war lediglich Rhetorik *), die plastische Kunst Genuß, die Religion nur von materiellem Bestände. Vergleichen wir die Natur der Entwickelungsobjecte der drei Völker mit einander, so ist, es eben naturgemäß, daß, indem Kunst und Staat nur etwas Endliches und Begrenztes ist, die beiden Völker, welche deren Substrate waren, sobald sie ihre Aufgabe gelöst, von dem menschengeschlechtlichen Organismus ausgeschieden werden mußten, daß aber, weil Religion unendlichen und unbegrenzten Inhalts ist, auch zu fortdauernder'Entwickelung sie ihr Substrat erhalten und verewigen mußte — noch dazu da wiederum es nicht die ganze Kunst und der ganze Staat waren, die den beiden Völkern des Alterthums übergeben worden und werden konnten, so daß deren ganz neue Entwickelung in immer neuen Substraten beginnen mußte. So war es den Griechen nur Vorbehalten, eigentlich der Bildhauerkunst ihre Vollendung zu geben, wo hingegen die Malerei, zu der die Phantasie, ohne Verbindung des Gemüthes, nicht ausreicht, bei ihnen in der Kindheit blieb. Gleicherweise erhielt die Dramatik von den Griechen eine wenigstens partielle Vollkommenheit, die griechische Lyrik gewann nur eine Formentwicklung. Gleicherweise war den Römern nur die Demokratie zur Entwicklung Überantworter, wohingegen die Monarchie sehr plump bei ihnen ausfiel, *) Ich erinnere als Beispiel nur an die Tragödien Seneka's.