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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1838-05-24 · Heft 62 (24.5.1838) · p. Seite 252

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
2 (1838)
Issue
Heft 62 (24.5.1838)
Date
1838-05-24
Page
Seite 252 (sequence 4)
Language
German
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252 und an Constitution nicht zu denken war. Die Religion hingegen kann vermöge ihrer Natur keine theilweise Entwicklung erleiden, so ist stets ein Ganzes und ein All, von dem wesentlich nur ihre Stellung gegen die sociale Welt und die Verbreitung der Erkenntniß einer theilweisen Entwicklung anheim fallen kann. Die Religion entwickelt sich in sich als Trennung des Absoluten vom Subjektiven und als Bereinigung des Glaubens mit dem Erkennen — das ist aber nicht ein Sichtliches, das sich spalten laßt, nicht eine Aufgabe, die sich Ln Themata trennen und austheilen läßt. Dieses Verstandniß eröffnet uns die wahrhafte Philosophie der israelitischen Geschichte. Sie zeigt uns, wie das. Zufällige von dem Wesentlichen in derselben zu trennen und zu begreifen sei. Sie stellt uns die Auslosung des israelititischen Staates/ die von Salomon abwärts bis auf die Zerstörung durch Titus so allmatig, dem Gange der Religionsentwicklung gemäß, verlief, als eine Nothwendigkeit dar, die von der Aufstellung eines Ideals israelitischen Staates in der mosaischen Gesetzgebung und dessen Nichterfüllung aus naturgemäß vorwärtsschritt. Zu gleicher Zeit zeigt sich dadurch eine nächste und spatere Zukunft Ln so klarem Lichte, daß eine nähere, detaillirte Bearbeitung der hier angedeuteten Ideen in den folgenden Skizzen nicht ohne Lösung mannigfaltiger Fragen bleiben wird. Correspondenzen, Auszüge, Repliken. Paris, 1. Mai. Französische Zsraeliten. Fünfter Artikel »). Paris. Paris repräsentirtFrankreich; Frankreich, was auch gallsüchtige Politiker dagegen sagen, repräsentirt, als Mittelpunkt des guten Geschmacks, die moderne Civrlisation. Man wird sich daher gedrungen fühlen, zu glauben, nach Analogie, daß der israelitische Kultus in Paris das Muster der Vollkommenheit ist, welches man anderwärts zu erreichen bätte. Nichts wäre jedoch weniger genau als dieser Schluß. Scin Z rstand ist ebenso wenig befriedigend, als in den Provinzen, vielleicht noch weniger; er ist gewiß unter, dem, was, in diesem Betracht, gethan oder versucht ist, in mehren Städten Deutschlands. (Man vergesse hier nie, daß ich stets vom religiösen und pädagogischen, nie vom bürgerlichen Leben Ispreche). Woher kommt diese Anomalie? Wenige Worte genügen, diese Frage zu beantworten. Paris bevölkert sich im Allgemeinen durch die Provinzen und die Fremde; das findet noch mehr statt von der israelitischen Bevölkerung. Es ist erst seit ungefähr 50 Jahren, daß diese das Wohn- (bourgeoisie), seit 47 Jahren, daß sie das Bürgerrecht (droit de citoyen) erhalten hat. Die gegenwärtige Generation ist größtentheils in Paris geboren, aber ihre Vater sind aus allen Winkeln der Welt gekommen, und noch heute recrurirt sich die israelitische Bevölkerung der Hauptstat aus dem Elsaß, aus Lothringen, ja selbst aus Polen. Wenn man von der einen Seite bedenkt, was neulichst so schlagend in einem Artikel dieser Zeitung (No. 31) bemerkt worden, daß die politische Emancipation der Jsraeliren Frankreichs sie überrascht hat, ohne daß si» darauf vorbereitet waren, und daß der Torpor, in welchem die er sten israelitischen Bewohner Paris vegetirt haben, nicht im Stand, war, ihnen die Idee zu geben, ihre Kinder geradezu und gleichen Schritts in der bürgerlichen und religiösen Erziehung vorwärtsgehen zu lassen; und von der andern Seite, daß die neuen Ankömmlinge oft aus Ländern kommen, wo die Juden noch sehr zurück sind: so wird man leicht begreifen, daß der Cultus zu Paris das ist,, was er fast überall ist, jeglicher Würde beraubt. Wahrend einiger Zeit fand in Paris wirklich ein Wille (velleite) zur Reform statt. Damals kam in Paris/ angekündigt von einem wohl verdienten Rufe, der Vorsänger (Hazan) L evy sel., (gestorben unter dem Namen Lovy), an, der zu Fürth, Mainz, Straßburg sich in seiner Art denselben Ruf erworben, als Talma in der dramatischen Welt. Der Anwachs der israel. Bevölkerung hatte die Nothwendigkeit fühlen laßen, den religiösen Gottesdienst aus den kleinen Synagogen der Straße 8t. Avoie und du Ciiaume, in ein passenderes und würdiges Local zu versetzen. Ein Grundstück wurde in der Straße Notre dame de Nazareth angekauft, und mit Pomp wurde ein Tempel im Jahre 1818 erbaut und eingeweiht. Dieses Erwerbniß ward vermittelst Aktien, die durch das Consistorium emittirt wurden, erlangt; diese Aktien sind noch nicht bezahlt, und mittlerweile laufen die Interessen auf. Dieses Gebäude, wenig auffällig von außen, und selbst wenig geräumig im Innern, bietet dennoch einen imposanten Anblick dar. Herr Lovy, dessen milde und melodiöse Stimme ein Gott angenehmer Weihrauch war, wußte wahrhaft religiöse Gesänge den hauptsächlichsten Gebeten anzupassen. Seine schönen Compositionen, den Gebeten angemessen, waren eine Art Uebersetzung dieser*). Er führte einige Ceremonien ein, die unserm Cultus im Allgemeinen fehlen, und die Administration des Tempels unterstützte ihn mit Eifer. Die vorzüglichste Ehre hiervon gebührt Herrn S. M. Dalmbert. Früher Armeelieferant, hat er während seines langwierigen Aufenthalts in Westphalen mehre Ideen des israelitischen Deutschlands über die Würde des Cultus angenommen. Die Tempelpolizei war streng, die Ordnung herrschte darin, wie sie in einem Gotteshaus^ herrschen muß. Man bedauerte in Wirklichkeit die Abwesenheit eines Predigers, aber man sagte sich: diese Lücke würde man dem neuen israelitischen Tempel von Paris auszufüllen nicht zögern; man bemerkte auch mit Unwillen die unpauende Versteigerung der Mizwoth, die alles zu Diensten des Reichen stellt; man fühlte den Mangel einer Ceremonie für die jungen Lente beiderlei Geschlechts, zur Zeit ihres religiösen Mündigwerdens (Confirmation). Jedennoch hoffte man immer mehr und immer Besseres. Aber dieses Bessere ist nicht gekommen. Der geschickte Hazan ist todt, und mit ihm ist jede Ärt der Verbesserung verschwunden, die in ^en Tempel eingeführt worden. Nach und nach erschlaffte man, und der Tempel ist eine Synagoge geworden. — * * (Fortsetzung folgt.) °) Wir werden einen besonder« Artikel über Herrn Lovy geben, und mit, mehren seiner Melodien, die man noch in Paris singt, begleiren. Correfp. *) Die früheren Artikel in No. 16. 19. 34. 37. Redakteur vr. L. Phttippson. — Verlag von Baumgärtners Buchhandlung. — Druck von I. B« Hirschfrld

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