Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 1 (1837)
- Issue
- Heft 51 (12.8.1837)
- Date
- 1837-08-12
- Page
- Seite 202 (sequence 2)
- Language
- German
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202 Aber voiß mit Einem Male nahm Alles eine andere Wendung. Mehr als je drängten sich die Pfaffen um die.in 1 ihren Kabinetten eingeschlossenen Herrscher, Abarbanel wurde mehrere Mal von den Audienzen zurückgewiesen, obgleich die Geschäfte dringend und ernstlich waren. Kurz und abgebrochen war die Sprache der geheimnißvollen Höflinge, er fühlte die Schwüle der-Gewitterluft um sich, und sie drückte die fteien Athemzüge in die gepreßte Brust "zurück, — aber noch sah er nicht die lüstern Wolkm. In sich gekehrt saß er in den Abendstunden auf seinem Zimmer und schauete in die blauen Wellen des Manzanares, der Frühling hatte sich über die blühende Landsä>aft gelagert; denn obgleich die Jahreszeiten, diese unsterblichen Schwestern, die Hand in Hand den Kreis des Jahres durchlauftn, hier keine so charakteristische Physiognomie wie in unser» Climaten habm, und Frühling und Winter sich innig umarmen, verkünden doch die knospenden Pappelzweige, das ftischere Grün der Blatter des Orangenbaumes mit balsamischen Brüchen, die regere Ueppigkeit der Natur, welche die Einbildungskraft-in Erstaunen setzt und die Sinne in Entzücken, obgleich es vielleicht noch süßer ist, im Norden unter Dornenhecken das erste Veilchen zu finden und zu pflücken, um es der Geliebten zu bttngen. Abarbanelspann sich in eine innere Gedankenwelt ein, er ließ sein erfahrungsreiches Leben vor sich vorübergehen, düstere Ahnungen stiegen in seiner Seele empor, deren er vergebens Meister zu werden suchte. Da klopfte es etwas stark an der Thür und herein ttat der Hidalgo Franzisko Corducro, ein stattlicher Mann. Die erhabene Stirn, die schwarzen, , glanzenden Augen, von starken Augenbraunen beschattet, der fteundlich lächelnde Mund, lieblicher noch der kleine Stteif des Schnurrbartes, die edle Grandezza in seiner Haltung, hätten beim ersten Anblick den Mann von geistiger Bildung bekundet, wenn dies auch nicht die sonore Stimme und der bezaubernde Wohlklang, mit dem er im kastilischen Dialekt seine Muttersprache redete, bestätigt hätten. — »Ihr verzeihet meinen unangenchmen Besuch, Sennor, ich fteue mich. Euch allein und,, was selten ist, unbeschäftigt zu finden.« Abarbanel war ihm höchst fteundlich entgegen gekommen, er ergriff seine Hand und fühtte ihn an's Fenster. »Beschäftigt, edler Hidalgo, wenn auch ntdfc mit Büchern, doch mit Gedanken. Dennoch, — wer könnte mir je angmehmer sein, als Ihr?« Corducro sah ihn forschend an. »Ich habe mich nicht getauscht, wie ich glaube,« sprach er ftagend. »Darf ich ftagen, in welcher Beziehung?« »Abarbanel, Ihr seid mein Freund, ich der Eurige; noch mehr, ich bin Euch mit der heiligsten Dankbarkeit verpflichtet, Eurer Bemühung gelang, es, mir meine Güter, nach denen elende Priester die hageren Finger ausstreckten, zu erhalten. Wißt Ihr nicht, was in Betteff Eurer Glaubensgenossen im Kabinette des Königs vorgeht?« Abarbanel sah ihn verwundert an, seine Mimen verriethm aber auch dm Schreckm, den ihm diese Frage verursachte. »Ich habe seit fünf Tagm dm Hof nicht besucht, der Monarch versagte mir einige. Mal Audienz, weil ihn Geschäfte abhieltm. Ich bin nicht gewohnt, mich meinen königlichen Gönnern auftudrängen. Aber daß irgend etwas die Israeliten Betreffendes dort verhandelt wird, mag es Gutes oder Böses sein, weiß ich durchaus nicht. Mein Wort genüge Euch.« »Nun, dann habe ich mich ebm nicht getäuscht. Abarbanel, Ihr schlummett an einem Abgrunde, worein Ihr und alle die Eurigm gestürzt werdm sollet; die Vertteibung und Ausrottung der Juden wird im geistlichm Rathe des Königs verhandelt, ist vielleicht schon beschlossm. Ein geschwätziger Page der Königin, vielleicht dm Beichtvater der ftommm Frau bchorchend, theilte es meinem Sohne, seinem Freunde, im Vecttauen mit. »Geschwätz eines Knaben, edler Hidalgo,« bemerkte Abarbanel flüchtig, aber er stützte sich, um seine Stellung zu behauptm, mit aller Macht auf feinen Degen. »Wollte Gott, es wäre es, edler Freund, aber er war mit zu 'vielen Nebmumständen verttaut, mit einer Mmge von Einzelnheitm, die schwerlich dem unwissmdm Burschm inspiritt sein konnten. Er wußte, wie die Königin anfangs in dm Vorschlag nicht eingöhen wollte, wie sie namentlich Eure Verdienste, Abarbanel, herabsetztm, vim dm Fehlern und dem Leichtsinne Eures Sohnes in Granada sprachen, und der Verlmmdungm viele, wie sie nur dieser Priester Mund erhmcheln kann, weil sie nur die Schandchatm auf dem schmutzigen Bodm ihres eigmm Herzms auftulesm und , ihre verdorbene Seele zu schildem brauchm, um das Bild jedes rechtlichen Mannes mit den scheußlichsten Lumpm der^ Niedrigkeit zu behängm. O, diese Priester, Abarbanel, sie werdm mein armes Vaterland ' zur Schädelstätte der Verwünschung Europa's machen, unser Ruhm wird die Pfott« zur Schande, der Kampf um die Freiheit des Glaubens der erste Akt der silavischrn ^Erniedrigung sein. Mit dem Niederttttm des großen Adels hat man angefangen, mit Eurer Vertteibung fahrtman fott, um mit der Unterjochung der Hidalgo's und Bürger zu mdm.« »Sie könnm es nicht wollen, Smnor, sie könnm es nicht.« »Don Abarbanel, nur der fteie und edle Mann kan» nicht Alles wollm und nicht Alles chun, der Schurke kan» Alles. Ihr seid erfahren, Freund, Ihr eriunett Euch, wie