Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 1 (1837)
- Issue
- Heft 44 (1.8.1837)
- Date
- 1837-08-01
- Page
- Seite 175 (sequence 3)
- Language
- German
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175 allen Ansprüchen genüge, und frage sich aufrichtig, ob die Moral irgend einer positiven Religion in der Totalität ihrer | Bekenner mehr praktische Lebensweisheit, größere Tugendhaftigkeit und Sittlichkeit erzeuge hat. Einer besonder» Beachtung bedarf noch die Ascethik. Das Judenthum erkennt die Schwäche der menschlichen Natur und fubstituirte derselben Mittel, um sich gegen diese Schwache zu stützen. Der Zweck aller dieser viel besprochenen und der Kritik so vielfach unterworfenen Mittel ist die Heiligung des Lebens, ein stetes Erinnern, daß die ganze Natur Gottes Eigenlhum und Werk sei, und nur dem Menschen zur Ausbildung seiner körperlichen und geistigen Fähigkeiten geliehen, ein stetes Erinnern vom Anfänge des Lebens bis zum Tode, von Morgen bis zum Abmd, daß Gott dem Menschen und dem Jsraelitm unendliche Wohlthatm erzeigt, hierdurch Warnung und Zurückhaltung vor und von der Sünde oder Ueberttetung (jtto*) göttlicher Gebote und Verletzung des göttlichen Willens;'Anregung zu einem gottgefälligen Leben' durch Werkhelligkeit vermittelst der M i z w o t h, Versöhnung der Zweispältigkeit des Lebms vermittelst Gebet, Buße und — Ausübung der Barmherzigkeit (npnx, nb'vr,, Jrannn).; Dies ist die jüdische Ascethik nach Sinn und Inhalt. Da sie der am meisten praktische Theil der Ethik ist, indem sie unmittelbar in die praktischesten Beziehungen des Lebms übergeht, da sie, wie es überall der große Haufe thut, vom Wetthe eines Mittels zu dem des Zweckes erhoben, von der Innerlichkeit ihrer Beziehung zur Aeußerlichkeit des Scheinheiligen herabgewürdigt wurde, so ist sie es, die ihrer Natur nach, am meistm dm Deutungm, dem Mißbrauch unterworfen ist, in die sich -am ehestm mmschliche Jrrchümer und und im Verlauft der Zeit mmschliche Satzungm einschleichen, in der sich gar zu rasch Extteme berührm, die bald zum alleinigen Lebenszweck ohne Bewußtsein ihres Grundprinzipes wird, bald als unnützer Ballast freier Thätigkeit über Bord geworfen und von Freim und Bequemm verworfen wird, die, da sie die Schale des Kernes ist, auch am meistm individuelle Dariationm darbittet und zu äußern Separationen Anlaß giebt. Genug, daß wir ihr Wesen hier angegebm, ihre allgemeine 'Nothwendigkeit als äußerer Kultus des inner» relegiösen Lebms ergiebc sich von selbst und läßt sich auch erfahrungsmäßig nachweism, ihr Ursprung ist unbestreitbar ebmfalls göttlich und zur Offenbarung gehörig, ihr Mißbrauch (quantitativ und qualitativ) muß durch eine erleuchtete Theologie von selbst seine Abhülfe finden. C. Historische Theologie. Die Allgemeinheit religiöftr Vorstellungen ist die merkwürdigste Erscheinung in der Geschichte der Mmschheit, unter allm Völkem finden wir Spurm von Gottesttkenntniß und Gottesverehrung. Dieallgemeine Religionsgefchichte ist daher die Einleitung zur speciellm, besonders zur jüdischen, da diese unmittelbar mit der Religionsgeschichte der. Völker der Vorzeit, nammtlich der vrientalischm Völker in Verbindung steht, und den Israeliten zuerst und alleinig unter den Völkern des Altetthums die göttliche Offenbarung ward. — Die Quelle der allgemeinen Religionsgeschichte ist die Univttsalgeschichte im Allgemeinen, in specie die heiligen Bücher verschiedm« Nationm B. die Vedas, Zend-Avesta u. dgl.). . Wie die Religionsgeschichte die allgemeine zur Einleitung hat, so umfaßt sie im weitern Sinne überhaupt Alles, was aus der Geschichte zur Erläuterung der Theologie mtlehnt wird, um darüber ein richtiges Urtheil zu stillen, und auf diese Beweise bedarf nammtlich die Exegese und die Litnatur der Theologie der Geschichte, da die heil. Schriften zugleich nebm der Offenbarung die historische Entwickelung derselbm angiebt, und mit dieftr die Geschichte des israelitischm Volkes in gmealogischer und politischer Hinsicht, so sind sie. die ttsten Quellm der jüdischen Religionsgeschichte. Da abtt neben der Stiftung dtt Religion auch die Gründung eines Staats und politische Bildung eines Volkes geschah , so sieht man, wie hier die äußere Geschichte mit der Religionsgeschichte verbundm ist. Diese naturgemäße Verbindung der Nation mit der Religion hotte auch späterhin nicht auf, und daher sind der lctzern Schicksale oft von denen der erster» abhängig geworden, und die jüd. Kirchengcschichte läßt sich schwer von der jüdischm Nationalgefchichte ttennen. Jedoch muß die Kirchengeschichte die Modificationen, welche die Sy'nagoge im Verlaufe der Zeit erlitt, genauer berücksichtigen. (Fortsetzung folgt.) Miszellen. Im dourrier fran$ais vom 26. Juni meldet man aus Chateaugonthier *): »Unsere Stadt wird auf eine ganz besondere Art bekehtt (evangeiisee). Ein Missionair ist uns von dem Jesuit er collegium von Laval 'zugesandt wordm, und hat uns täglich mit drei Predigten beschmkt. Seine Redm handeltm ausschließlich von Dogmm, und der Redner hat hinlänglich bewiesm, daß er zur Jesuitenschule gehört, indem « Sätze ausführte, wie: »Gott wird leichter einem Mmschm verzeihen, der einen andem ermordet, als dem, der einm Fasttag nicht hält; es ist besser, durch seine guten Rachschläge Armanden bekehren lassm, als dm Bedürftigen 100,000 Fr. gebm u. s. w.« Ich ftage, ob man im Tal- *) Eine Stadt von 5400 Ein», im Depart. Mayenne. d. Red.