Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 1 (1837)
- Issue
- Heft 27 (4.7.1837)
- Date
- 1837-07-04
- Page
- Seite 107 (sequence 3)
- Language
- German
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107 «t allen diesen Gegenden schilderte. Solche Reisen waren für die Jünger des Aesculap damals die Bildungsschulen ihrer Kunst, sie lernten hier von Zigeunern, Quacksalbern, Hirten die Tränke und Mixturen bereiten, womit die Uebel des Lebens zu heilen wären, sie verschafften sich Kennmiß von den Sitten und der Lebmsart der Völker und hatten Stoff genug, sich im Vaterlande mit dem Reize des Geheimuißvollen und Wunderbaren zu umgeben, der bei der Ausübung der Heilkunsi dem Künstler und Bekünstelten förderlich ist. Aber — so wenig vermag der. Mensch, der Freigebornc, sich von den Fesseln seiner Zeit und seiner Umgebung zu befreien — weder die Helle, welche das Studium der Natur, noch die Erfahrung, welche die Welt sie lehrte, verleihen den Jüngern des Aesculap ein Jota Aufklärung mehr. Sie waren von dm Vorurtheilen ihres Jahrhunderts, von den Mystifikationen religiöser Sektirer, von dem Aberglaubm det Masse eben so wenig frei, als die meisten ihrer Patienten, und so fand man dm christlichen Arzt ebm so häufig beim Rosenkränze, als den jüdischen bei dem Gebetriemen und dem gewissmhaftm Beobachten aller religiösm Ccremonim, höchstens daß der muhamedauifche das Verbot seines Alkocans vergaß und das Trinkm des Teces mit dessen Kraft als Arznei mtschuldigte. (Fortsetzung folgt.) E r w i e b e t u n ' Geehrter Herr Redacteur! Die Mittheilung in ihrem Blatte (No. 19. vom 13tm dieses Mon.) »Aus Berlin,« wegen der Wahl eines neum Beglaubtm der Jüdischen Gemeinde ist von so unstatthafter Art, daß ich mich, zugleich nach dem Wunsche Vieler, zu einer näherm Beleuchmng des erwähntm Artikels gedrungm suhle. — Vor allen Dingen möge der mir unbekannte Verfasser desselbm cs sich ernstlich. gesagt sein lassen, daß jeder Ehrenmann -cs stets als seiner unwürdig verschmähenmuß, nach der Manier öffentlicher Parthei - Schreier und Schreiber, .das Verdienst des Einm dadurch geltend zu machm, daß er dasjenige eines Andern verkleinert, entstellt, oder absichtlich gerade in dem Mommt ganz ohne Erwähnung läßt, wo das Gegentheil zu einem richtigen Urrheile durchaus nothwendig ist! — Es giebt keine traurigere Täuschung, als zu glauben, daß nach Bewerbung um ein Amt das Interesse des Nichtgewählten durch Verunglimpfung des Gewähltm befördert werde, es ist dies eine Erscheinung, durch welche man nie der guten Sache zu dkmm im Stande sein möchte, und die, im vorliegenden Falle, wohl niemals, weder auf irgend ein einzelnes Individuum, noch »auf die übrigen Gemeinden, denen die Berliner als Vorbild gilt, einen wohlthätigen Einfluss üben«-dürste! — — Was nun die Beglaubtm-Wahl selbst betrifft, so will ich jmen Correspondenz-Artikel durch Folgmdes berichtigm und ergänzm: Der neugewählte Beglaubte hatte allerdings bis jetzt eine Anstellung an hiesiger Börse als vereideter Makler — sein allgemein geachteter Name ist Isaak Moser, — doch gehörte er auch bereits seit langer Zeit zum Vorstande mehrerer hiesigen. Gemcindestiftungen, und hat sich derselbe von jeher so eiftig mit dem Smdium der jüdischen Wissenschaften beschäftigt, daß seine darin erlangten großen und gründlichen Kennmisse sich nicht allein in einen? langjährigen, selbst bis ins Ausland weithin verzweigten Briefwechsel mit Rabbinem und andern gelehrten Männem kund gaben, sondem auch hier dadurch Anerkennung fanden, daß im freundschaftlichen Umgänge mit ihm, selbst der tüchtige vr. Jost (Verfasser der schatzbarm.Geschichte der Israeliten :c.), der ausgezeichnet gelehrte vr. Zunz, und andere gescheidte Köpfe, die ihre Forschungm hebräischen Schriftm gewidmet, oftmals ihre Ideen über jüdische Historie, Theologie und Gesetzkunde gegmftitig austauschtm. — Herr Isaak Moser besitzt daher wohl ohne allen Zweifel mehr als die zum Amte eines Beglaubten nöthigen Kenntnisse, wenn auch freilich unläugbar nicht dm hohm Grad von Gelehrsamkeit und tiefem Wissm, der seinem geweftnm Mitbewerber bei obigem Postm, dem geistvollm vr. Zunz, eigm ist. — Ob aber gerade diese Fülle gelehrtm Smdiums des Letzterm denfelbm vorzugsweise zu einem Amte bcfähigm sollte, das dieselbe keineswegs erfordert und bedingt, kann wohl nur verneinend beantwortet werden, wenn man dabei in Erwägung zieht, daß zur genügenden Ausfüllung des Posims eines Beglaubten hauptsächlich auch: Geschäfrskenntniß, gewandter Ueberblick, eine leichte Umgänglichke'it mit Jedermann, sowie möglichst große und genaue Bekanntschaft milden einzelnen Familien und Mitgliedern der Gemeinde gehörm, welche Eigmschastm sich gerade Herr Moser durch seine bishcrigm Stellungen und Lebensverhaltnisse erworbm hat, während sie dem vr. Zunz fehlen, ebm weil dieser fast nur immer ausschließlich dm Wissenschaften lebte und daher seine bedeutmdm Geistesfähigkeirm wenig der praktischen Seite des Lebms zuzuwmdm vermochte. — Da übrigens Herr Moser in seiner letztm achtbarm Anstellung sich und die Seinigen anständig ernährte, so ist anzunchmm, daß er dieselbe einzig und allein aus innerer Lust und Liebe zu dem.sich ihm in seinem neuen Berufe darbietmdm Wirkungskreise, aufgab. — Seine Wahl ist demnach durchgängig wohl motivirt, und liefert zugleich einm erfreulich«! Beweis, wie die Majorität, die ihm ihre Stimme gab, sich durch keine Oppositions-Phrasen irre fuhren ließ, sondern nur das wahre Interesse der Gemeinde im Auge behielt, welche auch, so weit mir bekannt gewordm, die geschehene Wahl vollkommen billigt. — Die leeren Deklamationen des Briefschreibers in R. 19. Ihres Blattes sind also in ihrer Nichtigkeit eben so klar, wie die Böswilligkeit des darin ausgesprochenen Sinnes; nur sein Name blieb unbekannt, ich aber heiße Berlin, am 18. Juni 1837. Ludwig Lesser.