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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1837-06-30 · Heft 25 (30.6.1837) · p. Seite 99

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
1 (1837)
Issue
Heft 25 (30.6.1837)
Date
1837-06-30
Page
Seite 99 (sequence 3)
Language
German
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99 Wie wird es aber Einem, wmn es heißt: »Die Spitze der Ehrlosigkeit im Judmthume habe sich in dem scheinbaren Aufgeben des Judmthums in Spanien gezeigt!« — »Wehe denen, spricht Jesaias, die zu dem Bösen sagen : es ist gut, und zum Guten: es ist böse; die Licht machen zu Finsterniß, und Finstermß zu Licht, die Bittres machen zu Süßem, und Süßes zu Bitterm!« Achtmalhunderttausend Juden verließen ihre Heimath, ließen ihr Hab' und Gut zurück, irrten in der Fremde verstoßen und verfolgt umher, und nur einige Tausend gaben ihre Religion hin für ihr Lebm und ihre Güter; und anstatt den Heldenmuth eines solchen Volkes, - die Kraft einer solchen Religion, die so zu begeistern verstand, bewundernd anzuerkennen, macht man das Judenthum verantwortlich für die Falschheit einiger ihrer Bekenner, und nennt es darum ehrlos! Hat es nie christliche Renegaten gegeben? nie solche, welche nach den Umständen ihre frühere Religion wieder anncchmm? Keine Religion wird dies billigen, keine gestattm, und wenn sie es gestattete, wäre es eine Verirrung unter fürchterlichem Drucke, und daß das Judenthum es nicht gestattete, sehet ihr ja daran, daß eine vierhundertfache Mehrheit es nicht .that: wie wäre es also verantwortlich für einige Wenige? — Die evangelische Kirchenzeitung macht dem Juden zum Vorwurfe, nur am äußerlichen Staatslebcn Theil zu nehmen, und nur äußerlich. Selbst die Wege des Handels mußten erst gefunden werden, und der Jude benutzt sie nur. O ihr Jahrbücher der Geschichte, wozu seid ihr da? was ist euer Nutzen? Auch ihr predigt auf der Sttaße, aber Niemand hört euch. Vergebens werdet ihr bezeugen: wie konnte der Jude, am innern Staatsleben Theil nchmm, da er überall davon zurückgehalten wurde? Durfte er im Rache der Gesetzgeber sitzen, im Kriegsrathe sich geltend machen? Durste er dm Katheder besteigm, und seine Einsicht laut machen? war es ein Staat, der Schiffe ausftndet, unbekannte 'Ecdtheile zu erkunden? durfte er sie in Besitz nchmm? 'Nein, und dmnoch!-, ' ~ Endlich aber erkennt sie, die gute, liebe, doch an, der Jude solle human behandelt werdm, »und wo cs gilt, die Rechte der Menschheit anzuerkennm, da theilt der Christ, mit dem Judm das gleiche Recht.« Und welche ist yun die Humanität, wie weit gehen die Mcnschmrechte der evangel. Kirchmzeitung? Lediglich die mechanischen Bcschäftigungm des Mmschm follm dem Juden erlaubt sein, dmn Alles, was geistig ist, daran darf der Jude nicht Theil nehmen, weil er daran keinm Theil nimmt! Eigentlich aber sollte er auch die mechanischm Beschäftigungen nicht bctteibm dürfm, weil er an die Arbeit nicht.mit Gebet und Erhebung des Geistes geht.-Jude, geh' hin, sitze still im Winkel, und verhungere — dann ist man doch deiner los. Was belästiget ihr die Welt, ihr neun Miltionm Judm, was treibt und lebt in mch ein schöpferischer Geist, der sich Raum und eine Welt schaffen will, was pulset in mch ein reiches, begabtes Lebm, das sich kund thun will in Werk und That — man will mch nicht, gehet hin und sterbet und werdet eingethan und zu euem Vätern versammelt. Dann wird man mch lobm und euch Todtmhymnen mit Freudm anstiMmm. Lüffm wir also die evangelische Kirchmzeitung und ihr weiteres Geschwätz fahrm. Sprechen wir aber etwas über dm verkanntm, gemißhandeltm Geist des Judmthums aus. Der Geist des Judmthums will die Anerkmnung des einigm Gottes durch die ganze Mmschheit. Das- Judeythum ist der Träger dieses Geistes durch alle Zeiten, und ist immer nur der Körper dieses Geistes gewesen. Der Geist des Judmthums will die unbeschrankte Liebe unter dm Mmschm *). Der Geist des Judmthums spricht das Seligwerdm aller Mmschm aus, und schließet Niemanden aus. Der Geist des Judmthums schließt also nicht, womit die evangelische Kirchmzeitung ihren besprochmm Aufsatz endet: »Wer nicht glaubet, der wird verdammet! sondem er endet: »Wer nicht glaubet, wird erleuchtet werden, dmn das Licht wird aufgehen über die, so im Finstem sitzen.« **) Correspondenzen, Auszüge, Repliken. (Ein junger Rabbiner.) Seit einiger Ieit befindet sich in Breslau ein junger polnischer Rabbiner, Namens Hirsch Dänemark, 23 Jahre alt, der durch sein bewunderungswürdiges Gedächtniß zu dm seltensten Erscheinungen gehört, indem derselbe vollständige Traktate des Talmud, mit ihren umfangreichen Commentaren, Rafchi, Tossephot, Rosch nebst Randglossen, Wort für Wort auf die merkwürdigste Art auswendig weiß. Folgende Beweise, die der gedachte Rabbiner in Gegenwart mehrerer Personen als Probe seines Wundergedächtnisses ablegte, mögen diese Behauptung rechtfertigen. Es öffnete Jemand einen nach Gefallen gewähttm Traktat und nannte das Folio. Hierauf setzte er aus Geheiß den Finger des Rabbinen auf eine beliebige Stelle und frugihn um das Wort auf einem 13 Seiten vorangehenden , und dann auf einem 15 Seiten spätem Blatte: und augenblicklich erfolgte die richtige Angabe. Weiterhin faßte der Rabbiner 15 bis 20 Blätter zwischen die Finger und bestimmre nach kurzem Nachdenken das Folio eines Blattes, welches man *) Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst. Liebe den Fremdling, wie dich selbst. Hasse deinen Bruder nicht im Herzen u. s. w. Dgl. Jesaias 2, 4. **) Jesaias 9, 1.

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