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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1837-06-15 · Heft 20 (15.6.1837) · p. Seite 78

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
1 (1837)
Issue
Heft 20 (15.6.1837)
Date
1837-06-15
Page
Seite 78 (sequence 2)
Language
German
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78 Zmt, Stellung und Function sehr von dem christlichen unterscheidet und eigentlich nur als Gemeinderedner betrachtet «erden kann, wo er -nicht zugleich rabbinische Obliegmheitm erfüllt -oder, als Relrgionslehrer ftmgitt. Daher nur dann, -wenn sich die rabbinische Function mit der eines Predigers -vereinigt, die Stellung eine mehr positive und begründete sein wird. Doch wir kehren zur jüdischen Theologie als Wissenschaft zurück. Es konnte nicht fehlen, daß trotz ihrer Begrenzung in notorischer Kenntniß der. Bibel und des Talmuds, sie dennoch höhere geistige Früchte trug, denn einestheils enthalten diese Schriften an sich eine ganze Welt für Idee und Gemüth und sind Fundament aller Theologie, anderncheils kann sich ja der menschliche Geist nie auf die Dauer in Grmzen bannen lassen und ist überall aus dem csotherischen Wissenscyklus herausgeschritten. So. auch hier. Abgesehen davon, daß die jüdische Theologie schon früh-sich auch eine Kritik und Exegese schuf, — auch diese blieb eben nur eine esotherische, und so geistreich sie auch hier und da war, sie erhob sich doch in' Spanien nur zu einem erklecklichen Grade des von der Phisosophie erleuchteten Rationalismus *), — abgesehen also von dieser rabbinischen Exegese, wie wir sie in Raschi, Abarbanel, Eb» Esra, Bartenor u. a. m. finden, so bewirkte die theologische Kenntniß der jüdischen Altetthümer eine umfassende Kennmiß der Sprache, eine so umfassende Kennmiß der hebräischen (und chaldäischen) Sprache, daß diese im eigentlichen Sinne Muttersprache der Gelehttm wurde und ein geistiges Band um die israelitischen Theologm aller Länder wand; denn was auch stolze Sprachforscher der neuem Zeit dm Juden vorwarfcn, daß diese die Sprache nicht grammatisch crlemtm, nicht kritisch-philosophisch, comparativ bearbeitet hätten, wie sehr sie auch die Bestrebungen der ältem und nmem Zeit zur KmnMiß und selbst zur Cultur der Sprache vcrkcnnm, oder lieber — was bequemer ist — ignorirrn, so muß doch Jeder auftichtig gesiehm, daß man doch den eher einer Sprache mächtig halten muß, der sich darin mündlich und schriftlich in ihrem eigmm Geiste auszudrückm vermag, als dm, der stümperhaft vermittelst unzähliger Hülfsmittel über einige Verse brütet, und so nach jahrelangm Bemühungm doch nur zum Verstchm einiger Bücher der heil. Schrift gelangt ist. Man mißverstehe uns nicht! Nicht als ob wir die höhere Sprachforschung unwissenschaftlich verhöhnm wolltm, allein wir konntm uns oft des Lächelns nicht erwehrm, wmn Dorftrcediger, die mit Mühe ihr Kami in dm Kopf gebracht hattm, über die Sprachsünde der Rabbinm fpöttetm, die in wmigm StundM *) Und in welchem Zustande röar damals die christliche Theologie! die schwierigsten Abhandlungm hebräisch verfassen. Den christlichen Gelehttm war die hebräische Sprache eine todte, dm jüdischm Theologen blieb sie lebendig, das war der Unterschied, der auf'die Att und Weife des Studiums instuitte. Uebrigens ist es nicht wahr, daß die jüdischm Gelehrten die Grammatik unbearbeitet ließen; gerade, von ihnen ist sie ausgegangen und dm Gelehttm des 15. Jahrhundetts überliefett wordm, ja erst die nmere Zeit hat in ihrer Form, gestützt auf Erweiterung der Sprachkenntnisse überhaupt, Veränderungen bewirkt. *) Aber eine Nation und ihre Schriftgelehttm, die eine Sprache in der Gewalt haben, welche an Wohlklang, Ausdruck und Fülle von keiner alten und neum übettroffen wird, eine Sprache, die ihnm die »heilige« wurde, Gottesgelehtte, die zugleich mit ihrem Volke dem hättesten äußem Schicksal preisgegeben, Armuth dem Reichchum, Demuth dem Uebermuth, Stillleben dem Weltlebcn vorzogm, — mit dem Feuergciste des Orients in die Wirren der Welt geworfm, — wie konnte es anders werden, als daß sie sich eine Poesie schufm, daß sie in dem überirdischen Reiche der Kunst den Ersatz fanden für exoterische Wissmschast und äußeres Glück, und um so mehr fanden, da sie ihn darin nicht zu such e n gekommen, sondem von der innern Nothwmdigkeit dazu gefühtt wurdm. Und so bekam die jüdische Theologie ganz heimlich und verborgen eine Verbündtte an der Kunst, ehe sie von irgmd etwas Anderem durchdrungm wurde, sie gewann geistigm Grund und Boden im Gemüthe des Menschen, sie erfuhr keine Schismata, keine Dogmata, Symbolika, Eoncilia und Reformationen, ja verwchtte es fast der Philosophie, in sie einzudringen, aber sie gewann eine Feierlichkeit ihres Lcdms und umgab sich mit einer vom Gemüthe gettazenen Sabbatsruhe in dm Stürmm des Lebens und der Scholastik des Mittelalters. So war also aus der KmnMiß des Religionsbuches die Kmntniß der Sprache, aus der Gewalt der Sprache ihr Gebrauch in schönen Formm mtstandm — aus der Wurzel der Religionslehre zogm sie dm Stamm der Sprache 'immer kräftiger und höher, aus diesem Stamme keimtm pottische Blüthen, und sie prangtm um so schön«, da die. Wurzel tief in's Erdreich des Gemüthes gesmkt war, und von Thränen und Leichname» befruchtet wurde. —- So wie aber schon früh« das aristotelisch-arabische Wisi smschaftschum in die jüdische Theologie.Eingang fand, so mußte auch in neueret Zeit, als in Alles, was zum Bereiche *) Wird doch jetzt erst das Lexicon radicnm von Kim chi wieder von Neuem, und zwar von christlichen Gelehttm, edirt. d. Red.

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