Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 1 (1837)
- Issue
- Heft 19 (13.6.1837)
- Date
- 1837-06-13
- Page
- Seite 75 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3224737-3224738-3224758--00236-3298445- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
75 Geheimrathe des Königs Platz, und empfingen die Gaben, die er mit den Händen austheilte, ohne daß die Augen zuvor die Gabe und den beschämten Empfänger ansahen. Abarbancl bog nun um eine Ecke in die uns wohl-bekannte Straße, bald fand er die Behausung der Tochter Nissa's. Die Thür .war verschlossen und öffnete sich erst nach wiederholtem be-- schcidenen Klopfen. "Beim ersten Anblick der ihm ehrerbietig entgegenkommenden Dinah war für ihn das Benehmen seines Sohnes kein Rathsel mehr. ^Dinah war über die Ankunft des ehrwürdigen Mannes keineswegs betroffen, -die Erscheinung eines solchen Mannes konnte nur Heil bringen; sie war mit dem Ordnen der Papiere ihres Vaters beschäftigt, bei jedem neuen Funde neue Thränen vergießend und die köstlichen Reliquie» an ihre Brust drückend. » Forschest du nach dem Vcrmächtniß deines Vaters, Nissa's Tochter?« »Das nicht, ehrwürdiger Scnnor, sein Vcrmächtniß be- ' wahre ich in der innersten Kammer meines Herzens, sein Angedenken lebt ewig, aber ist es dem schwachen Sterblichen zu verdenken, wenn ihm jedes äußere Zeichen, wo cs noch dazu die Verkörperung des Wesens unserer lieben Verblichenen ist, werth und theuer ist? »Das Andenken des Gerechten wird zum Segen, sagt die Schrift. Du kennst mich vielleicht schon, meine Tochter?« »Ich hatte nie die Ehre Euch zu sehen, Scnnor. Aber täuscht mich meine Ahnung nicht, so stehe ich vor dem edelsten Israeliten seiner Zeit,-, vor dem königlichen -Geheimrarh Don Isaak Abarbancl.« Dieser lächelte. »Du hattest gestern Besuch, Tochter Nissa's?« — Sie crröthctc. — »Zwei Jünglinge, der eine mein Sohn, hatten den Auftrag, sich selbst zu überzeugen, ob der ungewöhnlichen Zierlichkeit der weiblichen Handschrift die Schreiberin entspräche. Du scheinst viel gelernt zu haben, mehr als ihr deutschen Frauen es sonst wohl pfleget.« »Ich verdanke das Wenige, was. ich weiß, meinem Vater. Meine Erziehung war die besondere Beschäftigung seines Lebens.« »Wie lange lebst du in.Spanien?« »Seit meinem zweiten Jahre, ich zahle deren achtzehn.« »So jung und doch so gescheut?« »So jung, Scnnor, und doch viele ttaurige Jahre verbracht.«' »Wovon lebte dein Vater?« »Vom Abschreiben der Gesetzesrollerl.« »Ein spärlicher Nahrungszweig, leider!« »Er war ergiebig genug, um unser Leben zu stiften,, heilig genug, um uns Embehrung tragen zu lehren.« »Du wünschest ein Unterkommen, ich kann dir ein glanzendes verschaffen; willst du Ducnna einer Prinzessin werdend« »Bei dem Gott unserer "Väter! nicht um alle Güter der Welt, ehrwürdiger Sennor, das kann E.ucr Emst nicht sein. Mein Glaube ist ein heiliges- Kleinod.« »Den brauchst du unter den Großen nicht aufzugeben.« »Nicht aufgeben, edler Mann, nicht aufgeben um alle Freuden und Leiden der Erde, aber ich bin ein schwaches Mädchen, an die Stille des Hauses gewöhnt, die Gefahren, die dort meiner wattcn, sind groß, edler Herr, des Israeliten Beruf ist Eingezogenheit, Religionsübung. Kann ich-diesen im Geräusche der Welt erfüllen, bin ich erfahren und kräftig genug, um den Lockungen der Gewalt zu widerstehen?« Abarbanel war gcrühtt, auch war die Anftage eine bloße Prüfung. »Du bist ein edles Mädchen, also keine Ducnna! Aber, mein Haus wirst du doch nicht verschmähen, da kannst du ungestört deinen Geist weiter ausbilden, hast keine Verfolgung deines Glaubens zu erwarten; ich sehe, du treibst das Saitcnspiel, mir. fehlt ein weibliches Wesen, meine Mußestunden zu crhcitem, der Himmel hat mir keine Tochter vcrliehm, das Weib meiner Jugend ist in Lissabon begraben.« Das'Mädchen war bestürzt, sie schien den Gleichmuts, den sie bei der Unterhaltung bis dahin gezeigt hatte, verloren zu haben, aber in wenigen Augenblicken faßte sic sich. »Dank, edler Scnnor, innigen Dank Euch für Euere Gütx,« sagte sic gerührt, »Ihr Fels der Rettung, Ihr Stab der Armen! Welch herrlicheres Loos könnte mir beschicden werden, als in Eurem Hause, der Ihr mit Baterhcrzm Eure Nation umfaßt, §uf;uthaucn die kalte Eisrinde, die in jetziger Zeit unser Lebenumschließt. Doch, vcrzeibt der Undankbaren — ich kann jetzt auch diese Stätte nicht wählen — erlaubet mir mein Trauerjahr im Schooße einer bürgerlichen Familie zu verbringen, wo ich abgeschieden von allem dem) was mich zu ftüh wieder für die Welt und ihre Reize gewinnen könnte, mich vorbereite zu dm schönen Tagen in- . Eurer beglückenden Nähe. Ich muß mich erst fassen, ich muß meiner Pflichtm erst lebhaft klar werden.« Abgrbanel brach davon ab, — er batte dies nicht erwartet. Er erkundigte sich nach ihren Bekannten, sic theilte ihm dm Namm eines altm Arztes, ftühem Freundes ihres Vaters, mit, bei dem sie gcm Lleibm möchte. Abarbanel übemahm selbst die Sorge für ihre näherm Verhältnisse, und so wurde bestimmt, daß sie mit dem morgenden Tage ihre Wohnung verlassm sollte. (Fortsetzung folgt.)