Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 2 (1838)
- Issue
- Heft 58 (15.5.1838)
- Date
- 1838-05-15
- Page
- Seite 235 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/3224737-3224856-3224915--01023-3298403- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
2a5 An dre intoleranten Schullehrer. Die Ihr den Dativ (für Euch), und den Accusativ (für die Jungen) Liebet, Schulmeisterlein, spottet deS Judenknab's nicht! — Oder mischet Ihr stelö den schmerzenden Spaß in die Lehre, Daß für sechs Groschen Extra er Toleranz sich erkauf'? Unter Vielen an Einen. Ms in meiner Behausung ich freundlich mit Dir verkehrte, Schwurst Du beim Glase Wein für die Emancipation. Traun, eS war bacchischer Dunst, denn als Du nüchtern geworden, Schwurst Du auf offenem Markt gegen Emancipation. W—^ Ein jüdischer Greis. Jüngling, viel Hab' ich gesehen, im langen Leben erfahren, Und im Osten gezeugt, wird mir im Westen der Tod — Ware das klopfende Hetz mir nickt noch immer voll Liebe, Sagt' ich: eS herrscht nur der Haß über die menschlicke Welt. An das berliner politische Wochenblatt. Einstmals faßtest Du Dir an die Stelle, wo Andern das Herz schlägt, Fandst es da öde und still, ohne Bewegung und Schlag — Seitdem haff'st Du das Herz und den Pulsscklag und die Bewegung, Brandmarkst den Athemzug selbst als revolutionnair; Nennst eS auch revolutionnair, wenn die Juden singen statt schreien. Könnten, verschrieen sie ihn nicht, doch umfingen den Staat!? W->? (Fortsetzung folgt.) Correspondenzerr, Auszüge/ Repli km. Offenbach * ••)), April. Gemein dev erhältnisse. Die israelirische Gemeinde Offenbachs kann zwar nicht zu den kleinen, aber auch nicht zu den großen in unsenn deutschen Vaterlande gerechnet werden. Sie zahlt -257 Familien "), welche aber •) Im Grofiherzogthume Hessen. ••) Unter ©a. 4300 Einwohnern der L>lavt. nicht alle hier wohnhaft sind, und von welchen noch 27 als Wittwen abgehen, und dennoch hat sie in ihrem Streben nach bürgerlicher und religiöser Vervollkommnung bereits eine solche Stufe erlangt, auf welcher sie so manche benachbarte, an Größe und an Wohlstand sie weit überragende Gemeinde noch eine ziemliche Strecke hinter sich erblickt. — Es scheint als ob die größeren Gemeinden Israels so lange ruhig zusehen wollten, bis der Geist der Zeit seine Kräfte alle versucht, seine Welten alö Mikrokosmen geschahen und wieder zerstört hat, um dann die einzelnen Versuche für sich zu sammeln, und auf dem Saarfelde, das Andere im Schweiße des Angesichtes mit Beharrlichkeit und Entsagung mühsam gepflügt und geeggt haben, die gereiften Frückte zu ernten. Möge man doch nicht glauben, daß eine solche gleichgiltige Unthatigkeir nur dem Unrhatigen allein schade; nein, auch jene, welche als die kleineren Geschwister auf den Erstgebornen mit einer gewissen Ehrfurcht erwartungsvoll die Augen richten, werden durch diesen Anblick in ihren Ansichten irre geleitet, in ihren Unternehmungen verzagt und in ihrem Weiterschreiten eingeschüchterr. Wie ganz anders würde sich das israelitisch-religiöse und bürgerliche Leben schon gestaltet haben, wenn Deutschlands große und imponirende israelitische Gemernden, weder erstarrt vom eisigen Indiy-eremismuS, noch zerspalten von gehässiger Partheiung, mit einem aufmunternden Beispiele vorangmgen auf dem Wege der vernünftig-religiösen Umbildung aller angeerbten Mißgestalten unserer Vorzeit! — Aber, so ruft eine Stimme aus der Ewigkeit allen kleinern Gemeinden zu, in deren Mitte noch auf geweihtem Altäre die heilige Flamme wahrer Frömmigkeit mir frischer LebenS- > krafr lodert, werdet ihr nur nicht müde und verzaget nicht in eurem gottgefälligen Streben! einet mit dem Murhe und der Anstrengung die Furchtlosigkeit un.d die Beharrlichkeit, und Er, welcher im Himmel thronet, laßt gelingen daö Werk eurer Hände. Offenbachs israelitische Gemeinde hat noch nicht nöthig, irgend einen mit wahrer Frömmigkeit unternommenen. Versuch deS fortschreitenden Zeitgeistes zu bereuen, irgend einen Schritt im Gebiete der Religion ungeschehen zu wünschen. Im August 1832 hat unser wackerer, energisch eingreifender Gemeinde-Vorstand, welcher alle religiöse Einrichtungen einführt und überwacht, unserer Gemeinde eine Synagogenordnung gegeben, welche im Laufe der Zeit immer mehr darlegt, mit welcher weisen Umsicht und mit welcher genauen Sachkennmiß sie abgefaßt ist. Sie hat theilS neue Einrichtungen gegründet, theilS schon früher bestandene, im Gemeindeleben schon recipirte Anordnungen gesetzlich sanktionirt und die R'eligionsformen vorerst so gestaltet, daß sie dem Religion sgcifte auf der gegenwärtigen Stufe seines Entwickelungsganges gänzlich genügen. In unserer sehr geräumigen Hellen und einfach erhabenen Synagoge ist der Almemor npvj dahin gerückt worden, wo gewöhnlich die Stufen zur heiligen Lade TY1N sich befinden, wodurch die Ruhe und die Andacht leichter erzielt wird, und die religiösen, in der Synagoge stattfindenden Ceremonien einen weit liefern Eindruck auf Geist und Gemürh hervorzubringen vermögen. Die versteigernde Stimme des Mizwoth-Feilbieterö wird in unserem GotteShause schon langst nicht mehr vernommen, alle unpassende u§d triviale Melodien sind auS ihm gebannt, und alle jene klagenden Seufzer-Gebete, welche das finstere Mittelalter gebar, (nyiT D^Omn 3N) werden nicht mehr gebetet. Dagegen findet an jedem Sabbat- und Festtage vor dem Musafgebete eine Predigt Statt, vor und nach welcher ein eingenbter Knabenchor ein erhebendes Lied in deutscher Sprache anstimmt. — Diese Anordnung wurde zwar bei ihrem ersten Einfuhren nicht von einem jeden Gemeindegliede mit gleicher Liebe ausgenommen, unbillig wäre auch die Forderung gewesen, daß derjenige, welcher' von seiner Kindheit an die Accorde des kirchlichen CdoralgesangeS alö anti-israelirisch bettachtete, durch einen Zauberschtag m ihnen ein, seinem Gotte gefälliges, Gebet finden sollte; aber vieZeit, welche zwar keine Sprünge, aber doch Schritte macht, führt nach und nach den verirrten Gedanken sowol als das verirne Gefühl in sein richtiges vom Schöpfer ihm angewiesenes Gleis zurück, und jetzt nehmen wir mit Freude wahr, daß gerade diejenigen durch Predigt und Gesang am tiefsten erbaut werden, deren religiöses Gefühl anfangs mit diesen Einrichtungen fich nicht recht befreunden konnte. — Eine Erfahrung, welche vielleicht andere Geistliche ebenfalls schon gewonnen haben, hat sich dadurch