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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1838-05-15 · Heft 58 (15.5.1838) · p. Seite 236

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
2 (1838)
Issue
Heft 58 (15.5.1838)
Date
1838-05-15
Page
Seite 236 (sequence 4)
Language
German
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236 hier bereits als bewährt gezeigt: daß cs nehmlich weit leichter sei, etn verirrtes religiöses Gefühl zurecht zu weisen, als ein fehlen deö zu ersehen. Sv lange nebmlich das Predigen alv eine Anforderung des Mode-Journals aufrrar und als Reiz der Neuheit die oberflächliche Aufklärern in rbrerErregbarkett zu erhalten schien, so lange besuchten auch alleDandy'S und Fastnonableö der Nkodc- Religion das Getterbaus und wurden erbaut und gerührt, als aber die Predigt aufhörle etwas bleues zu sein, als sie ein ernstes Allragsgesicht annabin, und zuweilen sogar im altvaterischen Tone doch eine positive .Religiosität und auch eine gewisse Frömmigkeit forderte, da blieb der sogenannte gebildeteTheil der Gemeinde, abgehaltcn durch raufend Störungen, zu Hause, und man glaubte schon genug gerban zu haben, wenn man nur am Neujahrs- und Versöhnungstage sich einige Stunden im Gotteshause sehen ließe. — Die wahre Herzensfrömmigkeit in Israel dürfen wir nicht von Jenen erwarten, welche aus Kosten des Herzens nur an die Ausbildung des Geistes oder nur der äußern Erscheinung dachten, deren Kopf dem hellen wolkenleeren Januar-Himmel gleicht, an welchem die klare Sonne, begleitet vom schneidenden Nordwinde, eher ersiaört als erwärmt, sondern von jenen Geräuschlosen im Volke, welche im Herzen ein warmes religiöses Gefühl bewahren, das zwar entstellt ist vom Vorurrheile und von der Unwissenheit, aber dennoch Empfänglichkeit zeigt für bessere Eindrücke, für himmlische Gestaltungen. — Jene kennen weder die Zeit noch das ruenschliche Herz, welche, mit Anwendung des bekannten Sprichwortes: ny nyT alle Reformen und Verbesserunaen im israelitischen Religionsleben verwerfen, und behaupten: man müsse erst das alte Religionsgebäude gänzlich zusammensinrzen lassen, um auf dessen Trümmern ein ganz neues aufbäuen zu können; denn hat der Mensch auf dem bewegten Lebensmecrc der Geschäfte oder der Genüsse das religiöse Gefühl einmal verloren, dann will er weder euer altes noch euer neues Religionsgebaude, dann spricht er „meine .Svvaft und die Starke meiner Hand hat mir dieses Vermögen erworben, ich bedarf demes Gottes gar nicht. Barum schaffet Stützen für das gegenwärtige, noch bestehende, wenn auch baufällige Religionsgebaude, und werden auch diese Grützen anfangs von denjenigen zurückgewicsen werden, welche sich die wahren, altgesinnten Frommen nennen, so werden dock gerade diese, mir der Zeit deren Nothwendigkeir einsehend, dieselben mit aller Liebe umfassen. Als ein ganz sicheres Band der Eintracht und der Zuneigung, welches die israelitische Gemeinde nric ihrem, nach dem Bessern strebenden, Geistlichen eng und Liebevoll verbindet, muß der Religionsunterricht betrachtet werden. Diesen ertheilt der Unlerzeichnere in dem allgemeinen städtischen Schulhause, wöchentlich in acht Stunden, den Knaben und Mädchen von ihrem eilfren bis zum dreizehnten Jahre. Innerhalb dieser Zeit werden sie in der biblischen Geschichte, in der systematischen Religionslehre, und im Uebersetzen der'gewöhnlichen hebräischen Gebete c) unterrichtet, und am Ende derselben durch eine, im Gotteshause, am zweiten Sch'buoth-Tage stattfindende erbauende Lonfirmation feierlich entlassen. Dieser Religionsunterricht verspricht nicht nur eine Generation, deren Geist erleuchtet von einer wahren Gotteserkenntniß und deren Hcrz erwärmt für den Glauben der Väter, weder der aufklärerischen Gleichgiltigkeit, noch dem fanatischen Obscuramismus sich hinneigt, er eröffnet uns demnach für Israel nicht nur eine bessere Zukunft, sondern er bietet auch schon in der Gegenwart dadurch die beseligendsten Früchte dar, daß die Eltern demjenigen ihre Freundschaft und ihr Zutrauen nicht versagen, den sie für das Wohl ihrer Zinder so gewissenhaft besorgt sehen und daß so mancher Vater und so manche Mutter in ihren Mußestunden über diejenigen Gegenstände sich zu belehren suchen, von denen sie ihre Zinder so oft sprechen hören, und welche sie als Gegenstände ihres eigenen Glaubens doch auch wissen sollten. Die Stunden des Religionsunterrichtes sind darum für mich immer Stunden wahrer Freude und Seligkeit und oft erwacht in mir nach deren Vollendung die Frage: warum so manche graduirte und nicht graduirte Rabbinen den Religionsunterricht als eine ihrer hohen Stellung unwürdige Beschäftigung stolz zurückweisen? Wie viele christliche Superintendenten und Consiftorialräthe welche in der theologischen Literatur als Stern erster Größe glänzen, besinden sich jeden Morgen in der mit Catechumenen angefüllren Schulffube und unterrichten mit Liebe die Glaubens- und Pflichtenlehre ihrer Religion! Aber gar vielen jüdischen Gelehrten erscheint der Lebrstand noch immer in seiner häßlichen Bachurim-Gestalk, und vor diesem hohläugigen Gespenste furchten sie sich so sehr, daß mancher Doctor - Rabbine sich höchst beleidigt fühlen würde, wollte man ihm zumuthen: er sollte die Kinder seiner Gemeinde unterrichten — exempla sunt oiliosa — sed non desunt. — Außer der regelmäßigen Gottesverehrung und der jährlichen Confirmation der Knaben und der Mädchen müssen auch alle am diesigen Orte vollzogen werdende eheliche Verbindungen vor der heiligen Lade im Gotreshause stattfinden, bei welchen der altherkömmliche Ritus durch eine passende Rede eingeleitet, uud durch ein Segen erflehendes Gebet geschloffen wird. — Auch die Beerdigung hat der Gemeinde-Vorstand unter seine specieüe Aufsicht gestellt; die Leiche wird auf Gemeindekosten in einem geschmackvollen Leichenwagen auf den Friedhof geführt und von einem in schwarzem Anzuge gekleideten Conduct begleitet. Zur Bildung dieses CondueteS hat sich von den angesehensten!Gemeindegliedern ein dazu bestimmter Verein constituirt. Auch der Leitung des israelischen HoSpitals hat der Gememdc-V"rstand, obgleich eine eigene Hospital-Verwaltungs-Commission besteht, sich unterzogen, so wie er überhaupt nichts, was das wahre Wohl der Gemeinde fördern kann, als Fremdartiges abweist. Die fast in allen israelischen Gemeinden sich findenden WohlthärigkeitS-Vereine stehen auch hier in voller Blüthe. Wir erfreuen uns hier eines Vereines zur Unterstützung und Verpflegung für erkrankte Männer, eines für Frauen und eines für ledige Herren. Ein anderer Verein beschäftigt sich mit dem Ankleiden und der Beerdigung der Tobten, und endlich setzt sich ein Verein das Unterrichten in der hebräischen Sprache und das Kleiden unbemittelter Knaben zum Ziele seines StrebenS. Auch verdient hier ein geselliger Verein eine rühmliche Erwähnung , welcher unter dein llkamen: „Gesellschaft zurErbolung" zwar nicht mehr als ein freundschaftliches Zusammenkommen derMitglieder tendirt, um nach vollbrachtem Tagewerk durch Lecrüre der ausgezeichnetsten Zeitschriften, oder auch sich gegenseitig zu unterhalten und zu zer- Itrcucn, an dessen Pforte aber dennoch derHilfesuchende nicht'vergebens anklopft, und welcher keinen Winter yin,ziehen laßt, ohne den Dürftigen der Gemeinde Brennholz austheilen zu lassen. Des bürgerlich-socialen Charakters unserer Gemeinde kann nur mit Lob erwähnt werden. Ein großer Theil derselben gehört dem Kaufmannsstande an, doch finden sich in ihr auch viele Handwerker, als Schneider Schuhmacher, Schreiner, Spengler, Sattler, Bäcker, Metzger, Silberarbetter, Zarten-, Kattun- und Stuhlfabrikanten u. m. a. — Daö Verhältniß zu unserem christlichen Mitbürger ist das der Achtung und der Freundschaft.' Zu der städtischen Armenpflege contribuiren sowol Juden wie Christen, so wie auch beide Religionsgesellschafren bei derselben1 gleichmäßig vertreten werden und. nach gleichen Normen von derselben ihre Unterstützung erhalten; es haben hier drei, israelitische Aerzte eine ausgebrmete Praxis, und zu den neuen Gliedern des Stadtrath es gehören auch zwei Israeliten. Wir sind zwar in unserem Lande nicht formell emancipirt, es schlummert darum noch so mancher Wunsch in der Tiefe unseres Herzens, doch danken wir innigst unserem geliebten Landesvater für die bürgerliche Stellung, deren wir uns hier erfreuen und eine vergleichende Parallele zwischen der Gegenwart und der Vergangenheit eröffnet unS für die Zukunft eine anmuthige, freudenvolle Aussicht. „Befiehl dem Ewigen Deinen Weg, vertrau' auf Ihn, Er wird's vollbringen." (Psi. 37, 5.) Dr. S. Formstecher, Israel. Prediger. *) Nicht in den Büchern der heil. Schrift? Ned. Redaiteur vr. L. Phllippsorr. — Verlag von Baurirgärtrrers Brrchhandlrrrw. — Druck von I. B. Hirschfelk

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