Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 1 (1837)
- Issue
- Heft 8 (18.5.1837)
- Date
- 1837-05-18
- Page
- Seite 31 (sequence 3)
- Language
- German
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31 5. Der Priester hatte sich nicht geirrt. Mitemmerter Wuth und unerschütterlicher Ausdauer fochten und kämpften die Belagerer und das spanische Heer zeigte Wunder der Tapferkeit. Noch einige Werke waren zu erobern, noch wenige Punkte zu schwachen, und es konnte bei einem allgemeinen Sturm gelingen, in die Stadt einzudringen. Was Schwert und Geschütz nicht that, that der Hunger mit dem Gefolge schwerer, verwüstender Krankheiten. Aber noch war der Stolz des maurischen Königs nicht gebeugt, er sah das Verhängniß kommen, er wollte ihm entgegen gehen. An Krankenbette Nissa's sitzt die geliebte Tochter, ihre sanfte Hand faßt die des geprüften Mannes; sie fühlt die brennende Hitze, die den Kranken verzehret, sie sieht mit thra- «enden Augen in die hohlen aber noch glänzenden des Vaters, sie hört lauschend auf die heißen und schnellen Athemzüge der zerrissenen Brust. Seit zwei Tagen hatte sich der Armendiener nicht eingefunden, nur noch ein halbes Brod und ein Krüglein Wein sind die Erquickungsmittel des Kranken, die'Erhaltung der holden Pflegerin. Still hatte sie sich am frühen Morgen aus dem Hause geschlichen, und wahrend der Kranke eines kurzen Schlummers genoß, war sie zur großen Synagoge geeilt, wo die Hagem Gestalten ihrer Glaubensgenossen für die Rettung der Stadt zum Himmel flehten. Daß ein Weib in den geheiligten Räumen erschien und sich vor dem Oberrabbiner niederwarf, um Hülfe für Nissa, den siechen Vater, bittend, fiel den Andächtigen heute wenig auf, denn in den Tagen verzweiflungsvoller Noch vergißt der Mensch die kleinlichen Gesetze, die er sich selbst auferlegt und greift nach den ewigen, trostreichen Wahrheiten, die ihn ftin himmlischer Vatecllehrte. Darum schritt der ehrwürdige Oberrabbi zum Altar, nahm dm Rest des Segcnsweincs und übergab ihn den Händen der Jungfrau: »Das ist, meine Tochter, der Rest, den uns die Saracenen gelassen, er sei wie das heilige Äelkrüglein, dys Judas Maccabäus im entweiheten Tempel fand und das ttotz seiner Winzigkeit ach^Tage zum Brennen der ewigen Lampe ausreichte — er erquicke das Herz des frommen Kranken und versiege nie, bis Israel Rettung geworden oder er den neuen Wein des Lebens in jenen Höhen genießt, wo kein Kampf und kein Stteit und keine Noch «ns betrüben.« Mir dieser Gabe kam fie nach Hause zurück. Jetzt saß fie neben dem Vater. Draußen hatten die Donner d^es Geschützes nicht die Donner des Höchsten verscheucht, Gewitterwolken überzogen den Himmel , Blitze kreuzten sich, von den Gebirgen rollte das furchtbare Echo wieder, die Häuser wankten; das enge Gemach war wie vom Feuer erfüllt. Nissa wachte auf. »Der du mich gezogen aus Mutterleibe, erleuchte meine dunkle Bahn, sprach er leise. Meine Dinah, der Messias kommt.« Dinah glaubte, er spräche irre, sie blickte ihn mit angstvoller Miene an. »Der Messias kommt noch heute, meine Tochter. Der Messias ist der Tod, der uns erlöset von dem Schmerze, der Messias ist die Auferstehung zum neuen, herrlichen Leben. Weine nicht, weine nicht, Dinah! der Messias ist der Retterder mich fuhren wird meinen Weg. O thue mir kund den Weg des Lebens, in deinem Antlitz ist der Freuden Fülle, in deiner Rechte» Seligkeit auf ewig!« Auf dem Estrich war Dinah auf die Knie gesunken und während die Natur im Aufruhr tobte, sprach ihre Lippe ein heißes Gebet. »Dinah,« rief Nissa stammelnd, »keine Moschee, keine Kirche, keine Synagoge hat solches Gebet in ihren kalten Mauern vernommm, wahrlich, die Brust der keuschen, kindlichen Jungftau ist der erhabenste Tempel der Gottheit. Much, meine Tochter! sieh, es ist ein leichtes, im Glücke und dem ruhigen Gange des Lebens sich gleich zu bleiben, aber in den Tagm der Prüftmg festzustehen und auszuharren, das ist gottgefällig!« Er sank erschöpft in's Kissen zurück, aber nach wenigen Minuten fuhr er fott: »Ich übergebe dir, Tochter,, hier vor dem donnemden Himmel und der erschüttettcn Erde, vor dem großen Unsichtbaren, übergebe ich dir aus meinen bewahrenden Händen fünf große Dinge — sie überwiegen die Schätze der Erde, meine Dinah! — ich übergebe dir dein unschuldiges Herz, — ich übergebe dir deine weibliche Ehre, die heilige Religion unsrer Vater, das Andmkcn deines Vaters und —1dein Schicksal. Die große Stunde schlägt nicht auf der Erde, die dich fragen wird, ob du diese großen Dinge erhalten oder verloren hast, aber sie wird deine künftige Seele mit der jetzigen vergleichen. Tochter! ich werde dann neben dir vor dem großen Vater stehen und er wird mich ftagen, ob dieß die Dinah sei, die ich auf Erden zurückgelassen — laß mich dann mein verlassenes Kleinod erkennen, wäre es unkenntlich, die Mühen meines Lebens und das Harren meiner Zukunft wäre vergeblich gewesen. — Doch sieh', er naht, der Bote des. Herm!« Ein fürchterlicher Schlag erdröhnte. — Der Kranke fing an mit dem Tode zu ringen. Jmnkcr ängstlicher und kürzer ward das Achmen, immer stierer der Blick, kalt der Schweiß, zitternd des Lebens Pulse. Dinah rang die Hände. Kein barmherziger Bmder, deren sonst wohl viele dm sterbmden Jsraelitm ttostreich umgeben und seine letzten Athcmzüge mit Gebet begleitm, war gegmwärtig, dmn jeden hatte die Roth der Zeit bei Weib und Kind zurückgehattm, jeder hatte in