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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-12-27 · Heft 52 (27.12.1918) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 52 (27.12.1918)
Date
1918-12-27
Page
Seite 3 (sequence 17)
Language
German
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m den Frieden zu diktieren; wie wir über Frankreich fälsche Urteile Mten, wie ^indesgenossen an Bundesgenossen sich fest aneinander miedeten. Und trotz alledem blieben die Deutschen im ganzen unberegt, nur die Nerven wurden geschwächt. Das war das erste und tui folgt das zweite Bild: Israel in babylonischer Gefangenschaft, in tiefster Erniedrigung. „An den Wassern ^u Babel saßen Mjr und weinten, wenn wir an Zion gedachten. Unsere Harfen hinten wir an die Weiden dort." Das Unglück ist über sie gekommen, Dlveil sie dem warnenden Mahnruf der Propheten nicht gefolgt find, weil sie fremden Kulten gedient und nicht an ihrer Eigenart festgechalten haben. Aber in der Zeit der Schmach und Not geben sie sich Frucht dumpfer Verzweiflung hin, sondern eine Fülle schöpferischer ^'Gedanken bemächtigt sich ihrer; sie besinnen sich auf ihre Lebensauf- ^gabe. „Im Leid trägst du deine Bestimmung." Nicht Sprachgemeinschaft, nicht Rassenzufammengehvrigkeit, nein, Religion, Glaube an den einzigen Gott ist das' gemeinsame Band, das alle Israeliten um- .schlingt. Israel habe alle Zeiten und Völker überdauert durch den Ewigteitsgehalt seiner sittlich-religiösen Lehren, die Gemeingut der ganzen Menschheit geworden. Trost und Erhebung — so memte der § Vortragende — könnten wir auch in unserer schweren Zeit aus i Jesaja, Ezechiel und den Psalmen schöpfen. Meiningen, 20. Dezember. Am 4. d. Nt. starb nach längerem, schwerem Leiden Herr Geheimer Kommerzienrat Dr. jur. Gustav /«'trupp, hier. Mit ihm ist eme der hervorragendsten' Persönliche .eiten des Landes dahin ge gangen. Früher Inhaber der alten 'Bantprma B. Nt. «trupp, hat er es verstanden, diese als Bank für Thüringen zur höchsten Blüte zu bringen. Nicht nur in Finanztreisen, sondern auch im össentUchen Leben nahm er eine bedeutende Stelle ein. Er war Mitglied des Gemeinderats und des Landtags, Vorsitzender der Handelskammer und anderer Körperschaften. Für unsere Gemeinde bedeutet sein Tod einen besonders schlveren Verlust. Er war 85 Jahre Vorsitzender ihres Vorstandes und hat sich nicht allein mu diese Gemeinde, sondern auch in wichtigen Fragen um sämtliche Gemeinden, des Großherzogtums große Verdienste erworben. Mügroßer Arbeitskraft und großem «charfsinn verband-er Sachlichkeit, Gerechtigkeit, Bescheidenheir und Friedensliebe. Von seiner Wohltätigkeit, di», er m großzügiger Weise öffentlich und geheim ausubte, zeugen nicht luir zahlreiche «tistungen, die mit seinem ^tamen verbunden sino, sondern alich die Dankbarkeit vieler Einzelpersonen, denen er geholfen hat, eine Existenz zii gründen. Tie allgemeine Teilnahme fand auch bei der Beerdigung des Entschlafenen ihren Ausdruck. Nachdem mn Vormittag im Landtag und m der Gen erat versa mini u ng der Bant für Dhtirmgeu serteüs berufener Vertreter ihm warme Wvrte des Nachrufes uiid der Anertenuinig gewidmet waren, bewegte sich nachnuttags der fast eudlvse Loicheuzug, au deni sich der gesamte Landtag, das Staatsministernun und die sonstigen Spitzen oer Behörden, der Lberhosmarschall und viele andere beteiligten, nach dem Fried- Hose. Herr Landrabbiner Frankel hatte seiner Rede die'Worb zugrunde gelegt: „Ist cur Gerechter dahin gegangen, so scheidet er für sein Geschlecht dahin." Er gab der Trauer der Familie, der Finanzwett und der heimischen Kreise Ausdruck, wies auf die öortrefttichen Eigenschaften des Verstorbenen hiii und schloß mit dem Gedanken, dasz der Verstorbene unter den Großen dazu berufen gewesen wäre, initzubauen an dem neuen Deutschland. Das Andenken dieses hervorragenden Mannes wird unvergeßlich bleiben. L2 lassen, 20. Tezeinber. Vor kurzem beendete hier Rabbiner Dr. Sariiiiel eine Vorlesung über „Shakespeares S h y l v ck - und Lessings R a l h a n - D i ch t im g c n" im Oiahmen der akademischen Kurse für Handelswissenschaften und allgeineine Fortbildung. Shylock wertete er als tragischen Charakter, ren „Kaufmann von Venedig" als die Tragödie des im j u - d i f ch e n V vlke beleidigte n R e ch t s g e fühl s. In ferner „Nathan"-Erklärlmg ergänzte er in vieler Hinsicht die Antworten auf die Frage: W a r u m fand L e t s i n g e i n e n I ii d e n a l s V e r k ü n d e r seiner T v l er a n z g e d a n ke n a m g e - eignet ften? Die Zuhörer, zumeist Christen, folgten mit sichtlicher Teilnahme aiich den recht freimütigen Darlegungen über das historische und dogmatische Verhältnis von Judentum und Christentum. S£2 Worms, 20. Dezember. Zu der Korrespondenz aus Zürich: .,Herdenheimsche Bibliothek" in Nr. 48 der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" gestatte ich inir berichtigend iiud ergänzend das Nachfolgende mitzuteileii: Der Privatdozent Tr. Heidenheim war - mit Wolf Heidenheim nicht verwandt. Er stammte aus Worms, wo sein Vater zweiter Kantor und Schochet gewesen. Er besuchte das hiesige Gymnasium, „lerstte" bei dem seligen Rabbiner Koppel Bamberger und soll ein allsgezeichneter Schüler gewesen sein. Nachdem er in Darmstadt die Religionslehrerprüsung abgelegt hatte, wirkte er als Lehrer in Osthofen bei Worms. Im Jahre 1844 übernahm er ein Jahr lang die erste Kantorstelle bei der hiesigen Gemeinde, legte diese dann nieder und studierte in Gießen Theologie und Philosophie. Nach bestandenem Examen empfahl ihn Professor Dr. Karriere 1851 in ganz hervorragender Weise als Prediger für die damals hier frei gewesene Stelle, nachdem er vorher schon als Student der Thrologie mit Genehmigung Bambergers in der hiesigen Synagoge gepredigt hatte. Es ist aus den Akten nicht zu ersehen, warum er die Predigerstelle nicht erhalten hatte. Wie sich der Lebensweg Heidenheims weiter entwickelte, entzieht sich meiner Kenntnis. Nur jo viel konnte ich erfahren, daß er sich später taufen ließ, viel mit Fürstlichkeiten verkehrte (Königin Viktoria von England) und sich von seiner Fr an scheiden ließ. , S. Rothschild. Schrmi-. 4. M. Bern, im Dezember. Hier hat sich folgendes ereignet: Infolge eines Schlaga nsalles starb hier kürzlich auf offener Straße der ehemalige Privatdozent Dr. Jakob Schapiro ans Kowno im 48. Lebensjahre. Der Verstorbene war von Beruf Zoologe, arbeitete aber in letzter Zeit im Veterinär-auakourischen Institut, wo er. sich anscheinend nicht als Jude ausgab, obwohl es ihm da gar keinen Abbruch getan hätte. Er wurde daher auf den christlichen Friedhof übergeführt und auch ein Pfarrer ist von Bekannten des Verstorbenen zur Einsegnung der Leiche bestellt worden. Als die jüdischen Studenten dies vernahmen, eilten sie zum Präsidenten der Israelitischen Kultusgemeinde, um dies zll verhindern. Die Leiche wurde auch sofort auf den ifra>eli't-:fcheu. Friedhof übergeführt und dieselben Bekanucieu, die vorher den Pfarrer bestellt hatte-ni, bestelltenjetzt don jüdischen Seelsorger für einen lvübdigen Nachruf auf den« He-imgegangenen. Inzwischen erhielt iber Leiter 'des obengenannten Inst itlrtes ein dringendes: Telegramm von der Gattin des Berstorbemen aus Mainz, woselbst sie ails Po,lizeiassilsten'tin, beschäftigt sein soll, mir der Bitte, mit der Beerdigung noch bi>s zuihrem Eintreffen zu warten. Anstatt 'bcT Gattin kam jedoch der etwa 20jährige Sohn, und zlr der nicht geringen En-tkänfchung aller jüdischen Bekannten des Verstorbenen erklärte der Sohn feierlichst, daß hier ein Irrtum vvr liege, da sein Vater Jakob Schapiro aus Kowno von Geburt «nif ei1« nge l i s>ch fei. Die Leickze ist natürlich wieder auf den christllchen Friedhof gebracht und dort -beigesetzt worden. — Es wäre interessant zll' erfahren, lvie sich -die Familie des Verstorbenen in zrolvno zll dielein etwas verschleierten Vorkonnnnis stellen wird. . Holland. Z. Den Haag, im Dezember. Das Verwaltnugskomitee des Jüdischen Nationalfonds versendet folgendes Manifest: Juden! Wir stehen vor -dern v-erheißungsvollen Wendepunkt unserer Geschichte, zu dem die entschlossene Tat nationaler Vorkämpfer im Weg gebahnt hat. Das lang ersehnte Ziel des jüdischen Volkes, im eigenen Laude lvieder seßhaft zu werden, reist der Erfüllung entgegen. Machtvolle Völker und Regierungen haben feierlich geübt, unsere nationale Wiedergeburt im Laude der Väter mit allen Krüsten zll fördern. Der Friede wird lins vor die Durchführung gelvaltiger Allsgaben stellen. Er darf uns nicht unvorbereitet sinken. Schon jetzt müssen die Grundpfeiler zum Wiederaufbau, des jüdischen Palästina errichtet werden. Las Fundament jeder nationalen Kolo-nisa-tion ist der Beden. Der Jüdische Nationalfonds.ist begründet lvorden, um den freien Boden Palästinas als unveräußerliches Eigentum des. jüdischen- Volkes zu erwerben und damit den nationalen Charakter der jüdischen. Siedlling dauernd zu verbürgen. Verfügt, das jüdische Volk in seiner Gesamtheit über das wichtigste Kololl'isativnsmitte!, den Boden, sv ist auch die gesunde Grumdlage für die Entwicklung des zuMuftigen palästille u fischen Gemeinwesens geschassell. Der Bestand der jüdischen «iedlllng ist nur gesichert, lvenn das jüdische Volk lvieder mit der heimatlichen Scholle verwächst und den Ertrag des Bodens eigener Hände Arbeit verdankt. Ter Boden Palästinas soll frei sein für jeden unter uns, der ihn selbst bearbeiten will. Für die Schaffung einer selbstarbeitenden jüdischen Bauernschaft aber ist die Ansiedlung der

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