Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 52 (27.12.1918)
- Date
- 1918-12-27
- Page
- Seite 623 (sequence 13)
- Language
- German
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wieder, mählich und langsam, fühlte sie die Hülle ihres traumhaften Zustandes sich lüften, bis wieder alles mit erbarmungsloser Wirklichkeit uni> Klarheit vor ihr lag. Sie erkannte, daß sie zwar im Bimmel einen Gewinn zu Verzeichnen hatte, da der Geist ihres alten Glaubens wieder zu ihr zurückgekehrt war, dafür aber stand ihr ein schwerer Berlust auf Erden, in ihrem Eheleben. bevor. Aber sollte denn das so sehr in Bedacht kommen? Wird nicht der irdische Verlust reichlich durch den himmlischen Gewinn ansaewoaen? So finaen diese beiden Menschen an. versckstcdene Bahnen ul wandeln, ieder aber nach dem andern sich umschauend, ieder fürchtend, bei seiner Meaebieanng sich aus dem Gesichtskreise v\ verlieren: ieder seine eigenen Leiden verbergend das; sie dem andern unbekannt bleiben, voll tiefer Wemut bei dem Gedanken, daß dem andern doch bald Vst Annen ausaehnl lliürden. Wie Klgßner schon früher klaubte, war es ihre aeaenusttiae große Liebe, die jeden von ihnen veranlasite, dunen Schmers und seine Sorgen in ßch m verschließen, 11m de deoi aNduui m verheimlichen. - (?§ war lange her. daß sie nicht mehr an den Vikar gedacht: iesit aber, d^ er sich wstdm' ihreni Geiste anfdrönate. sab sie auch seinen flommem d^n 5wrn wieder. Aber nicht seinen Hohn fürchtete ste, sondern . dru unsichtbaren Einfluß. mft dem er ihr Geschick aus dem Hinterhalt b^rbesten wallte, wie er es ihr ia vorher angekündigt.?ll^r sie lvollte diesen Einfluß nicht anerkennen, sie wollte dem Vikar wiaon. daß sie sich äußerlich um s^ fester an ihren Gatten gnaesckstosten. io weiter dor innere Glanbon sie voneinander entkernte. Mit ihrem Gatten sich zusammenickstießen! Eine Heide Lwll^ wallte bei ibr ans. Da soll kein Fremder.?°in Eind-pinalina sich bineianimgen dürfen mit nllorw"uiasten 'Vr Vifoe! Liebe ist es tn vie ihr eine Riesenkraft veickeiht. nns alle Häsen Einflü^^ aviuwehrpn, Das andere wird sie sMin mit dem Manne ihres Herzens in irgendeiner Art ausgleichen und schichten. Ass wallte dst Narsehuna jb^en Entstbblß erleichtern, entstand bald e-in^ Gewaenbeit die ihr und auch ihrem Gatten zeiate. wie sebr ihre Hemert iin Einkla^a vulsierten nrch in aseicher ^ftrmf' fürdinander schlnaen. Die ersten Korre^tnrbnaon v'Nl Klasiners Buch waron eben angeh-mst. nnd NN vassen Ginverständnis ohne iraendwesche vorherige Bernhredlnia. lebten sich bstde hin. NW diele Arbeit vrrinnebwen. wndlen h"id-e. dar ,'s nicb^ f'nT'y' sne-afältiae een t-nt weaen aeschah. sondern weil es ihnen ganz natürlich schien. Gelegenheit vorüberaelian WN017 um ihre n^nieinw^^ Freude zu vermehren, die sich im Gesichte des anderen nüdersvieaelte. Klußwakonnte es nicht alauben, dah untov dieser klaren llud strablendeil Oberfläche ein böses. störelst^s Ebunent lauern sollte. Gr fing an ur glauben. dasi mna' Anblick nur die Ansaebnrt eines nächtlichen Spukes awiesen. dasi ihm damals seine Sinne etwas vorgetäuscht. Aber, selbst trenn es nickst der Fall acwesen, musste es seine Aufgabe sein, es zu einer solchen zu machen und sich zu diesem Glauben zu überreden. Ellen wieder erkannte dadurch aufs neue, wie aufrichtig und unzertrennlich sie zueinander gehörten, wie sie alles füreinander waren. Sie fand eine große, wenn nitdi nur schüchterne Freude darin, dasi sie sich ihm in ihrer ganzen, tiefen weiblichen Demut zeigen könnte. Ginen einzigen Tag nur wollte sie sich gönnen. Jetzt. wo die Freiheit so nahe bevorstehend war, war es doch eine gewisse Wollust, sich noch einmal die schmerzlichen Tage vor Augen zu führen, um sich desto besser für die Jahre der f^rcube vorzubereiten. Und der ersehnte Morgen kam. Sie war zeitig anfgestanden, zeitiger als sonst, so daß, als Chaje Rachel zum Vorschein kam, diese schon alles für das Frühstück vorbereitet gefunden. , I „Das nicht ist Sache für dich zu machen, weil du nicht gut aussehen, Elle," sprach die alte Frau mit einem zärtlichen Glanz kn den Augen. Ellens Lachen klang etwas hohl. „Nicht doch, Mutter! Es ist nur der Nebel, der mich so bleich macht." Als sie sich aber zufällig im Spiegel erblickte, fand sie Cchaje Rachels Worte bestätigt: sie war sehr bleich und hatte schwarze Ränder um die Augen. Es war ihr lieb, dasi Klasiner etwas länger im Bette blieb, so daß er. als er endlich erschien, nur noch wenige Minuten für sein Frühstück übrig hatte. Ellen' war froh darüber ttnb auch über den Rebel. der auch das Zimmer verdunkelte und eine einaebende Betraclstuna ihrer Gesichtszüge verhinderte. Es wäre ihr schwer geworden, seinen Blick anszuhalten, denn schon das kurze Emporheben ihres Gesichtes, um seinen flüchtigen Abschiedskuß zu empfangen, verursachte ihr eine große Anstrengung. Den ganzen Morgen, den ganzen- Tag über beschästü.ste dieser Zweifel ihre Gedanken. Sie wußte aber nickst' ob sie weinen oder lachen sollte. 'Ruhelos und unaedistdia ariff sie bald nach diesem, bald wieder nach ienem Gegenstand, um alles wieder nach einer Minute angeekelt weazuwerfen>. Ans d"in Nebel draußen wurde bald ein feiner Sprühregen. der die Straßen mit einem zähen, dicken Schlamm bedeckte, so dasi Ellen verhindert war, das Haus zu verlassen, um draußen im Freien berumzuschweifen und ihre Gedanken zu ordnen. Aber es war bester so: sie hätte es nicht ertragen, mit sich allein zu sein: sie hätte sterben müssen, wenn st" nickst einen Menschen um sich wußte, und sei es auch nur die alte Frau, deren Gesellschaft sie jetzt unter nichtigen Vorwänden anfsuckste. Ihr war seht plötzlich da 2 Bewußtsein gekommen, nste ans weiter Ferne, ans einer Welt voller Tr^u^e und Vhantastereien. daß wieder ein unbekanntes, fremdes Element in ihrem Leben aufaetauckst war, etwas Eigenartiges. das bald Freude, bald wieder Sorge und Angst in ib^ anslöste. Und als der Taa fortschritt. wurde ^s ibr immer klarer und dnstlicher. daß sie ießt aufaebört. ihr eigenes, fmc? Fcki m sein, dasi etwas Neues sie beherrschte und beeinflußte, dem sich ^llotz. ihr aanzes Sein benaen mu^t-e. daß sie nickst mehr d^s Rehervschende bildete, sondern m einer unteraeordneten Halbheit herabgesnnken war. Mit befremdlichen Blicken betrachtete sie iesit ihre Schwiegermutter: das ein-fache, scheinbar wesenlose Dasein der altni Frau schien eine H-eiliakeit in sich zu schlichen, b t ibr ein schlichten Leben eilw gewisse Weibe verlieb. Ellen ilnterbielt sich mit ihr und fvrach viel, allerlei; docb das, was sich ibr mit unwiderstehlicher Mackst ^nf die Livlnu dränate, von dem, was der ganzen Welt in ihr^n Auaen ein verändertes Aussehen gab. von dem schwieg sie beharrlich. Das war ja auch kein Gegenstand müßiger Unterbaltnna. selbst nickt für solche Obren, für d»e es die schönste Mn-sik oe^ wesen wäre. Sie mußte erst selbst darüber Nachdenken, sich selbst erst Klarbeit darüber verschaffen. Und als der Abend berankam, da gina sie auf ihr Zimmer, um ungestört diesen Gedanken nachzuhängen und dem jungen Leben zu lauschen, das an der Pforte ihres Herzens zu pocben begann und um Einlaß in die Welt bat. Ellen saß schweigend, mit geschlossenen Augen, zun voller Andacht über das größte und erhabenste Wunder der Weltschöpfung nachzu-denken, über das Wunder der Mutterschaft! 20. Es dauerte eine ganze Weile, bis die junge Frau sa weit die Herrschaft über sich aewann. um dieses neue Ereignis schnell llnd klar überdenken zu können. Zunächst überwog die Tatsache, daß die neue Entdeckung nicht nur sie allein betraf, da es der ganzen Sachlage eine neue Wenduna gab. Mit schmerzlicher Empfindung erkannte sie, dasi sie während der letzten Monate, seit ihrer Berheiratnng, ein Probierobjekt der Vorsehung gewesen zu fein schien, die es sich zur Aufgabe