Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 52 (27.12.1918)
- Date
- 1918-12-27
- Page
- Seite 622 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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022 Je mehr mir Juden Angriffen ausgesetzt sind, desto fester hält der Kitt. Wir sind solidarisch — durch Zeit und Umstände — geworden. Die Heranwachsende Generation wie unsere Nachfahren werden eine bessere Zeit erleben, werden ungläubig den.Kopf schütteln und zweifelnd sagen: Wie war's möglich! In einem Kulturzeitalter, einem Lande verfeinerten Geistes, höchster Intelligenz und Bildung durften derartige Zustände doch nicht Platz greifen . . . Es war so, und es wird anders sein. Gott sei Dank! Ein Mahnruf an die jüdischen F r a u e n! Die neue Zeit, welche euch allen neue Werte in den Schoß geworfen: Gleichstellung beider Geschlechter — nach langen Kämpfen um die staatsbürgerlichen Rechte auch der Frau — ist endlich Tatsache geworden. Die deutsche Frau wird demnächst mit dem Manne Zugleich an die Wäblurne treten. Vierzigjähriger Karnvf rem ,Grauenrecht ist siegreich beendet. Nur haben es nicht die Iranern sondern der unaufhaltsame Strom der Freiheitsbewegung, der jetzt in Deutschland machtvoll geworden, zuwege gebracht. De" Krieg ist wähl zu Ende. Die Waffen ruben! Unsere Kämpfer eilen den heimatlichen Fluren zu. Nehmt die Heimfchrenden mit warmem Kerzen mit gefüllter Händen auf! Es sind Helden, die unsägliche, übermenschliche Leiden erduldet. die Ueb^rmens'dliches "lUojstet llab?r,. Nicht ib"e Schuld ist es wenn sio nicht als Sieger beimkommen. Den verwundeten. frie^sb^schädiaten Kämpfern muß ante Mleae mteil werden. Allch die schwachen, mit ihren Nerven seelisch wunden Krieaer müssen anfgerichtet, liebevoll behandelt, in neue Berufe gewöhnt werden. Hier erwachsen den indischen Dräuen ebenso bobe wie bedeutsame Ausgaben. Biel Geldmittel sind .rnstwendia, uni derlei Anfovdor,innen aew allsten m sein: denn eine große Anmbl der Hilfeheischenden bedarf auch geldlicher Unterstüßnna. Die Krieaswitwen. dm vielen unversorgten Kriegswaisen fnr’bprn ebenfalls unsere volle Anteilnahme an i'brem G'stchick. ^ie Gründuna van AnKknustsburea^s bebnls Stellennachweis. Nate^teillnia ubd die Anlaae von Werkstätten. Arbeitsstätten f"r .^a^Idfertiakeitsbm'use "'ästen Hand in Hand damit geben. Es «dstrite sich ewvsthlen. Lebrer und Lehrerinnen iür Borträge aewinnen. um d^r Dnu^nd ^nlli den reisen Hilfe,heischenden, in anaeineste,mv We'^ d'0 N"tiaen Kenntnisse für Landbau, Fischzucht-. Geflüaelulcht'nstalten >u. a. einzuprägen. Vie^ Dräuen und Mädchen batten während des Krieges rosten Nerdienst durch, Vertretung der fehlenden männlichen Arbeitskräfte. Das bört nun auf. Auch diese weiblichen Luftmenschen. ohne Ar und Halm - brauchen neue Eristenzmöalichkeiten. Für alle diese Enterbten müßt ihr Sorae traaen. Ihr Dräuen, schließt euch nisamwen und sucht Anschluß an ^ie anderen jüdischen Organisationen des In- und Auslandes. Die große Zeit darf kein kleines Geschlecht vorfiuden! Organisiert euch, werbt schleunigst! Keine Stunde darf ungenützt verfließen. Die Scharen ausströmender Hilfsbedürftiger können eine Kovflosigkeit Hervorrufen, wo jeder Erwägung und jedem Entschluß die nötige Zeit fehlen kann. Die geistig arbeitenden Frauen unter uns haben die Aufgabe, in Wort und Schrift die Lauen zur Teilnahme an dem Riesenwerk der Hilfsaktion hinzuzuziehen. Bedenkt, wir Juden sind nicht nur solidarisch verbunden, sondern auch völlig auf die eigene Hilfe ang e w i c f o n! tfrürm öas Snnigr. vT-wy-' (24. Forts.) Roman von Nt. P u >l v e r m n n n. ar es Feigheit oder war es Mitgefühl, daß er sich damals 6ie Gelegenheit entgehen ließ, sie offen und rückhaltlos zu fragen, ob es denn einen Zweck habe, das Kreuz aus dem Hause zu entfernen, wenn sie es doch noch weiter im Herze trage? Sollte er sie wirklich der Doppelzüngigkeit oder des Mißbrauchs seines Vertrauens zeihen und verdächtigen? Nein! Es war gar nicht ihre Schuld, ob sie sich auch selbst belasten mag. Wie könnte sie auch die menschliche Empfindung beherrschen, die tausenderlei Wandlungen und Stimmungen unterworfen ist? Oder sollte er etwa in ihrer Verschwiegenheit das Verwerfliche finden? Muß er es nicht vielmehr als eine liebevolle Aufmerksamkeit und Rücksichtnahme betrachten, daß sie ihren Zustand und ihre Seelenstimmung eifersüchtig überwacht, um ihm keinen Schmerz zu bereiten? So türmten sich gewaltige Mauern auf allen Seiten auf, die ihn zu erdrücken drohten und ihm den Aufenthalt in seinem Hause verleideten. Es war aber nicht Ellens Rückfall allein, sondern auch der Anblick seiner alten Mutter, die sich nach der Aussöhnung mit der Schwiegertochter so rulsig und behaglich fühlte, ohne zu ahnen, daß sie auf einem Vulkan wandelte, daß eint entsetzliche Katastrophe in jeder Ecke und in jedem Winkel lauerte. Daß sie aber doch irgendeine Ahnung hatte, daß sie irgendeinen Verdacht hegte, sicherlich durch den mütterlichen Instinkt geleitet, fand er durch einige Worte bestätigt, die sie eines Tages unvermutet äußerte. „Awromele, mein Kind, weißt du, wie mir zumute ist?" „Sicherlich doch wie einem Riesen an Kraft und Gesundheit,^ sprach er mit erzwungenem Lächeln. „Nein, Awromele! Mir ist so, als ob sich wieder Schwaben und Ungeziefer im Hause befinden möchten. Es schleicht etwas im Haufe herum, das ich nicht sehen, aber doch fühlen kann." „Die du natürlich bald wieder vertreiben wirst, Mutter." „Einmal ist es mir gelungen, ob aber auch ein zweites Mal-r Klaßner schwieg. Auch ihm war es, als ob ein ganzes Heer von Ungeziefer in Gestalt von Unsicherbeiten und Abnormitäten in seinem Innern hernmkröche. Hat der Zweifel sich erst eingenistet, dann ist es sehr schwer, wenn überhauvt möglich, daß er durch einen festen, vertrauensvollen Glauben wieder beseitigt wird. Er legte seine Arme um den Hals der alten Mutter und küßte sie herzlich. »Was ist denn los. Awromele?" ries sie verwundert. „An einem gewöhnlichen Wochentag küßt du mich?" „Weil du mir kein Rätsel bist: weil ich dich gut verstehe." Auch nach dieser befremdlichen Erklärung vermochte die Alte ihm nicht das Kompliment zurückzugeben. Seine Worte waren für sie noch immer ein ungelöstes Rätsel. Und Ellen? Dankerfüllt hüllte sie sich in ein Behagen, klammerte sie sich an einen Gedanken, der ihr in der letzten Zeit alles als einen wirren Traum erscheinen ließ. Es war doch gut, endlich ein wenig Ruhe gefunden zu haben, wenn auch ' nur für eine Weile. Tief unten zwar, so tief, daß ihr Geist kaum den Grund finden konnte, lag das Bewußtsein, daß sie doch nur den einen Kampf mit einem andern vertauscht. Vielleicht aber bedeutete der Wechsel den Anfang eines Sieges. Die eine Quelle des Widerstreites und des Widerspruchs' war vertrocknet, vielleicht gelingt es ihr auch bei der zweiten. Eine Weile vermochte dieser Gedanke sie aufzurichten, doch bald