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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-12-27 · Heft 52 (27.12.1918) · p. Seite 620

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 52 (27.12.1918)
Date
1918-12-27
Page
Seite 620 (sequence 10)
Language
German
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der Bewegung eine Anzahl Juden getragen und hat in ihren weiteren Kreisen viele von unserem Blute hervortreten lassen, oft gegen ihren Willen! Me das gekommen ist? Auf dem jüdischen Intellektuellen hat der Druck des alten Herrschaftssystems wohl am schwersten gelastet, ihm die Flügel -beschnitten und ein Aufsteigen nur schwer ermöglicht. So wußte er lange Zeit seine besten Kräfte brach liegen lassen und verbittert beiseite stehen, wo er so gern mitgearbeitet hätte. Nun kam die neue Zeit: Alle Hemmungen fielen von ihm ab. das Volk und die Soldaten, die zu ihren alten Führern das Zutrauen verloren hatten, sahen sich nach neuen um und fanden sie vielfach in dem geistig hochstehenden Inden, der auch wie sie dem verstossenen Regiernngsshsturn keine Träne nachzuweinen hatte. Denn' schon in den ersten Stunden der Revolution war der Schrei nach den Führern, 'besonders in den Soldatenmassen, ein gewaltiger, war es doch durchaus notwendig, den locker gewordenen Zusammenhalt auf neuer Basis zu festigen. Und so, wie es dem Schreiber dieser Zeilen gegangen ist, daß er wider seinen Willen zum 1. Soldatenrat seiner Kompagnie gewählt worden ist, '.so mag es manchem anderen Juden auch aegangen sein. Es wäre unjüdisch gewesen, hätte man sich damals dieser Pflicht entzogen. W-* Vir^nbffedes Augenblicks war. obwohl schwere Bedenken sich gleich aeltend machten denn es mußte ja klar sein, daß von reaktionärer Seite die Reweannaen von vornherein dahin ausgebeutet werden wurden "ls nh die Juden sie nun benutzten, um die Herrschaft über Deutschland an sich zu reißen. Nun schließlich, aus eine odor die andere Verleumdung mebr oder weniger kommt es m anx nickt an. daran ist ja der Jude in seiner langen Leidensgeschichte schon gewöhnt! Schwerwiegender aber war das andere Bedenken, das in vollem Umfanae auch beule noch besiebt: Wie wird das Volk sich verhalten, wenn ihm die Bewegung nicht alles brinat. was es erträumt bat. und ans die Zeit böcksigeivannter Hotfnungpn der Rückschlag folcsi? Was. dann? Wird es nicht, wie stets bisher in der beschichte, einen Sündenbock suchen und ibn in dem Juden finden? Mrd es «dann nickt vergessen. daß es in so vielen Fällen den jüdischen Andrer aesuckt und sick ireiwillia ihm unterstellt bat und wird es 'dann n^ckt iaaen. daß es der Jude war. der es ins Unalück gebrockt «bat? Denn das Gedächtnis der Menge isi fim, und es wäre töri^bt. auf D"nk nt rechnen, dm es in der Politik nickt ackt. Di? Ereianisie haben diesen Bedenken, die sckon in den erben Revolutionstagen aufstieoen. nur allzu recht aeaeben. liebevoll ist man im antisemitischen Laaer dabei, das Volk geaen diese neuen ftüfirer. denen es sich ja freiwillig untergeordnet bat, aufzubetzen: so wird von den Bayern gesagt, daß es ganz rätselhaft sei, wie sie fick einem galizisck-jüdiscken Diktator gefügt haben, und dem Judentum als solchem wird der Vorwurf gemacht, daß es dabei sei. das letzte Glied in die Kette seiner angeblichen Weltherrschaft eiwufüaen. Wir tun gut daran, wenn wir die Zeichen der Zeit zu lesen versieben und nicht in übertriebenem Idealismus unsere Selbstausoipferuna zu weit treiben. Das indische Vnbk war bisher das Salz unter den Völkern, ab^r es isi das Sckicksal des Salzes, sick aufzulösen, und dies Schicksal fall nickt das unsere sein. Immer und stets haben wir deutschen Juden zuletzt an unsere eigenen Ziele und das Wohl unseres eigenen Volkstums gedacht. Mt der uns eigenen raschen Beaoisierungssähiakeit haben wir uns für die neuen großen Ideen eingesetzt, so 1813, 1848, 1870, 1914. Und was war unser Dank? Stetes erneutes Verkennen und neue Enttäuschungen! Hätten wir aus all dem nickt einmal etwas lernen können? Hätten wir nicht erfassen können daß es für uns auch jüdische Aufgaben gibt, deren Lösung für unser Fortbestehen die wichtigere ist? In Gruppen mrd Grüppchen zersplittere. die sich oft bitter bekämpfen, leben wrr deutschen Juden dahin, große Teile unter uns stehen unserem jüdischen Eigenleben völlig indifferent entgegen. Wir haben es nicht verhindern können, daß der Abfall gar viele von uns abbröckeln ließ, und wir haben es nicht vermocht, das einigende Wort zu finden. Wer am Glauben seiner Väter und an seiner Blutsgemeinschaft hängt, für den ist dies ein tiefer Schmerz. Aeußere und innere Gründe aber fordern unablässig an dieser jüdischen Renaissance zu arbeiten und sie als «die wichtigste Aufgabe in unserem Leben aufzufasfen. Vom Osten her droht eine neue Welle des Judenhasses, der wie z. B. in Lemberg in geradezu mittelalterliche Judenverfolgungen ausgeartet ist. Man will die Juden für alles Unheil, das dieser Weltkrieg gebracht hat, verantwortlich machen. Mit Gründen der Vernunft dagegen anzukämpfen, scheint bei dem Geisteszustand unserer Hasser ausgeschlossen, denn mit Gründen und Gegengründen wollen diese nicht kämpfen. Schon hat diese Bewegung auch nach Prag übergegriffen, wenn es auch dort wenigstens bisher nicht zu Ermordungen von Juden gekommen ist; wir wollen hoffen, daß sie auf unseren reichsdeutschen Boden nicht übergreift, aber wir können es nicht wissen. Nur Zusammenschluß kann uns retten, nur wenn wir alles Trennende hinwegschieben und die großen Gedanken, die uns zufammenhalten, hervorkehren, stellen wir eine Macht dar, mit der zu rechnen ist. Verstchen wir endlich, worauf es ankommt, ehe es zu spät ist. Aber eine Bewegung wäre eine hohle, wenn sie nur von außer her ihren Anstoß nehmen würde, und sie müßte dann zufammenbrechen. Zum Glück aber ist dies nicht der Fall. Wie man sich auch immer zum'Zionismus stellen mag, man muß es anerkennen und frei heraus sagen, daß er unsere Gemeinschaft mit neuem Leben erfüllt, unser Blut rascher hat schlagen lassen. Weite Kreise, die bisher indifferent beiseite gestanden haben, hat er,der jüdischen Gemeinschaft geschenkt, sie mit emem neuen hohen Idealismus erfüllt. Und mir würden uns auch unsere Augen absichtlich mii einer Binde verschließen, wenn wir verkennen würden, daß sein Weg auch ein erfolgreicher ist; er hat große Teile der Judenheit aller Länder ergriffen, und er wird es als sein Verdienst ansehen können, wenn mit Friedensschluß ein neues jüdisches Reich in Palästina ersteht und damit vielen unserer gequälten Glaubens- und Volksgenossen eine neue Heimat geichaffen wird. In Oesterreich haben die Juden ihre Forderungen als besonderer Volksteil angemeldet, die Juden im tschecho-slowakischen Staate sind ihnen gefolgt. Wie aber liegen die Dinge für uns deutsche Juden? Viele sind unter uns, in | deren Brust das Bekenntnis zum Judentum und Deutschtum sich die Wage hält, bei vielen neigt sich die Schale nach der einen oder anderen Seite. Liegt ja in dieser Zerrtssenheit ein Gutteil der Tragik unserer Geschichte. Aber vielleicht ist 'dieser Zwiespalt gar nicht so unüberbrückbar, wie es scheint, und in der Sache selbst ein Verstchen recht gut möglich. Auch nach dem Entstehen des neuen jüdischen Staates wird die Zukunft der meisten deutschen Juden in Deutschland liegen, und wir wollen hoffen, daß die neue deutsche Republik von keinem von uns mehr das Opfer des Intellekts, der Ueberzeugung und des Volktums fordert. Und dann wird der unangenehme Zwitter übertriebenen Assimilan'tentums schwinden, wir sind auch dann die besten Deutschen, wenn wir die besten Juden sind. So erfordert die Pflicht des Augenblicks ein volles Bekenntnis zu unserer Gemeinschaft, zu der wir treu stehen und an deren Verjüngung wir unablässig, arbeiten wollen. Sie fordert von uns, daß wir das gemeinsame Band der Rasse, das die Inden des Erdkreises umschließt, nicht abreißen lassen und damit unseren besten Überlieferungen untreu werden. Dem deutschen Staate stellen wir in seiner Not unsere Kraft zur vollen Verfügung, wir wollen an unserem Teil mit

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