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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-12-27 · Heft 52 (27.12.1918) · p. Seite 618

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 52 (27.12.1918)
Date
1918-12-27
Page
Seite 618 (sequence 8)
Language
German
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übergab ihm eine vom ehemaligen Bezirkshauptmann Nvel bestätigte Kopie des kuriosen „Befehls". Herr „Minister" Lasocki verlangte das Original und als es ihm von dem Advokaten übergeben worden war, verweigerte er die Ausfolgerung desselben. . . . Unter russischer Zarenherrschaft hätte bei solchen Gewaltraten ganz Europa vor Empörung aufgeschrien!" Ein Kommentar unserseits erübrigt sich. * Und so müssen wir -diesen Bericht mit derselben traurigen Resignation schließen, mit der wir ihn begonnen haben. Wohin kann und soll das Schreckensregiment führen, unter dem wir leiden! Alles ist in wildester Gärung, und von allen Seiten tritt man wider die Juden auf. Es ist wahrlich ein -geringer Trost, daß in einer der neuerdings stattgefundenen tumultuarischen Versammlungen, in denen jede vernünftige Beratung durch Pöbelhaufen unterbrochen wird, in der die Beratenden selbst sich nicht als ernste Männer beweisen, in der vielmehr gefaßte Beschlüsse umgestoßen oder durch eindringende Militärabteilungen verhindert werden, unter den zwei Kandidaten, die zu dem Posten des künftigen Präsidenten der brenbischen oder deutschen Republik genannt worden sind, auch ein Jude, Professor Huao Proust, der gegenwärtige preußische Minister oder Staatssekretär des Jnnsrn, sich befindet. So sehr wir den verdienstvollen Mann schätzen. so möchten wir es für kein Glück betrachten, wenn an die Spitze der preußischen oder deutschen Verhältnisse ein Jude berufen würde. Eine solche Berufung, so ehrenvoll sie an sich wäre, würde, wie die Verhältnisse nun einmal liegen. nur dazu beitragen, den Judenhaß zu schüren und vielleicht Anlaß zu entsetzlichen Ausschreitungen zu geben. Alles, was geschieht, kommt dem ruhigen ernsthaften Beobachter so wiudia, so provisorisch vor: alles deutet auf einen langsamen, aber sicheren Ruin unseres Wohlstandes, unserer Ehre, unserer Sicherheit, ia, unserer ganzen Eristenz, daß man nur mit dem äußersten Widerstreben von diesen fürchterlichen Dingen reden kann. Nur mit ungeheuerster Anstrengung und Selbstüberwindung vermag man seiner Pflicht und seinem Berufe nachzugehen, nur mit fast übermenschlicher Gewalt sich immer und immer wieder zu überreden, daß alles, was augenblicklich geschieht, nur etwas Vorübergehendes, nichts Bleibendes, ist, und das Vertrauen zu hegen und auszusprechen, daß ans allen Schrecknissen des Tages etwas Gutes in der Zukunft herauskommen könnte. Aber es muß sein, wenn wir nicht ganz verzweifeln wollen; wir müssen uns überwinden und trotz alledem zu hoffen wagen auf den Sieg der Vernunft, des Rechtes und einer wirklichen Freiheit. Dkr apolsmlische Kursus des Verbandes derDeutschenIudeu. Bericht über d i e B o r l e s u n g e n. Don H. Becker (Wollsteich. (Schluß.) urch die Beteiligung der syrischen Legionen an den römischen Kriegen, durch die drückende Einquartierung der Krieger in Bürgerhäusern entstanden die jüdischen Aufstände gegen die Römer-Herrschaft und die Sehnsucht nach besseren Zeiten, nach dem Messias. Die ersten Messiasse: Judas aus Saloniki und seine Söhne, Theudas. Der Glaube an das Wiedererstehen der Propheten, die nicht mit Maleachi aufgehört haben. Ein solcher Prophet war Jochanan der Essäer, Johannes der Täufer, der an seinem Schüler Jesus aus Nazareth das Reinigungsbad der Essäer vorgenommen hatte. Auf seinen Reisen kam er, ein Prophet in „härenem Gewände", wie ihn Sacharja verkündet hatte, in das kleine Reich des Herodes Antipas, wo er als Aufrührer hingerichtet wurde. Aie Eschatologen indes lehrten, Johannes sei auferstanden und lebe weiter, deshalb sei seine Lehre auch noch nicht nntergegangen. Gegensätze zwischen Lehrer und Schüler! Johannes sagte: „Tuet Buße, denn das Reich der Gnade ist nahe!" Jesus hingegen zog als Kämpfer gegen das Böse, als Wundertäter rauher. Johannes bedeutet das Wort, Jesus die Tat. Jesus bedeutet aber mtcl) den Trost, durch seine Seligpreisungen. Diese Seligpreisungen sind später zu Geboten geworden: „Ihr sollt arm sein, denn, die Neichen können nicht selig.werden!" „Ihr sollt euch verfolgen lassen (Backenstreich), denn die Verfolger können nicht selig werden!" So gewann Jesus außerordentlich viele Anhänger, seine Erfolge rissen ihn fort, und so entstand die Kunde, daß er als König dm Juden erschienen sei. Als König der Juden mußte er nach gehen. Das geschah am Pessach. dem Wallfahrtsfeste. Er' starb zur rechten Zeit, jung an Jahren, darum wurde er ein Märtyrer, gleich dem Johannes. Der Glaube an die Auferstehung des Jesus hat nur eine einzige Bibelstelle zur Grundlage, nämlich Hosea, Kap. 6, D. 2. Dort heißt es von denk Provheten: „Am dritten Taae wird er auferstehen." Das mar ein Wort dm Bibel, also fand es allgemeinen Glauben. Dieses Wort bezeichnet indes nur die Hoffnung auf das Wiederkommen des Propheten. ..Er wird kommen!" Die Jünaer Christi sagen: . Er ist am dritten Tage anferstanden." - Hierauf wurde die Trage nnterstrcht: „Wer hat Jesnm gekreuzigt?" Da diese llntersnchnng allgemein bekannt ist, können wir von einer Wiederholung absehen. Nur das eine kann nicht oll genug wiederholt n^pden. „Nicht die Pharisäer sondern die Saddumor waren Mitglieder des Sanbedrin, das Jesus verurteilte. Sie waren römische Beamte, welche, wie bereits bemerkt, die Allimiliernng dor Juden mit den umgebenden Völkern anstrebten." Ein reiches Quelleuwerk ist Ehwolsvn: „Das letzte Passahmahl Jesu". Herr Dr. Baeck hielt dann in Gemeinschaft mit Herrn Rabbiner Dr. Lewkowitsch eine zweite Vorlesung über „Die Grundlehren des I irden tu ms , u n d anderer Religionen". Der Vortragende erläuterte die Stellung des, Judentums zum Katholizismus -und zur evangelischen Kirche, nachdem Herr Dr. Lewkowitsch infolge seiner Erkrankung nur eine Stunde hatte leien können. Zur Behandlung kamen die Entstehung und Bedeutung der Sakramente, und zwar: die Taufe, das Symbolum. Die wichtigsten Unterschiede zwischen den Grundlehren 'des Judentums und des Ebristentnms sind: 1. Die Ethik ist von den katholischen Kirchenlehrern wellig betont worden. Paulus sagte im Namen Jesu: „Ich bin gekommen, das Gesetz gnfzuheben." Das Gesetz, das aufgehoben ist, ist die Ethik. Im Wunder wird nicht allein die Wahrheit, sondern auch die Gerechtigkeit gelehrt. Nur durch das Sakrament der Taufe kann der Mensch gerecht werden, nicht durch seine Lebeusführung. So lehrt die Kirche wohl die Wahrheit, aber nicht die Wahrhaftigkeit. Die Ethik wurde denr Staate überwiesen, in der Religion hat sie nichts zu suchen. Christus ist des Gesetzes Ende. Trotzdem hat die christliche Kirche hervorragende sittliche Charaktere aufzuweisen, die sittliche Kraft aber und die sittliche Freiheit ist aus dem Judentum entnommen. Die größte Achtung, die wir dem Gegner erweisen, ist das Bewußtsein, das wir von uns selbst haben. 2. Im Judentum ist von Gott, dem Vater aller Menschen, die Rede, der auch unser König ist, d. h. unser Herr. „Owinu malkenu"; das paulinische Christentum nennt Jesus nur „O kyrios, der Herr", der Gottmensch. Der Vortragende schloß diese zweite Vorlesung mit den bedeutsamen Worten: „Die jüdische Welt sollte nrit der griechischen Welt der-

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