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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-12-27 · Heft 52 (27.12.1918) · p. Seite 617

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 52 (27.12.1918)
Date
1918-12-27
Page
Seite 617 (sequence 7)
Language
German
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01 ausschließlich in ihrer Hand, ihre Stammesgenossen vor möglichen Gefahren in der Zukunft zu schützen. Das müssen auch die objektiv Denkenden unter ihnen selbst zugestehen. Ganz und gar würde das leidige antisemitische Problem der Gegenwart gegenstandslas, wenn es die Machtgier der Haase, -Hehmann, Liebkrrecht, und wie sie alle beißen, zuließe, daß sie sich mit einer bescheideneren Rolle begnügten. Das sollten sich die Herren einmal überlegen, aber auch ihre Stammes- und Glaubensgenossen, die, von rühmlichen Ausnahmen abgesehen-, kein Wort des Einspruchs gegen den jetzigen Zustand übrig haben und damit natürlich den Anschein erwecken, als seien sie im stillen mit dieser Gestaltung der Lage nicht bloß einverstanden, sondern auch von ihr sehr befriedigt. Ein mannhaftes, entschiedenes und klares Wort, wie es kürzlich sfräulein Rabi nowitz ausgesprochen bat, ist zweifellos die größte Wohltat für die ganze deutsche Judenschaft und wirkt versöhnender und beruhigender als tausend Proteste des Berliner Arbeiter-- und Soldatenrates. Davon haben wir uns überzeugen können aus den teilweise ergreifenden Zuschriften, die uns auf die Publikation zugingen und bic allerdings zum TeU wie so manche andere Manuskripte, in der Nacht des Uebersalls auf unsere Redaktion durch die Herren Mühsam und Landauer — diese jüdischen Berliner, die am Tage der Revolution erst in München am kamen, befanden sich auch unter unseren Gästen — spurlos verschwunden sind. * Die mannhafte Erklärung des Zentralvereins findet an anderen Orten manche Nachfolge. Zum Beweise dafür sei auf eine in Dortmundstattgehabte Versammlung der dortigen Gruppe des Zentralvereins hingewiesen, in der eine sehr energische Erklärung des Dr. Jacob zur Annahme gelangte. Auch auf eine Zusammenkunft der Iüdisck>sozialistischen Arbeitergruppe in Leipzig sei himgewiesen, über die folgender Bericht der „Leipziger Volkszeitung" erwünschte Nachricht gibt: Gegen die In d e n h e tz e. Die Jüdisch-sozialistische Arbeitergruppe in Leipzig veranstaltete am Sonntag, den 8. Dezember, im Städtischen Kaufhaus eine Protest- Versammlung gegen die Judenpogrome im Polen und Galizien. Die Genossen Borowfki (Chemnitz) und Rüssel vom Arbeiter- und Soldatenrat referierten. Nach der Debatte wurde folgende Entschließ uiut angenommen: „Die mit 8. Dezember 1918 im Städtischen Kanfhause versammelten jüdischen und deutschen Arbeiter und Arbeiterinnen, Bürger und Bürgerinnen der Stadt Leipzig erheben flammenden Protest gegen die unmenschlichen Judenpogrome in Galizien -und Polen, die von den reaktionären chauvinistischen Elementen Polens shstematisch organisiert wurden. Die herrschende Clique der Polen, tu tödlicher Angst Hin ihre Macht, sucht den Ansturm der Bolksmassen abzuwehren, indem sie den nationalen Haß aufpeitscht. Wir sind überzeugt, daß die polnischen Arbeiter Massen bald erkennen werden, wo ihr wahrer Feind sitzt, und sich nicht mehr zum Werkzeug reaktionärer und verbrecherischer Elemente mißbrauchen lassen werden. Bon der Erkenntnis ausgehend, daß nur der internationale Kampf aller Unterdrückten gegen alle Unterdrücker ohne Unterschied der Nationalität imstande ist, die junkerlich-kapitalistische Herrschaft zu brechen und damit au'ch jeder nationalen Bedrückung den Boden zu entziehen, fordern die Bersammelten die polnischen sozialistischen Parteien auf, mit aller Kraft sich gegen diese antisemitischen Orgien zu wenden und den gemeinsamen Kampf der polnischen- und jüdischen Arbeiterntassen für den Sozialismus zu organisieren." * Leider herrscht in weiten Kreisen Berlins eine solch vernünftige' Gesinnung noch durchaus nicht vor; vielmehr werden antisemitische Blätter und Ausrufe noch immer auf den Straßen verteilt oder in die Häuser verschickt. Wie aus einem Artikel der „Mitteilungen zur Abwehr des Antisemitismus" heworgeht, ist einer ihrer Haupturheber ein Herr Wilhelm Marten, der schon einmal verhaftet war, sich aber der Verhaftung wieder entzogen hatte. Zu seiner Charakteristik wird in dem genannten Artikel dargelegt, daß er auch in anderer Hinsicht schon längst ein gemeinschädliches Treiben entfaltet hat, daß er mit dem antisemitischen Reichstagsabgeordneten Werner in Gießen in nächster Fühlung steht, daß er eine „deutsch-nationale Reformpartei" gegründet.hat, .eine Arbeiterzeitung herausgibt, und daß er, obwohl er erklärt, gänzlich vermögenslos zu sein, Unsummen für seine Agitationen aussetzt. Vor seinem antisemitischen Treiben sei hiermit nachdrücklich gewarnt. 3fc Obwohl wir es im allgemeinen vermeiden, Einzelheiten über die fürchterlichen Exzeße in Galizien nt veröffentlichen, iei aus den „Mitteilungen des Jüdischen Preßbureans in Stockholm" nachstehendes wiederaeaeben, um zu zeigen, daß das Militär und die sogenannte Staatsgewalt einen einfachen Raub- und Münderungszng gegen die Juden unternahm, um Geld m erpreßen, Eigentum zu zerstören und Menschleben zn vernichten. In dem genannten Blatte lesen wir nämlich folgendes, das freilich zum Test schon int „Gemeindeboten" Ri- 50 zum Abdruck aelanat ist: Der polnische Militärterror gegen die Juden Galiziens. Unter der lleberschrift „Dokumente der polnischen Freiheit" veröffentl'cht die sozialdemokratische Wiener „Arbeiterzeitung", die zu den volenfreundlichsten Blättern Oesterreichs gehört, zwei Dokumente, die Bände sprechen. Die Zeitung schreibt: „Zwei polnische Dokumente werden uns in beglaubigter Abschrift zur Berfügnng gestellt, die wir in Uebersetznng veröffentlichen: 1. Plabkommando Kommando der Expedition Sanok. Sanok-Chvrow. An die Israelitische Kultn^gemeinde in Ustrzvki dolno. Es wurde nun bestätigt, daß die jüdische Bevölkerung an den Kämpfen der Hajdamoken gegen das polnische Militär teilnimmt, das im Auftrag der polnischen Regierung Ruhe und Ordnung in das Land bringt. Jnfolae dieser feindlichen und verbrecherischen Wandlungen haben schon drei unserer Soldaten den Tod erlitten. Die Täter werden dafür persönlich haften. Die nrallitische Gemeinde, du dies nicht perbinderte, hat unter dem Titel der Strafe einen Betraa von 800 000 Kronen im Verlauf einer Stunde zu zahlen. Im Falle der Nichteinzahlung werden die jüdischen Häuser bombardiert oder mit Dvnamit aespreugt und die Strafe zwangsweise eingehoben. Der Offizier, d>w dieses Schreiben zueestellt, ist gleichzeitig bevollmächtiat, obiae Summe in Empfang zu nehmen und zu quittieren. llstrzhki, 24. November 1918. Svoboda, Oberstleutnant Kommandant der Erpedition. o Protokoll der Ueberuahme im Sinne des Kommandos vom 24. November 1918. Kronen Abgenvmmen ä conto bar.. 8 900,— 25 Stück Rote-Kreuz-Lose zu 20 Kronen. 500,— 1 Postsparkassenbuch der Iran Sofie Apfel. 2 000,— Eisenbahnvvrscbuß für die Firma Faltner u. Dattuer . . 15 837,82 3 Stück österreichische Kriegsanleihe ä 1000 Kronen . . . 3 000,— Bargeld bei Dr. Sterner und Bürgermeister Frankel . . 34 100,— zusammen 59 337,82 zusammen in Barem und Papieren in Worten. zur Uebergabe an Oberstleutnant Svoboda übernommen Szczepanowski Ingenieur-Oberleutnant." „Hierzu Nnrd uns," schreibt die „Arbeiterzeitung", „zur Erklärung noch mitgeteilt: Ustrzhki ist ein kleines jüdisches Nest in Westgalizien mit 3400 Einwohnern. Der siegestrunkene General Rosa (ehemaliger Provisionsagent der Austro-Americana) hat dorthin seine „Heldentruppen" gesendet, um neue Lorbeeren und — neues Geld zu holen. Dreihnnderttansend Kronen sollten ans der Armut des Kleinstädtchens erpreßt werden? Sonst kündigten die Herren (armer Kosciuszko, wenn das deine Nachfolger!) Dhnamit und Bomben an. Dreihunderttausend Kronen konnten jedoch unmöglich geholt werden. Da sind auf Befehl des Herrn Svoboda zwei Panzerzüge vor Ustrzhki vorgefahren. Ein Advokat begab sich nach Krakau, um den Grafen Lasocki, Chef der Verwaltung Galiziens in der Liquidiernngstommission, von dem unerhörten Börsell Mitteilung zu machen, und

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