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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-12-27 · Heft 52 (27.12.1918) · p. Seite 615

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 52 (27.12.1918)
Date
1918-12-27
Page
Seite 615 (sequence 5)
Language
German
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Europas, die unseren Weltteil und damit auch ganz Borderasien der Herrin der Meere zu Füßen legen soll. Ob das wo hlimJnteresse Amerikas liegt? Noch weniger scheint man in Amerika über die Verhältnisse der Juden in Osteuropa unterrichtet zu sein. Diese neuen Kriege bedrohen nämlich die Juden mit förmlicher Ausrottung. Jede Nationalität .erhebt Anspruch auf die Juden des strittigen Gebietes. Die Ruthenen schlagen die Juden in Ostgalizien tot, weil sie fordern, daß sie zu ihnen halten sollen, und die Polen schlagen sie tot, weil sie ihrerseits das gleiche fordern^). Cujus regio ejus natio! Hierbei ist folgendes merkwürdig: der ruthenische Nationalrat hat den Juden die von den Polen hartnäckig verweigerte „nationale Autonomie" gewährt und die Lemverger Zionisten eingeladen, Vertreter zu ernennen. Aber die Entente, welche die nationale Autonomie der Juden überall durchführen will, eilt nicht den Ruthenen, sondern den Polen zu Hilfe. Man sagt, in den Petroleumgruben Ostgaliziens sei sehr viel englisches, französisches und belgisches Kapital engagiert, darum wünsche die Entente nicht nicht den Anschluß dieses Landes an die Ukraine, d. h. an Rußland, da die Gruben dadurch entwertet würden. Das Petroleum wird also die nationale Autonomie h i n w e g s ch w e m m e n. Mittlerweile tobt der infolge des Wilson-Friedens entbrannte Krieg in grausamster Weise und vernichtet an Leben und Gut alles, was die letzten vier Jahre verschont haben. Hauptsächlich sind es die Städte, in denen gekämpft wird, und diese verwandeln sich in Wüsteneien. Aber auch die Tschecho-Slowaken haben schon in Südmähren und in der Slowakei und die Polen in Westgalizien und im Königreich auf eigene Faust Blutbäder unter den Juden veranstaltet. A l l e s d a s i m N a m e n d e s S e l b st b e st i m m u n g tzrecht s der Völker und unter der Fahne der siegreichen Entente. Sobald Oesterreich weggeblasen und der Einfluß der Zentralmächte in Polen gebrochen ward, erhoben der tschecho-slowakische Nationalismus und die polnische Nationaldemokratie ihr Haupt, und die blutigsten Pogrome gingen los. Man sollte meinen, daß dies den Amerikanern und insbesondere den einflußreichen und hervorragenden amerikanischen Juden vielzu denken geben müßte. Sir Woche. Berlin, den 20.' Dezember 1918. er nachfolgende Bericht muß wegen der christlichen Feiertage so früh in die Druckerei geschickt werden, daß er geschrieben wird, bevor Nr. 51 ausgegeben ist. Aus diesem Grunde muß er hinter den Ereignissen, die sich ja jetzt, wie in den letzten Wochen, in ganz ungewohnter Weise drängen, Zurückbleiben und voraussichtlich vieles unerwähnt lassen, was sich bereits vollzogen hat, wenn diese Blätter in die Hände der Leser gelangen. Freilich, je weniger man von den Geschehnissen des Tages spricht, w weniger man an sie denkt, um so besser ist es. Die inneren Zustände Preußens und Deutschlands bieten ein solches Chaos, die extremen Parteien wagen immer schärfer aufzutreten, di? Reichsregierilng besitzt so wenig Energie und Widerstandskraft gegenüber den andrängenden Massen, daß die Gefahr immer inehr heranrückt, daß eine vollständige Anarchie in unseren öffentlichen Verhältnissen eintritt. Die Hoffnung, daß die Majorität der großen deutschen Nation, die in diesen wilden Exzessen und diesen Ausbrüchen einer phantastischen oder irregeleiteten oder absichtlich das *) Diese Zeilen wurden zwei Wochen vor dem grauenhaften polnischen Massenpogrom in Lemberg geschrieben. 615 Verderben befördernden Masse in keiner Weise einverstanden ist, sich aufrafst, daß die Vernunft gegenüber der Unvernunft den Sieg zu erlangen vermag, ist so gering, daß die bitterste Trauer alle Gemüter befählt. Das Jahr 1918, das unter so frohen Hoffnungen begonnen hatte, geht zu Ende, und ein schmählicher Niedergang, wie er uns von außen aufgezwungen ist, ist leider auch im Innern zu befürchten. * Auch für die Juden sind die Zustände nicht rosig. Den fürchterlichen Verfolgungen in Galizien sind, wie es scheint, noch blutigere, nach einer Mitteilung des „Vorwärts", in Wladimir Wolynsk gefolgt. Auch die edlen Rumänen können natürlich dem Beispiele ihrer Genossen in Polen -nicht teilnahmlos gegenüberstehen. Und so sind auch in Rumänien wüste Ausschreitungen vor sich gegangen, über die wir der „Post" folgende kurze Mitteilung entnehmen: Auf dem Wege über Ungarn sind, dem „Vorwärts" zufolge, in Krakau Nachrichten eingetroffen, daß in Rumänien und Beßarabien große Judenpogrome stattgefurvden haben, an denen rumänische Soldaten hervorragenden Anteil genommenhaben. Auch in einigen Ortschaften der Bukowina ist die jüdische und deutsche Bevölkerung von Rumänen angegriffen und sind Plünderungen an deutschen und jüdischen Geschäften verübt worden. Gegen solche Scheußlichkeiten helfen leider Proteste nicht das geringste, so zahlreich sie auch von den angesehensten Seiten erschallen. Und die Sammlungen für die unglücklichen Hinterbliebenen der Gemordeten vermögen diesen Armseligen wenig zu helfen, da man ja bei den zerrütteten Zuständen jener Länder gar nicht wissen kann, was mit den Geldern geschieht; die Hingemordeten aber werden auch durch die größten Spenden leider nicht lebendig. Die einzige Macht, die helfen könnte, wäre die Entente. Ob sie wirklich den Greueln ein Ende machen will, ist höchst zweifelhaft, trotz ihrer hohen Worte von Brüderlichkeit und Menschheitsbeglückung. Ihr scheint es vielmehr ganz recht zu sein, wenn überall, selbst bei ihrem SchoMnde Polen, alles drunter und drüber geht. Ja, sie besitzt die Verwegenheit, wie aus einem Artikel der „Frankfurter Zeitung" hervorgeht, die Schuld an diesen wahnsinnigen Greueln den Deutschen zuzuschieben. Denn in dem genannten Artikel heißt es: Genf, 12. Dezember. (Priv.-Tel.) Der französische Minister des Aeußern, Pichon, hat dem sozialistischen Abgeordneten Moutet auf dessen Anfrage in bezug auf die Judenverfolgungen in Polen brieflich geantwortet, daß der Oberbefehlshaber der Orientarmee der Entente bereits eine Unters,uchungskomnüssion an Ort und Stelle geschickt und das von der Entente anerkannte nationale Komitee ausgesordert habe, seinen ganzen Einfluß zur Beendigung der Unruhen einzusetzen. Die bisher über die Ereignisse, ihre Ursachen und ihre Urheber eingetroffenen Auskünfte seien noch widerspruchsvoll. Immerhin könne man drei Umstände für die Unruhen verantwortlich machen: 1. den Durchzug von russischen, deutschen und österreichischen Kriegsgefangeneg, die ohne Führung und Aufsicht die örtliche Bevölkerung in der rücksichtslosesten Weise an griffen, 2. den Zustand des Bürgerkrieges, der in Galizien zwischen Polen und Ruthenen bestehe, und 3. die Einflüsse dxr Abgesandten der russischen Bolschewisten. * Zu welchen unseligen Folgen das Streben nach Autonomie in den östlichen Staaten führt, haben wir schon früher an Einzelnen lehrreichen Beispielen gezeigt; ein neues Beispiel wird aus einer Mitteilung der „Zeit" kund: Tie jüdischen Offiziere. In den einleitenden Bestimnuingen zum „Verordnungsblatt für das Heer" vom 11. November war festgelegt, daß der dentschösterreichische Staat die Beförderung nur jener Offiziere anerkennen würde, die sich zur deutschen Nation bekennen. Dadurch waren die Offiziere jüdischer Nationalität von der Beförderung ausgeschlossen. Der Jüdische Nationalrat für Deutsch- Oesterreich hat sofort interveniert und vom deutsch-österreichischen

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