Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 52 (27.12.1918)
- Date
- 1918-12-27
- Page
- Seite 614 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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614 Niedervsterreich keine Ruthenen und keine Südslawen. Die Juden dagegen wohnen zerstreut in allen siedzehn Krvnländern unter allen acht Nationalitäten, sprechen ihre Sprachen und bilden überall Minderheiten. Mehrheiten bilden sie nur in manchen Städten Ostgaliziens, wenn man dle Umgegend nicht hinzurechnet. Wie hätte es nun der Staat anstellen sollen, den Juden gleich wie den „anderen Völkern" ein besonderes Verwaltungsgelnet mit eigenen Beamten, einer eigenen Gerichtsbarkeit ufw. einzuräumen? Und was den Waylkataster anbetrrsft, sollten etwa alle Juden in Oesterreich zu einem einheitlicheii Wahlkataster vervnnden werden, dem eine bestimmte Anzahl von ReichsratsabgeordneLen zugefrchert würdet Ein Parlament ist ja nicht, wie man m Rmerlka zu glauben scheint, ein Redeklub oder ein Leseverein, sondern hat über sehr schwer wiegende wirtschaftliche Fragen zu entscheiden. Wie sollte man die wirtschastlichen Jnlerepen der jüdischen Großgrundbesitzer in Galizien mit denen der jüdischen Großtausleute und Bantherren m Westösterreich, die Interessen der jüdischen Lohnarbeiter m Galizien mit denen der, jüdischen Fabrikherren und Unternehmer in Böhmen iliid Riederösterreich vereinen und ihnen eine gemeinsame nationale Autonomie gebend Und nun erst die jüdische Universität. In Oesterreich hätte es gewiß nicht an jüdischen Lehrkräften ersten Ranges aus allen Wissensgebieten ge>ehlr, noch weniger an Dorern, aus denen man, entsprechend den nationalen Forderungen der „anderen Völker", eine jüdische Universität zusanimensetzen konnte. Aber welche sollte die Vorrragssprache sein? -Hebräisch? Manche Professoren und viele Hörer - verstehen diese Sprache vorzüglich. Aber rni Hebräischen fehlt fast vollständig eine Terminologie für die moderne Wissenschaft und Technik. Die reiche Literatur aus 'dem Mittelalter enthält zahlreiche Fachausdrücke für Philosophie, Naturwissenschaften und Rechtstunde, aoer sie ,uw größtenteils veraltet, und im übrigen eignen sie sich nur für die schriftliche, literarische Mitteilung; es fehlt ihnen aber jene Knappheit und Präzision, die sie für den lebendigen, unmitteloaren Lehrvortrag geeignet machen würden. (Bel der Behandlung moderner wissenschaftlicher Stoffe bedienen sich die guten hebräischen Schriftsteller sehr geschickt weitläufiger Umschreibungen.) In Palästina ist -venu auch seit etwa zehn Jahren ein Komitee von Pädagogen, darunter einige mit höherer sachwifsenschaftlicher Bildung, an der Arbeit, um eine hebräische Terminologie zu Unterrichtszwecken zu schaffen. Bisher sind vwr Hefte erschienen, welche Fachausdrücke für Physik, Botanik, Elementargeometrie enthalten, die aber noch vielfach umstritten und weit entfernt sind, allgemein anerkannt zu werden. — Die jüdische Universität im Bundesstaat Oesterreich hätte also abwarten müssen, dis »das Sprachtoniitee m Palästina mit seiner Arbeit fertig ist, ehe sie ihren Lehrbetrieb ausnahm. Das hätte noch eine geraume Zeit beansprucht. Oder sollte „Jiddisch" die Bortr'agssprache sein:' Auch in diesem Falle hätte man sich gedulden müssen, bis das im März 1916 in Warschau zusammengetretene Komitee von Lehrern der Privaten Jargon-VoltSschulen feine redlichen und rührenden Bemühungen beendet hätte, die daraus gerichtet waren, eine jiddische Terminologie für die Anfangsgründe des Rechnens zu schaffen. Ueberdies Ist das Jiddische nur den breiten -Nassen in Galizien und der Bukowina, nicht aber der Oberschicht, in Wcstösterreich schon gar nicht verständlich. Die',,jiddische Universität" wäre also der geplant gewesenen „litauischen" vergleichbar, in der die Vorträge in deutscher, russischer und polnischer Sprache äbgehalten werden sollten, dieweil es für die litauische an Professoren, Hörern und Sprachrnaterial fehlte. Ganz unlösbar jedoch wäre die Frage nach dem Standort dieser Universität - es sei denn, man hätte den Juden eine besondere Provinz eingeräumt oder sie sämtlich nach Palästina o.usgesiedelt ganz nach dem Wunsche der Wiener „Rrichspost". -Ran sieht, unsere amerikanischen Brüder haben sich geistig nicht zu viel angestrengt, als sie nach heißen Debatten in lärmenden Massenversammlungen beschlossen, ans ihrem 'Kongreß die nationale Autonomie für die Inden „gleich den anderen Völkern" zu fordern. Sie haben offenbar von der Tragweite und .Kompliziertheit des Problems nicht einmal eine Ahnung. Run ist ja der Staat Oesterreich dahin. Aber wenn Amerika an einen seiner Nachfolger, z. B. den ukrainischen, polnischen oder südslawischen Staat, auf der Friedenskonferenz mit der Forderung herantritt, seinen Juden „nationale Autonomie" zil gewähren, so könnte jeder dieser Staaten den Amerikanern folgendes antworten: Bei uns wohnen die Juden in Massen, und darum sollen wir ihnen eine nationale Autonomie einräumen. Aber nirgends in der Welt wohnen die Juden so sehr in Massen dcrsammen wie in den Vereinigten Staaten. Der verhältuis- - mäßig kleine Flächenraum der Stadt New -)ork allein umfaßt mehr als 1,6 Millionen Juden, also um ein volles Drittel mehr, als Galizien und die Bukowina zusammen, mehr als die Hälfte der Inden von ganz Oesterreich-Ungarn insgesamt, zweimal so viel als das ganze Deutsche Reich . . . Wie wäre es nun, wenn Präsident Wilson mit dem guten Beispiel voranginge und den New Borker Inden nationale Autonomie gewährte, mit eigener Verwaltung, Parlament, Gerichtsbarkeit und dem ganzen Zubehör, mit dem Jiddischen als Staatssprache? GS wäre interessant zu wissen, welche Antwort Mr. L o u i s H. B r a n d e i S , der von Wilson zum Sachwalter der „Ostjnden" bestimmt wurde, aus eine solche Frage geben würde. Gs müßte sich verlohnen nachzudenken, ob die Juden hier nicht einem Trugbild nachlaufen, auf ein hohles Schlagwort schwören, welches von bestimmter Seite zu bestimmten Zwecken geprägt wurde, die mit jüdischen Interessen nicht das geringste gemein haben. Inzwischen ist folgende Tatsache bemerkenswert: Man versicherte der Welt, es könne keinen Frieden geben, bevor rieht das furchtbare Joch, unter dem die Völker Oesterreich-Ungarns seufzten, zerbrochen würde. -Hauin war dieses Joch zerbrochen und schon ist m e h r als ein h a l b e s D u tz e n d neuer Kriege unter den Völkern der ehemaligen Doppelmonarchie ausgebrochen: zwischen Italienern und Südslawen, zwischen Südslawen und Ungarn, zwischen Ungarn und Ruthenen, zwischen Ruthenen und Rumänen, zwischen Rumänen . und Ungarn, zwischen Ruthenen und Polen, zwischen Polen und Tschecho-Slowaken, zwischen Tschecho-Slvwaken und Ungarn. Ueber kurz oder lang wird der Krieg zwischen den Tschechen und Slowaken auSbrechen, die zwei wesentlich verschiedene Nationalitäten bilden, ebenso zwischen den Südslawen, die aus drei Nationalitäten bestehen: Serben, Kroaten und Slowenen. Dann werden sich die Albanier melden. Das Selbstbestimmungsrecht der Völker hat wie eine fürchterliche Brandfackel gewirkt. Jedes Volk will selbst bestimmen, zu wem das andere gehören solle. Soll das der Wilson-Friede, soll das der Auftakt zum Völkerbund sein? Präsident Wilson hat es sicherlich gut gemeint, aber das Selbstbestimmungsrecht der Völker ist offenibar eine ganz unzulängliche Formel. Man ist eben in Amerika über die politischen und ethnographischen Verhältnisse in Mittel- und Osteuropa sehr ungenügend unterrichtet, folgte blindlings den Weisungen der Engländer und förderte die Zermürbung und Selbstzerfleischung