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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-12-27 · Heft 52 (27.12.1918) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 52 (27.12.1918)
Date
1918-12-27
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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pB2; Jahrgang. Nr. 52 Berlin, 27; VWHber Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: durch den Bach. Handel oder die Post (in Berlin und Vor» orten durch unsere vertriebspellen) bezogen vierteljährlich 3 lN. — Postscheckkonto S2H. Begründet von Rabbiner Br. Lnbwig Philippfon Unter Leitung des Geheimen Regienmgsrats Professor Br. Lnbwig Seiger Verlag: Rudolf Messe, Bettln, Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition find an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Jerusalemer Straße Q&-Q&, zu richten. Verlag von Rudolf rNosfe> Berlin. Brennende jüdische Fragen. Von einem Oesterrercher. Ijllljtlll* — Die Woche. — Der apologetische Kursus des Verbandes der Deutschen Juden. Von H. Becker (Wöllstein). — Die jüdische Pflicht der Gegenwart. Von Dr.Willy Cohn. - Rabbiner Dr. Felix Goldmann. Von L. (i. — Klio schreibt . . . Von Fanny Cohn-Reßler (Berlin- Lichterstide). — Feuilleton: Jedem dasSeinige. Roman vonM. Pulvermann. — End' vom Lied. Von Alfred Friedmann. — 1918. Von 0. 1< — Literarische Mitteilungen. — Schlußquittung. Der Gemeindedote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"): Berlin, Danzig, Breslau, Magdeburg, Meinigen, Essen, Worms, Bern, Den Haag. — Von Nah und Fern. trennende Milche Fragen. Von einem Oesterreicher. I. Die nationale Autonomie. (Schluß.) ehnlich war der Kampf Mischen Polen und Ruchenen in , Ostgalizien, nur daß hier zu den nationalen auch noch starke soziale Gegensätze hinzukommen. Jenseits des Sanslusses .wohnen etwa 3,5 Millionen Ruthenen in geschlossenen Siedlungen und bilden ungefähr 45 Prozent der Gesamtbevölkerung Galiziens. Sie sind fast ausschließlich Kleinbauern und haben eine sehr dünne Schicht von „Intelligenz", Geistliche, Rechtsanwälte usw., kaum erst die Anfänge eines Kaufmannsstandes. Nur der mittlere und der Großgrundbesitz sind polnisch. Die Gutshöfe und die Städte bilden polnische Sprachinseln im ruthenischen Volksmeer. Aber das Kronland Galizien als Ganzes wurde polnisch verwaltet. Das Ruthenische galt als „zweite Landessprache". Allerdings erschienen alle behördlichen Erlässe zweisprachig, und alle Eingaben in ruthenischer Sprache mußten in derselben beantwortet werden. Der Landtag wurde vom Landesmarschall auch mit einer ruthenischen Ansprache eröffnet, die ruthenischen Landtagsabgeordneten hielten ihre Reden in ihrer Muttersprache (außer wenn sie Gewicht darauf legten, auch von Polen verstanden zu werden), die Verhandlungen wurden in beiden Landessprachen veröffentlicht, ruthenische Interpellationen wurden von der Regierungsbank in derselben Sprache beantwortet. Auch über Volks- und Mittelschulen mit ruthenischer Unterrichtssprache verfügten die Ruthenen in einem höheren Maße, als ihren wirklichen Bedürfnissen entsprach. Gleichwohl mußte jeder Rnthene, der über die Volksschule hinanswollte. Polnisch erlernen. Das bedrohte ihn mit Entnationalisierung. Tie Ruthenen sagten: Freilich ist die polnische Sprache ungleich höher entwickelt als die unsere, vollends mit der polnischen Literatur kann die unsere sich keineswegs messen. Wir besitzen auch gar keine wissenschaftlichen Bücher. Trotzdem ist das Erlernen des Polnischen für uns Kraftvergeudung; anstatt dessen wollen wir lieber das Deutsche pflegen, das noch viel reicher und entwickelter ist als das Polnische, uns überdies infolge unserer geographischen Lage nicht mit Entnationalisierung bedroht, und das wir ja ohnehin erlernen müssen, wenn wir eine höhere Laufbahn Anschlägen oder uns höhere' | Bildung aneignen wollen. Ein sehr ansehnlicher und einflußreicher Bruchteil der Ruthenen betrachtete ihre Sprache übrigens nur als eine Mundart des Großrussischen und sagte: „Anstatt im polnischen Tümpel wollen wir lieber im russischen Ozean untergehem" (Daher der erschreckende Russophilismus in Ostgalizien, den die österreichisch-ungarischen Armeen in den ersten Kriegsmvnaten so furchtbar zu spüren bekamen.) Um nun diesem Zwang zum Polnischen zu entgehen, forderten die Ruthenen die Teilung Galiziens; die östliche ^Hälfte sollte als geschlossenes ruthenisches Verwaltungsgebiet eingerichtet werden, mit eigener Regierung, eigenem Landtag usw. Sie wollten sich dagegen verpflichten, den polnischen Minderheiten nationale Autonomie einzuräumen; das Polnische sollte in Ostgalizien die „zweite Landessprache" sein. Zur Heranbildung eines eigenen Beamtenpersonals bedurften die Nationalitäten der Hochschulen. Die Italiener forderten mindestens eine Juristenfakultät in Triest; diese Stadt verweigerte ihnen die Regierung, weil die Fakultät dort zum Brennpunkt der Jrredenta geworden wäre. Die Stadt Innsbruck fürchtete ihrerseits, durch die italienische Fakultät verwelscht zu werden, gleichwie die Tschechisierung Prags durch die dortige tschechische Universität beschleunigt wurde. Man sollte sich auf Wien einigen, als gerade der Weltkrieg ausbrach. Die Ruthenen forderten eine Juristen- und eine Philosophenfakultät, und zwar in Lemberg, wo sie an der dortigen polnischen Universität bereits elf Lehrstühle mit eigener Vortragssprache hatten. Von einer medizinischen Fakultät, einer Veterinärakademre, einer technischen Hochschule, einer Forst-, Landwirtschafts- und Kunstakademie sahen sie ab, da sie hierfür kein hinreichendes Professoren- und Studentenmaterial hatten. Das sollte alles polnisch bleiben. Sie wünschten nur Mittelschullehrer, Richter, Verwaltungsbeamte usw. (Bei allen diesen Hochschulfovderungen, auch bei denen der Südslawen, waren nicht kulturelle, sondern nationalistische Motive im Spiel.) Nun wollten die Polen keine eigene ruthenische Universität in Lemberg dulden, da sie davon eine fortschreitende Ruthenisierimg der Stadt befürchteten, deren ganze ländliche Umgebung ruthenisch ist. Eine Provinzstadt aber schien den Ruthenen nicht angemessen. Schließlich sollte auch hierüber kurz vor Kriegsausbruch eine Einigung zustande kommen. Jetzt sind alle diese Kämpfe gegenstandslos geworden, da jede dieser Nationalitäten im Begriff ist, sich einen besonderen Staat einzurichten. Man versuche doch aber, nach der amerikanischen Formel, die „nationalen" Forderungen der Juden mit denen der „anderen Völker" in Analogie zu bringen. Jedes dieser „anderen Völker" siedelt in einem geschlossenen Territorium, wo es die Mehrheit bildet, und hat Minderheiten versprengt in dem des benachbarten Volkes. Aber in Böhmen und in der Bukowina gibt es keine Italiener, in Tirol keine Polen, in

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