Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 49 (6.12.1918)
- Date
- 1918-12-06
- Page
- Seite 3 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 88% known words query
- IRI
…/3224737-3229339-3229388--74515-3298078- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Opava 1× ep/1048047
OCR text
mann hat er mit der Revolution gerechnet und hat sein Geld wohlweiblich bei sich behalten, statt es als Patriot in die Stzarkässe zu legen. Ms es notwendig, wurde, ist er geflohen. Mer wie ein Fluch haftet es an seinen Fersen. Jedes Land, das er betritt, flammt auf, ' und aus jedem muh er flüchten. Er war in- Bulgarien in Oesterreich, in Ungarn und in Deutschland. Und überall bezeichnet ein Feuerstreifen senken Weg. In vielen Ländern ist die rote Revolution im Aufglühen, ist sie noch ungewiß und verwischt. Aber , er weih doch ganz genau, daß sie einmal stark genug sein wird, um ihn trotz seiner Schlauheit und seines Geldes zu vernichten. So hastet er von einem Land zum anderen ohne Rast und Ruh'. Entsetzen und Furcht drücken sich cuif» seinem Gesicht aus! Nach Leffnung der Grenzen wird er vielleicht nach Frankreich, nach England und Amerika flüchten, ab^ er hat auch dort nur sehr wenig Hoffnung, daß er und fein Geldsäckel verschont bleiben werden, Momentan lebt er in Berlin. Hier hat er mächtige, einflußreiche Freunde, die ihm die Unversehrtheit Zeines Besitzes garantieren. Solange sie natürlich an der Macht sind. Und dort bittet er täglich den lieben Gott (ob in einer Kirche oder Synagoge, weiß ich nicht), er möge ihn nach feinem Tode doch ins Himmelreich zu sich nehmen, wo der Mensch ruhig leben kann und wo es feine Bolschewiti und Ausrührer gibt. Gott wird ihm diese BiUe aller Wahrscheiulichteit nach bald erfüllen. Und lvir bitten ihn, dann recht selig zu sein und nie mehr cmfznerstchem" Das „Unabhängige Blatt" dlrrs stolz sein auf diese journalistische Leistung. Weder die „Staatsbürgerzeitung" noch „Deutschlands Erneuerung" hätten ein so starkes Stück in diesem Ailgenblick fertig bekommen. L. Frankfurt a. M., 29. November. Ter Freisimrige Verein für jüdisches Gerneru belebe n beschäftigte sich in einer sehr zahlreich besuchten Versammlung mit der durch die neueii Berhaltnisse gebotenen Umgestaltung. der jüdischen, längst veralteten Gemeindeverfafsung. Rach reger Anssprache wuroe eine Entschließmig angenommen, die folgende Forberungen entl)ält: Selbstverivaltung der Gemeinde, allgemeines Wahlrecht für alle volljährigen Gemeindeiiutalieder ohne Unterschied des G-efcipechts (bisher durften nur mannltd>e vom au. Lebensjahre an wählen); Einführung der Berhältnisivahl; Erweiterung der Rechte des Gemeindeansschusses, der auf sechs Jahre gewählt werben soll; sofortige Ausschreibung von Nemvahlen; tteberuahme der Armenpflege an j. bre Gm ne in de; unentgeltliche KranrenhanSbehandlnng für NUnberbemittelte. Die religiösen Einrichtungen sollen in der bisherigen Weise aufrechterhallen ivcrden. Es würbe dem Wunsch Ansdrncr gegeben, dag die Rabbiner durch Synagvgenbezirte geivühlt werden. Nlit der Trennung von ^taar iind Kirche ivird als unabwcndöarc Tatsache gerechnet; die jüdische Gemeinde durste davon tauui betroffen werden, da sie staatliche Zuwendungen nicht erhalt. Sie hat denr Staat lediglich bisher die Beitreibung der Knttussteuern zn danken, die sich künftig allerdings elivns schwieriger gestalten wird. Lrjterteich. 0. W. Wien, im November. Am 10. November l. I. fand im Sitzungssaale der Israelitischen Kultnsgemeiude Mährisch-Ostran nurer den hierzu nengewähtten Te^gierren eine Vollversammlung des Landesverbandes der Israelitischen Kultnsgemeinden Schlesiens statt. Mähri-sch-Ostrau ivurde als Ber'.ammlnngsert gewühlt. Tie Israelitische Kultnsgememde Mährisch-Ostran lvnrde als Gastgeberin zn der Verbandsversamuiluug selbst zu Gast gelinden. Es lvar-.n bei der Berbaudsoerfammltlng die Kultnsgemeinden Troppau, Tesche n, Bielitz, Oderberg, Jägerndors, Wagstadt, Frei mal da ii, Skokjchau, Friedet-Nlistet, Freistadt und Nbührisch-Ostrau vertreten, und es waren die Rabbiner Tr. Fricdmann aus Troppau, Tr. Steiner aus Bielitz und Tr. Obstler aus Freistadr anwesend. Im ganzen nahmen au Personen an der Beratung teil. Bon der Verbandsversammunng ivurde eine Entschließung einstimmig angenommen, die wörtlich mit der vom mährischen Landesverband amf dessen Berbalidsversaiiiiiiluug vonr ll0. Oktober 1918 angenommenen Entschließung übeieinftimmt und nachstehenden Wortlaut hat: Als Angehörige eines eine untrennbare Einheit bildenden 14-Millionen>- Bolkes verlangen die Juden vorn Friebcuskongresse, Zii dein ihre Vertreter zuzuziehen sind: 1. Tie Anerkennung als Nation und demgemäß die Zuerkennung aller Rechte, die ben einzelnen Nationen zu'stehen, in deren Nbitte sie leben; ferner als Bürger jener Staaten, in welchen sie wohnen, die volle politische und bürgerliche Gleichberechki.gung, ohne R.ücksicht auf ihre Umgangssprache. Der Verband spricht aber gleichzeitig aus, daß die jüduche Glawbensgeuwiiiscl)a-ft nach mic vor alle Juden ohne Unlerichied der Umgangssprache um» faßt. 2. Die Errichtung einer nationalen Heimstätte für das jüdische Volk.in Palästina, Gewährung weilgelfender Rechte zum Aufbaue eines jüdischen Gemeinwesens daselbst unter eigener VeranÄvortliich-- feit und internationaler Garantie." Trotz der gegenwärtig ungeklärter! Verhältnisse, nach denen <($ nicht feststeht, ob Schlesien ungeteilt bleibt oder welchen Staatsioesen dessen einzelne Teile Zufällen sollen, beschloß der Verband, seine gegenwärtige Form aufrechtzuerhalten, und es wurde nachstel)ende Verbandsleitung gewählt: znm Präsidentmr Herr Dr. Sonnenschein (Troppau); zu dessen Stellvertreter Herr Salomon Pollak (Bielitz); zum Schriftführer Herr Dr. Wolf (Troppau); zu Beiräten die Herren Dr. Silberstein (Teschen). Alois Reit (Friedet), Leo Westreich (Jägerndors), Dr. Albert Meyer (Freistadt); zu Ersatzmitgliedern die -Herren Zänker (Oderberg) und Markus (Wagstadt); zu Berisikatoren die Herren Emil Spitzer (Skotscl)au- und Wasserberg (Freiwaldau). Es ivurde eine Geschäftsordnung des Verbandes und der Berbandsleitung und ein Jahresbeitrag von 2 Kronen pro Steuerzahler jeder Kultnsgemeinde beschlossen. lieber einen gestellten Antrag auf Tenwtratisteruug der Kultnsgemeinden ivurde auf Die bestehende demotratische Forul der gegemva.r-t-i.gen Wahlordnungen in den ei-nzelnen Statuten der schll,fischen Kultusgc mein den hi-rcgewie'.en, im übrigen aber den Kultusgemeuiden, s-o weit -tns nicht der Fall wäre, die Einführung eines allgemeinen, geheimen und direkten Wahlrechtes empfohlen. Die Beschlüsse wurden mir völliger Einstimmigkeit und Einmutigteil gefaßt. Lähmen. z. Karlsbad, 28. November. In die trübe Zeit, welche die Juden des Egerlandes seit 25 Jahren mitmacht-en, fallt es wie ein Lichtstrahl, wenn man erneu Borfall beurteilt, der sich in den. letzten Tagen in Karlsbad abgespielt har. Bekanntlich haveu m No robbt) men, sobald die pv lins che neue Partei begründet wurde, Ptunoerimgen uno Brandchatzungen srattgefunden, so in Aussig, wo gegen 4ü Millionen Werte vernichtet wurven, in Turn bei Teptiy, in Brux, Komotau, im Gosangenenlager Heinrichs grün ufw. In Falkenau a. d. E. waren dieselben anschlietzuch gegen die Juden gerichtet, und eine Ai'zaht derselben wurde Vachsuwlich bis aufs letzte Hemd ausgekanot; leider beteiligteik sich oaran, lvie feftgestellt ivuree, Damen oer gmen vurgertichen Kreise in eleganten Hüten, die aber später Reue einpsanden uno die forlgerragenen ^acl)en au die Eigentümer zmü cts teil ten. In Karlsbad erschienen kleine Plakate an deir Ltrapenccren, die auch in den Schulen verteilt und von Lehrern eutspiechend „erklärt" wurden, nud in ivelchen die Bevölkeumg aufgcsvrdert wurde, gegen Fremdlinge und „Juden" loszuziehen. Es luuve and) sicherlich zu Ausschreitungen gekommen; aber es bildete sich sofort eine ^oldateuwehr von 400 Ntanli, und die Furcht vor den Folgen von runSschreitungen verhütete die Plunderungen. Tie Stadtgeiuemde, weicher in eiliem Prager Blatte der Vvrivurs gemacht »onrde, daß sie diese Platatiernng onldete, sandte eine Richtigstellung an das betreffende Blatt ein, gemäß der sie die Kenntnis dieses Plakates in Abrede stellte; allein, dies ivar um so^nrehr zn verwundern, als ein „städtischer Beamter, ein Oberrevident", an der Verfassung dieses Plakates beteiligt ivar. Run jcheint aber der Karlsbader Svldatenrat, den nran anfangs etrvas skeptisch beurteilte, doch die vollste Sympathie der Bevölkerung und insbesondere der ^uden zn verdienen; denn er hat bisher die übernommenen Pftichteu nid)t nur getreulich erfüllt, in der ^tadt und im Bezirke die Ruhe und Ordnung anfrechterhalten, sondern er geht sehr energisch gegen Unruhestifter vor. In der letzten Zeit verbreitete sich näinlich hartnäckig das Gerücht in Karlsbad, daß eine Anzahl von sehr wohlbekannten Personen im geheilnen barmi arbeite, eine Plünderung an bestimmten Juden vvrzunehmeir, und daß eine Liste znsanunem gestellt wurde, wer geplündert werden soll. Dies erfuhr der Svldatenral, sandte einigen dieser Rädelsführer Vorladungen und erklärte denselben kategorisch, daß, lvemr in Karlsbad in absehbarer Zeit Plünderungen, gleichviel ob bei Juden oder Christen, Vorkommen, nicht nur das Vernwgen dieser Personen als Rädelsführer beschlagnahmt und zur Gutmachung des Schadens verwendet werden würde, sondern daß mau die betreffenden Personen standrechtlich erschießen lassen rverde. Wahrscheinlich werden in Karlsbad mmmehr keiue Unruhen stattfinden, denn der Soldatenrat scheint nicht mit sich