Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 49 (6.12.1918)
- Date
- 1918-12-06
- Page
- Seite 385 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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585 Vings etlvas deplaciert der von Rechts wegen ein Denkmal im neuen Bolksstaat Bayern verdienen würde, -den schickt man so schnöde Davon! Ja, ist denn in den biederen Herrn Roßhcmptcr, so fragte mansch, Der leiDige Antisemitismus gefahren, daß er den 20jährigen jüdischen Herrn Stadtkommandanten ans Friedrichshofen nicht mehr um sich sehen will? Nein, das kann nicht sein, denn sonst müßte er ja mindestens die Hälfte seiner ganzen Umgebung verlieren. Also muß es etwas anderes sein', was zu Diesem Undank Veranlassung gab. Und es ist auch etwas anderes. Der Herr Stadtkommandant, Der vor acht Tagen so hoch über uns stand und unser Erscheinen verbot, er steht heute nicht mehr hoch, sondern er sitzt. Er sitzt sogar sehr fest. Er hat nämlich die Zeit seiner Herrlichkeit so gut ausgenutzt, um einen finanziellen Grundstock zu legen, daß er seiner herabgekommenen schmierigen Eleganz auf die Beine helfen könnte. Gegen zwei Banken hat er Betrugsversuche geübt. Es handelt sich um Beträge von 37 000 und 7000 Mark. Diese mißglückte Jagd nach Kriegs- und Revolutionsgelvinn ist ihm zum Verhängnis geworden, und vielleicht bald kann inan vor Gericht Näheres über diese Begleiterscheimmg des Münchener Umsturzes vernehmen, wenn mau es nicht vorzieht, Den Skandal und seinen Urheber in der Versenkung verschwinden zu lassen. Das Blatt Der neuen Regierung, die „Münchener Post", ist stumm wie das Grab über Den moralischen Unfall mit Todesfvlge des Herrn Arnold. Mau würde sich aber ungemein täuschen, wenn man annehmen lvollte, das sozialdemokratische Organ triebe hier Dertnschnngspolitik. Nein und dreimal nein. Dazu hat die „Münchener Post" viel 311 lange und nachdrücklich gegen Bertnschungspolitik gelvettert. Daß sie sich ausschweigt, rührt leDiglich davon her. Daß sie von den Dingen, welche Die Spatzen Vvn den Dächern pfeifen, bisher noch nichts erfahren hat/' Natürlich'ist das letztere nicht wahr, und das edle schwarze Kleri'seibLatt glambt es selbst nicht; vielmehr schiebt es Dieie Annahme dem roten Widersacher echt jesuitisch nur Deshalb unter, um ihn in Truthahnkoller zu bringen und damit vermutlich in eine Laune, in Der man leicht einmal Die Katze aus dem Sack läßt und Da Dinge ausptauDert, welche man bald nicht im Busen bewahrt zu haben schmecLi.h bedauert. Zum Sachlichen nebenbei bloß so viel, daß der inkriminierte Er- Stadtkommandant Der bayerischen Hauptstadt immerhin gut 25 Jahre hinter sich, also das wahlfähige Alter haben, alls Hamburg stammen, also ein weiteres schwerverdächtiges Nordlicht am weifchlanen Regierungssitz sein, endlich in seinem kirchlichen Glauben als-fraglich, jedenfalls nicht als gesicherter Jude, der verbrannt werden müsse, gelten soll. Doch das spielt eine Nebenrolle. Tie Hauptsache bleibt auch hier wieder, daß die leitende offizielle Zentrnmspresse Die eher offiziöse besser, aber auch derb-drastischer geschriebene gewichtigere „Augslnrrger Postzeitung", Das angesehenste ultramontane Blatt SüDdentschlanDs, -nimmt ein Tüchel vor den antisemitischen Mund — jeden scheinbaren Anlaß zu antisemitischen AnklagennD HohnreDen begierig ergreift tmd ihn aufbauschend c.m liebsten zu einem „Fall" und typischen Borkomuuns dreht und ausbaut. Tüte sie Das, wenn sie nicht Die führenden Männer ihrer Richtung und Die Masse Der Leser als Rnckendecker wüßte?! Es ließe sich in bicfcin Zusammenhänge noch mancherlei stützende Unterlage aus Der bayerischen Kleinjournalistik anführen, z. B. der Umstand näher beleuchten, daß, je verbissener klerikal-demagogisch ein Glied dieser durch mustergültige Landesverbände und den starkbelnittelten reichsdeutschen Augustinusvereiu, aber auch international (besonders von Zürich her) zusammengeschmiedetcn Kette ist, um so wichtiger Prasseln seine Schläge auf die verhaßten Judennacken: die radaumäßigsten und rohesten Schimpfereien dieser Art verzapftenimmer in der Südostecke Bayerns „Ter Wendelstein" in Ro'senheim und im äußersten Nvrdwesten „Der Beobachter am Main" in Aschaffenburg: von Dem altberüchtigren Münchner Hetzblatt „Bayerisches Vaterland", Dr. Tiglscher Erbschaft, das dauernd fast täglich ein paar Inden lebendigen Leibes I verzehrte, abgesehen. Auch verzichte ich, noch darauf einzugehen, ebenso auf den vom Zaun gebrochenen witzlosen antisemitischen Spottausfall eines katholischen Priesters in seinem Bericht über Die vier steinernen Juden zu Ruhpobding im 3. Oktober-Heft der stets stark klerikal durchsetzten volkstümlichen Zeitschrift „Das Bayerland" von 1918 und die verleumderische Aushalsung Der Schuld am Weltkrieg auf die Schultern der sogenannten Goldenen Internationale und Der deutscben Juden-scbaft insbesondere, wie sie die Redaktion der radikal-deutschvölkischen und regelmäßig mit allerhand judenfeindlicken Artiketcken ausgestatteten Monatsschrift „Deutschlands Erneuerung" soeben im November-Heft ans München lim dortigen gleichgesinnten Verlag I. F. Lehmann) im Flugblatt „Um Sein oder Nichtsein" ansgesendet unD der Herausgeber der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" in Nr. 46, S 546 nach Gebühr gegeißelt hat. Zu den bisher gleichsam als Urkunden hier festgehaltenen Zeitungsäußerungen füge ich mm noch eine augenblicklich unaufklätbare Andeutung über die Herkunft des revolutionären bayerischen Ministerpräsidenten Kurt Eisner, des wahren „Arrangeurs" des voll aetamgenen Aufruhrs, hinzu. Justizrat Dr. Wenz in Zweibrücken, einer der bestberufenen Rechtsanwälte am dortigen Oberlandesgericht, schreibt in einem an den neuen sozialdemokratischen bayerischen Kultusminister, den ehemaligen Bolksschullehrer Johann Hofmann, gerichteten Brief vom 17. November laut Abdruck in der „Pfälzi-schen Rund-schau" Nr. 307 vorn 22. November sS. 3) dem derzeitigen Staatschef folgende Liebenswürdigkeit ins Stannnbnch: „Dem in Berlin unter anderem Namen Geborenen, als er ihn jetzt führt, sind Geographie und Ethnographie jedenfalls keine starken Seiten." Unter dem Gewicht dieser öffentlichen Bezeugung durch einen gewiegten Juristen verdient dieser durch die Blume gegebene Hinweis sicher, einmal verfolgt zu werden. Weit bedeutsamer sowohl nach dem Inhalt als für unseren Zusammenhang erscheint ein knapper Leitartikel „Emporkömmlinge der Umwälzung" in dein altbekannten antbürgerlichen Tageblatt „München-Augsburger Abendzeitung" wohl der einzigen großen südbayerischen Zeitung, die bei ihrem wiederholten Wechsel verschiedenster liberaler Schattierungen niemals den Antisemitismus auch nur gestreift hat Nr. 586 vom 19. November. Wir würden ihn unseren Lesern am liebsten im vollständigen Wortlaut hersehen, beschränken uns aber ans Platzmangel auf die Hauptstellen: „Mit der politischen Neuordnung der Dinge beginnt sich Konfessions- und Klassenfanatismns vreitznmachen. Dadurch wird vvn vornherein der gemeinsamen Grundlage aller staatserhaltenden Kräfte das gefährlichste Hemmnis -entgege».gestellt, die kon/essionelle Spaltung, die, angefangen vom Bismarck-scheu Kulturkampf bis zum wütenden Ahlwardtschen Antisemitismus, mit ein Hauptgrund innerpv'itischer Zerklüftung -und Zerrissenheit war. I n j e d e r K 0 n f e s s i v n g i b t e S E l e in e n t e , die, d a )v i r alle Ri e u s ch e u m i t m e n s ch l i ch e u Tn g e n d e n , a b e r a u ch m e n s ch l i ch e u F e h l e r n sind, b -c sser i m H i u t c r g r u u d e b (i e b e u , ü l s s i ch v 0 r z u d r ä n gen. F li r s v l ch e v e d a n e r l i ch e Au s n a h me u die Ge s a m t - Y e i t m e u s ch l i ch n a y e . i st aber p s y ch 0 l 0 g i^ s ch 'u n d z n nt a ri) e n , l i e g t i u Z e i te n all g e m eine r A n f g e r e g t - Y e i t der jeweilige n K 0 nfe s s i 0 n e n Dorant w 0 r 11 i ch P 0 liti s ch u n t l lt g u u d Der lv c r f {t ch. Gerade jetzt, wo die reaktionären Kräfte der Macht der demokratischen Bolksentwickelung bedingslvs weichen mußten, ist der feste innere Zusammenhalt mehr denn je vonnöten, soll nicht die besiegte Reaktion durch Konfessionsnnd Klassen Hetzereien lvieder Over) nasser gewinnen. ES )väre verkehrt, leugnen zu wollen, das; durch die Umwälzung vereinzelte Leute im vffent'.ichen Leven hervorgetreten sind, die ans der politischen (Gärung rein persönlichem Nutzen Ziehen möchten. Das