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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-12-06 · Heft 49 (6.12.1918) · p. Seite 382

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 49 (6.12.1918)
Date
1918-12-06
Page
Seite 382 (sequence 8)
Language
German
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582 — Mort der Verdammung, kein Ausdruck der Verurteilung solcher Abscheulichen Vorgänge ist stark genug. In unserer Zeit, die sv viel Schauderhaftes gesehen hat, gehören diese Taten ui den unerhörtesten und erbärmlichsten, die geschehen sind. Ein Wiener Blatt meldet, daß sich am 27. November eine mi§ mehreren Kntenteoffi zieren bestehende Kommission von Budapest nach Lemberg begeben hat, um an Ort und Stelle Erhebungen über die Judenpogrome anzustellen und den Negierungen der Ententemächte ausführlichen Bericht zu erstatten. Immerhin ist eine solche Nachricht mit Iceuden zu begrüßen, freilich, die Untaten können nicht ungeschehen gemacht werden, und bei der Verlogenheit der polnischen Machthaber und bei der Vorliebe der Ententemächte für dieses ruchlose Volk, das durch diese Untat der Welt bewiesen hat, was mau künftighin von einem polnischen Staate zu erwarten hat, kann mau voraussehen, daß dem Polnischen Staate kein -Lärchen gekrümmt werden wird, sondern daß im (Gegenteil die -Schuld den Juden, den ermordeten und den überlebenden, .zugemessen werden wird. Gegen diese himmelschreienden Untaten ist ein Protest des Stockholmer Oberräbbiners Ehrenpreis ergangen. H sserner meldet das Jüdische Preßbureau in Wien: Stockholm. 25. November. Georg Brandes richtete an eine vom zionistisch-sozialistischen Arbeiterverband Poale-Zion in Stockholm veranstaltete Protestversanunlung gegen die Iudenproarome in Polen folgendes Telegramm: ,.Mit Wehmut und ohne Wirkung *11 erwarten, schließe ich mich dem Proteste an. Ich war 30 Jahre hindurch Fürsprecher von Polens Unabhängigkeit, jetzt ist all meine Hoffnung auf die menschliche und freiheitliche Gesinnung des polnischen Volkes zusammengebrochen." Ellen K e p telegraphierte in gleichem Sinne. Ter Veranstaltung wohnten zahlreiche Vertreter der schwedischen Oefsentlichkeit bei. Die Versammlung nahm eine Resolution an, welche die schwere Schuld der polnischen ssührer seststellt, ihre Bestrafung verlangt und einen Appell an die Regierungen aller Völker richtet, sofort wirksame Maßnahmen zwecks Verhinderung der Massenmorde und Plünderungen zu treffen. Diese Resolution wurde sämtlichen diplomatischen Vertretern in Stockholm zngestellt. L i n d ha g e n für eine neutrale Unters u chu n g der Pogrome. Stockhol in. Anläßlich einer großen Protestkundgebung gegen die Pogrome verurteilte Bürgermeister L i n d h a g e n die Passivität Eurovas gegenüber den Ereignissen in Polen und forderte bic sofortige Entsendung einer neutralen Kommission zur Untersuchung der Pogrome. Die schwedische S o z i a l d e m o f r a t i e u n d die Pogrome in Polen. Auf Vorschlag Brantings beschloß der Vorstand der Sozialdemokratischen Partei in Stockholm, bei der schwedischen Regierung eine tatkräftige Unterstützung des seitens der holländischen Regierung in Aussicht genommenen Einschreitens gegen die Pogrome in Polen zu erwirken. Gleichzeitig richtete der Parteivorstand einen dringenden Appell an die polnischen Sozialisten zwecks Abstellung der Morde lmd Plünderungen. Die V e r t n s ch ll n g s a k t i o n der Polen. Die Polen setzen alle Hebel in Bewegung, um im Ausland die Pogromnachrichten abzuschwächen. Ihre Preßbureans verbreiten unwahre Nachrichten, nach welchen die Juden entweder auf ruthenischer Seite gegen die Polen gekämpft oder sich als Bolschewisten betätigt haben sollen. Nunmehr gehen im Aufträge der polnischen Machthaber Beamte zu den einzelnen Rabbinern, um sich von ihnen schriftlich bestätigen zu lassen, daß überhaupt keine Pogrome stattgesunden hätten. Bei den jetzigen Verhältnissen sind die Rabbiner zur Unterschrift gezwungen. Die so erpreßten Bestätigungen sollen alsdann im Ausland beweisen, daß die von jüdisch-nationaler Seite betriebene Aufklärungstätigkeit lediglich auf Verleumdungen beruhe. Wer alle diese Greuel ansieht, die schweren Unruhen im Innern bedenkt und der trüben Sorgen für die Zukunft eingedenk ist, dem wird das Herz schwer, dessen Stimmung ist trostlos, fast verzweifelt. Aus diesen drückenden Sorgen des Alltags sich zu befreien, doch auf eine lichte Zukunft zu hoffen, ist fast unmöglich; trotzdem wollen wir versuchen, zu leben, unsere Pflicht tun, und schließlich doch noch eine Wendung erwarten, die uns das Leben lobenswert macht. pns und über Kslsftina. V. ^8^ie „Deutsche Allgemeine Zeitung", die frühere „Nord deutsche Allgemeine Zeitung", die nach wie vor das offiziöse Blatt der deutscheu Reichsregierung geblieben ist, enthalt in Nr. .601 vom 26. November die seltsame Notiz, die meines Wissens in kein anderes Blatt übergegangen ist, daß das j ü d i s ch e R e i ch in P a l ä st i n n begründet sei. Präsident sei Georg Brandes, Staatssekretäre des Auswärtigen Mar Nvrdau und Israel Zangwill, Iinanzminister A. v. Rothschild. Da nran nicht gewohnt ist, in diesem ernsten Blatte Scherzartikeln zu begegnen, so wird man wohl das Ganze als einen Iühler betrachten müssen, der ausgestreckt worden ist, um die öffentliche Meinung zu erkunden. Bei aller meiner persönlichen Verehrung für den 75jährigen Georg Brandes, bei aller Achtung für das schriftstellerische Talent der Herren Nordau und Zangwill möchte ich mir die bescheidene Bemerkung erlauben, daß ich sie zu Staatsleitern nicht für befähigt erachte und daß ich mir von einem Zusammenwirken dreier so verschiedenartiger Schriftsteller kein Heil für einen neuen Staat verspreche. $ Wie weile Kreise die zionistische Idee zieht, lehrt folgender Auszug aus einem Briefe unseres wackeren Mitarbeiters. des Herrn Sanitätsrat Dr. Sch er bei in Lisia i. P. Nachdem er auseinandergesetzt hat, daß die Provinz Posen wahrscheinlich» zu dem neuen polnischen Reiche geschlagen werde, fährt er fort. „Die Erstehung eines jüdischen Reiches tritt damit in ein ganz anderes Licht. Ich bin nie Zionist gewesen und bin es auch jetzt nicht, aber ich bin Realpolitiker, und deshalb sage ich: Wir können keine Vogel-Strauß-Politik treiben, wir können, wenn ein jüdisches Reich in Palästina ersteht, davor nicht die Augen verschließen; jeder Jude in der ganzen Welt wird dazu Stellung nehmen müssen, imb ein jeder wird sagen: Die Tatsachen der Geschichte lassen sich nicht hinwegstreiten, es h a t ein jüdisches Volk und ein jüdisches Reich gegeben, letzteres ist wieder er- , standen, und damit läßt sich die Fiktion, daß die Inden nur eine Glaubensgemeinschaft sind, nicht mehr aufrechterhatten. Die Türkei wird wahrscheinlich so gut wie vernichtet wer- . den, viele Türken werden In die Diaspora gehen. Soll man ' dann auch sagen: Die in der Welt zerstreuten Türken bilden! nur eine nnlselmanische Glaubensgemeinschaft? Wird nicht ihr Blick aus das winzige Gebilde, das von der einstigen Türkei Zurückbleiben wird, als auf das Zentrum nationaler Hoffnungen und Wünsche gerichtet bleiben? Tie Tatsache.! daß das jüdische Reich in der Geschichte ausgelöscht war, also! überhaupt nicht mehr existierte, ändert nichts an dem Veri gleich. Denn der Gedanke an die Wiedererstehung des jüdischen! Reiches und die Kontinuität der jüdischen Bolksidee waren! erhalten geblieben, wie jede Seite unserer Gebetbücher lehrt, j Ob diese Gründung eine geschichtlich notwendige und! irgendwie freudig zu begrüßende, ja ob sie überhaupt ein; Glück oder Unglück ist, mag dahingestellt bleiben; aber es wird j eine Tatsache sein, der gegenüber wir alle werden umlernen! und zu der auch die „Allgemeine Zeitung des Judentums" und ihre Leser, selbst bei anderen Lebensanschauungen, werden Stellung nehmen müssen. Fata volrntoin ck nennt, noleitteni tralumt!"

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