Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 49 (6.12.1918)
- Date
- 1918-12-06
- Page
- Seite 381 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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581 Verhältnisse ein. Was si-e alle als Inden einigt, ist -der echt jüdischprophetische Wunsch nach Frieden und Gerechtigkeit im Vatertande unb auf Erden sowie die Sehnsucht, -daß auch den Bekennern Israels endlich einnull voller Anteil daran in jedem Lande werbt'. Das Judentum als solches kann in die Stellnngnahine seiner einzelnen Bekenner zu den Politischen fragen nicht eingreisen. Seine Ziele sind ausschließlich religiöse und sittliche. Den politischen Gestaltungen gegenüber befiehlt es einfach, die Worte der Heiligen Schrift zu erfüllen: „Sorget für das Wohl des Staates, darin ihr wohnet, lind betet dafür, denn sein Wohl ist auch euer Wohl" und sich nach der Vorschrift des Talmuds zu richten: „Landesgeseh ist Religionsgesetz". Dies gilt ohne Unterschied in jcbcin Staatswesen, dein Bekenner Israels angeboren, und für jede Landesregierung, der Inden unterst oben. So handeln um* dann ganz nach den Geboten unserer Religion, wenn nur Juden auch auf denr Boden der veränderten Verhältnisse wie bisher uns mit allen nuferen Kräften dem Wähle des Vaterlandes zur Verfügung stellen. Sodann eine vom 20. November datierte Erklärung der „Arbeitsgemeinschaft der thoratreuen Vereine der Stadt Posen". Sie hat folgendew Wortlaut: Der Z-entralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens. Ortsgriwpe Posen" empfiehlt in einem- Rundschreiben vom 19. d. M., sich von öffentlichen Versammlungen nnd Kundgebungen der nationaljüdifchen Bewegung in Posen i in I nteresse der G e s ch l v s s e h beit d e s I n d e n t u m s fernznhalten. Gegen diese Boykotterklärung, die sich gegen einen Teil der jüdischen Gemeinschaft richtet, muß Verwahrung eingelegt werden. Der Boykott ist eine verwerfliche Waffe, die, besonders auf geistigem Gebiete angewandt, bestehende Gegensätze verschärft und Gehässigkeit Hervorrufen nniß. Das Interesse der Geschlossenheit des Iudeittums, die durch das Rßlndschrciben angeblich gewahrt werden soll, und die uns in dieser ernsten Zeit so bitter not tut, wird durch die gehässige Bohkotier klär uug aufs arvblichste verletzt. Gegen die Behauptung des Rundschreibens, „das; nur eine Glanbensgenreinschaft, nicht aber ein jüdisches Volk sind nnd sein wollen", erklären nur, das; u>ir Inden, das alte Volk der Bibel, das älteste Volk der Weltgeschichte waren, sind nnd bleiben werden, das den Iahrtausei;den getrotzt hat und durch Gottes Gnade nach göttlicher Verheißung nicht nutergehen wird: ein Volt, das durch seinen Nationalbesitz, die Thora, charakterisiert und geadelt wird: ein Volk, das sich seit Anbeginn als Gottesvolk gefühlt nnd bekannt hat: ein Volk, bei dem sowo-hk die Bezeichnung als bloße Glaubensgemeinschaft uw auch als bloße Rationalität als Torso empfunden unrd: ein Volk, dessen Religionsgesetz es gebietet, daß alle feine Volksangehörigen gute Staatsbürger in allen Ländern ihres Aufenthalts seien. v Dies ist der Standpunkt der ganzen thoratreuen Iudenheit. * So sehr wir die Erklärung des Nürnberger Rabbinats billigen. so entschieden müssen wir gegen die Auseinandersetzung des Posener Komitees Verwahrung einlegen. Wir stehen durchaus ans dem Standpunkt, der am Schluß der letzten Nummer in der Erklärung der großen jüdischen Vereinigungen zum Ausdruck gebracht worden war. Wir waren ausschließlich eine (Glaubensgemeinschaft nnd wollen dies bleiben. Deswegen haben nur die in der vorigen Wochenübersicht auszugsweise milgeteilten Darlegungen von Paul Nathan gebilligt unb können der Entgegnung von Otto War bürg nicht znstimmen. Ter Genannte sucht den zionistischen Standpunkt zu rechtfertigen nnd erklärt folgendes, was uns in jeder Weife falsch zu sein scheint: Daß von der zionistischen Bewegung eine schädliche Rückwirkung ans die Stellung der deutschen Inden oder gar der Inden der zivilisierten Welt überhaupt nusgehen könnte, muß durchaus bestritten werden. Der Umstand, daß das jüdische Volt trotz seiner Zerstrennna und wegen seiner Zerstremmg den Wunsch hat, sich eine nationale Heimstätte zu schaffen, in der es nationale Kräfte schöpferisch entfalten kann, wird ebensowenig wie die Forderung nach Sicherstellung seiner nationalen Rechte in bcn Ländern starker jüdischer Siedlung folgen! haben, die in irgendeiner Weise auf jüdischer Seite Besorgnis Hervorrufen könnten. Die Achtung der Kulturwelt vor dem erneuerten jüdischen Volkstum und seinen Söhnen kann nur wachsen, wenn sie in Selbstachtung nnd Offenheit bekennen, daß sie sich als Teile des jüdischen Volkes fühlen. Und das; der bürgerlichen Stellung der Inden, welche sich auf den Boden dieser Forderungen stellen, kein Abbruch geschehen kann und darf, das zeigt schon die Begeisterung, mit der sich die englischen und amerikanischen Inden znm nationaljüdischeil and zionistischen Programm bekannt haben: Inden, die sicherlich nicht weniger als die Juden Deutschlands ihre bürgerliche Freiheit nnd ihre Stellung im Staate zu schätzen ein Recht haben. Sodann spricht er über die Forderungen der jüdischen Volksgemeinden durch die Zionisten. In dieser Hinsicht erklärt er zunächst, daß eine vertiefte jüdische Erziehung keine Entfremdung zwischen Inden nnd Nicbtjnden schaffen werde eine Behauptung, bcr man vielleicht beitreten kann , nnd meint ferner, das; das Verlangen nach Autonomie keinen Pogrom Hervorrufen werde. Wir nehmen von diesen Erklärungen Notiz nnd bemerken nur. daß die Pogrome in Galizien, von denen gleich zn sprechen ist, eine recht blutige Illustration zu dieser Behauptung bilden. Freilich meint Herr Marburg, daß diele Pogrome mit nativnatjüdischen Forderungen nichts zu tun haben. Bemerkenswert ist, daß die Sozialisten, wie ans einem Aussatz von Inlins' Berger: „Die Friedensforderungcn des jüdischen Volkes" in den ..Sozialistischen Monatsheften" , (Nr. 26/27) hervorgeht, das Programm des Kopenhagener Zionistischen Bureaus billigen. Dieses Programm enthält drei Punkte: 1. die volle nnd tatsächliche Gleichberechtigung der i Juden in allen Ländern, womit wir selbstverständlich einverstanden sind: 2. die Begründung eines jüdischen Staates in Palästina: 8. die nationale Autonomie auf kulturellem, sozialem lind politischem Gebiet für die jüdische Bevölkerung der Länder jüdischer Massensiedelnng sowie aller anderen Länder, falls deren jüdische Bevölkerung Anspruch auf sie! erbebt. Leider setzt der Verfasser nicht hinzu, wie er sich eine , solche Autonomie bcuft. Solange hier nicht bestimmte Vor- | sch läge gemacht werden, kann man über die Angelegenheit! nicht weiter reden. * Leider ist von ganz unerhörten Metzeleien zu sprechen, die seit dem 22. November i n L e m - borg gegen die Juden stattgefunden haben. Da alle Tageszeitungen von diesein schmachvollen Ereignis ausführlich berichtet haben, so sei hier mir kurz erwähnt, daß diese unerhörten Untaten nicht etwa von ungeregelten Volkshanfen, sondern von regulären Truppen, die durch frühere Offiziere kommandiert wurden, in systematischer Weise vorgenommen sind. Die jüdische Miliz, die dagegen anfzntreten versuchte, wurde niedergeschlagen, ganze Stadtteile wurden in Brand gesteckt, die alte Synagoge vernichtet, zahlreiche Menschen getötet (man spricht von tausend), mindestens zehntausend obdachlos gemacht und aller ihrer Habe beraubt, Millionen von Werten vernichtet. Es ist ein so schmachvolles, haarsträubendes Ereignis, daß durch diese wahnsinnigen Greuel selbst die fürchterlichen russischen Pogrome vergangener Jahre in den Schatten gestellt werden. Diese russischen Pogrome kann gewiß kein Mensch verteidigen, aber sie waren wenigstens einigermaßen begreiflich als Greuelszenen, durch die eine barbarische Regierung die revolutionäre Stimmung von sich ablenken nnd gegen unschuldige Opfer lenken wollte: > diese polnischen Greuel sind nur das Zeugnis eines blutigen Wahnsinns, einer Entfesselung der niedrigsten Begierden, gemeiner Mordlnst nnd infamer Bentesucht. Sie sind völlig unbegreiflich für den neuen, im Werden begriffenen polnischen Staat, der, wie inan denken sollte, doch das größte Interesse | daran haben müßte, die Juden für sich zu gewinnen. Kein