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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-12-06 · Heft 49 (6.12.1918) · p. Seite 379

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 49 (6.12.1918)
Date
1918-12-06
Page
Seite 379 (sequence 5)
Language
German
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~~.o/ü Schorl heute über muß mit allem Nachdruck eine andere Forderung erhoben werden: man betone die Verschiedenheit der Religion nur da, wo es am Platze und unumgänglich ist. FekiM führt im Anschluß an die Erzählung im Neuen Testament vom barmherzigen Samariter aus, daß —- eben im Gegensatz zum mosaischen Gesetz — die christliche Nächstenliebe keinen Unterschied in ihrer Betätigung kenne, daß sie keinerlei Schranke der Nation^ der Rasse, der Religion oder irgendwelcher Art dulde und selbst dem verworfensten Menschen noch gebühre. Dann aber stellt er die Frage auf: „Wer ist heute dein Nächster?" Er beantwortet sie dahin, daß, nach dem „gesundegoistischen Wort Englands: „charity begins at home", „ein Ergießen unserer o a r m herzige n Menschenliebe über den Umsang des D e u t s ch e n Reiches hinaus... für unser lebendes Menschengeschlecht wird u n t e r b l e i b e n m ü s s e n" (S. 5 f.), und er begründet dies mit nationalen Momenten wie auch damit, daß die Feinde, insbesondere die treulosen Bundesgenossen, aber auch die mehr oder weniger übelwollenden Neutralen unserer Liebesbetätigung sich unwürdig gezeigt haben und sich eine solche erst würden von neuem verdienen müssen. Wir wollen es dahingestellt sein lassen, ob in einer solchen Ausschließung der Feinde und der mehr oder weniger übelwollenden Neutralen nicht etwas Aehnliches wie Feindeshaß gefunden werden könnte. Aber war es wirklich notwendig, ja, war es angebracht und empfehlenswert, die christliche Nächstenliebe im Gegensatz zur jüdischen, den angeblichen jüdischen Feindeshaß im Gegensatz zur christlichen Feindesliebe zu betonen, wenn man selbst einer Beschränkung der Nächstenliebe das Wort reden will? Selbst zugegeben, daß die Nächstenliebe des Pentateuch und des „Alten Testaments" sich nur auf den Volksgenossen erstrecken sollte: gäbe es eine bessere Rechtfertigung für eine solche Auffassung der Thora als die Forderung Fetisch"? Könnte man mcht mit mindestens dem gleichen Rechte eine Abgrenzung der Nächstenliebe im Zeitalter des „Alten Testaments" für geboten erachten, wie Felisch es für das heute lebende Menschengeschlecht tut? Steht nicht die mosaische Gesetzgebung mindestens auf der Höhe der Menschenliebe, die er heute im vollen Einklänge mit der allumfassenden Menschenliebe des Christentums verlangt? Ganz abgesehen also von aller theologischen Betrachtung müssen wir seststellen, daß gar kein sachlicher Gegensatz zwischen dem besteht, was Felisch als mosaisches Gesetz anführt, und was er selbst als christliche Nächstenliebe fordert. Es lag also gar keine Veranlassung vor, die Verschiedenheit zwischen Christentum und Judentum darzutun. Auch darin folgt Felisch seinen auf christlicher Seite üblich gewordenen Vorbildern, die geradezu Gelegenheiten herbeiziehen, um auf den höheren Wert des Christentums hinzuweisen. Gerade im Sinne der so viel hervorgehobenen unbegrenzten Nächstenliebe des Christentums — an die Juden braucht eine solche Mahnung nicht gerichtet zu werden würde es liegen, wenn man seltener die Verschiedenheit, häufiger das Einigende ansühren wollte: auch in diesem Punkte sollte unsere Aufklärungsarbeit deutlicher werden. Sir Woche. Berlin, den November 1918. k Verhältnisse werden immer verworrener, und es wird den Aelteren, zu ruhiger Entwicklung Geneigten, immer schwerer, sich an die rasche, sich überstürzende Neuordnung zu gewöhnen. Es treibt zum Extremen hin, und das bleibt immer ein Unglück. Bayern, besonders sein neuer Minister-- Präsident, der aus unseren Reihen stammt, protestiert gegen die bestehende Reichsregiernng, nicht bloß gegen die Männer des | alten Regimes, wie Erzberger und Sols, sondertt auch gegen Scheidemann und David. Sie erscheinen dem Unentwegten als konterrevolutionär, so daß die Gefahr einer Zerstückelung Deutschlands, eines Auseinanderfallens in feindliche Teile bedrohlich erscheint, wenn nicht der Widerstand gegen diese Ungeheuerlichkeit wächst und Süddeutschland wieder in .vernünftigere Bahnen einlenkt. Die rückkehrendcn Frontsoldaten sind der inzwischen erfolgten, energischen Umwandlung Nicht hold, und das Gespenst einer blutigen Gegenbewegüntz von dieser Seite wird immer bedrohlicher. Die neue Demokratische Partei, der auch wir von Herzen uns angeschlossen haben, konsolidiert sich zwar, sie hat sich auch, was wir; nicht völlig zu billigen vermögen, direkt an Wilson gewendet, aber es ist leider zu befürchten, daß der amerikanische Präsident wie seine Bundesgenossen bald nicht mehr wissen werden, mit wem sic es eigentlich in Deutschland zu tun haben. Diss Besorgnis vor einer bewaffneten Intervention unserer Feinde läßt sich kaum mehr abweisen. Frankreich, das sich nun fast als unser schlimmster Feind zeigt, tritt allzudeutlich in seinen Aspirationen auf das Rheinufer und die Pfalz hervor. Man sprach in den letzten Tagen davon, daß cs VaMit umgehe, den Krieg gegen das wehrlose Deutschland sortzusetzen, um immer mehr Gebiete zunächst in seine Hand zu bekommen. Ganz unverhüllt machen sich die Pläne geltend trotz aller früheren Verheißungen, Elsaß-Lothringen einfach zu behaltenohne die ehemals versprochene, ja selbstverständlich erscheinende Vollsabstimmung vorzunehmen, ja sogar das widerrechtliche, durch keine angeblich historischen gründe gefestigte Verlangen, das Saargebiet als französisches Eigentum zu reklamieren. Die Friedenskonferenz, zu der ein Aufgebot von vielen hundert Herrschern, Diplomaten und Generälen sich zu versammeln beginnt, soll nach den neuesten Meldungen keine Versammlung sein, in der die Unterlegenen mit zu verhandeln haben, sondern die augenblicklichen Gewalthaber sprechen mit unverhüllter Deutlichkeit davon, daß es sich nur darum handelt, Deutschland den Frieden zu diktieren. Für den Deutschen, der auf eine jahrhundertlange, ruhmvolle Vergangenheit hinsieht, und der den Heroismus des deutschen Heeres und des deutschen Volles in den letzten 4'A Jahren innig bewundert, bleibt nur das Gefühl innerster Empörung und rtefster Scham. Was wir im Innern zu erwarten haben, kann man aus einer kleinen, von einem Juden herrührenden, von Albert B a l l i n gebilligten Schrift Ludwig OIlendorsfs: „Gedanken zur Uebergangswirtschaft' ' (Hamburg, November 1918) entnehmen. Aus den zehn Punkten, die der Verfasser behandelt: Errichtung der vereinigten deutschen Freistaaten; Aushebung auer im Kriege erlassenen Gesetze und Verordnungen; Aufhebung des Kriegesgebil-des, der Monopole und Kriegsgesellschaften; gesetzliche Oeffnung aller Arbeitsstätten; Aushebung aller Privilegien, eine einmalige Friedenssteuer; völlige Steuerreform, Erbschaftssteuer aus neuer Grundlage; Aufteilung der Stamsgüter; Beamtenresorm, will ich nur, ohne aus alles einzelne näher einzugehen, einige Bemerkungen hier abdrucken, die so lauten: „Es wird also nichts übrigbleiben, als aus alles im Jnlande befindliche Vermögen der physischen Personen aus Immobilien und Mobilien, Hypothelen und Pfandbriefe, Attien und Obligationen, Geld und Geldeswert, Sammlungen und Kunstwerke, Juwelen und Kostbarkeiten, eine einmalige Steuer zu erheben, wie sie in solcher Höhe noch nie da war und in weniger sozialistischer Zeit Vermögenskonfiskation genannt worden wäre. Steuerfrei ist etwa alles bis 50 000 Mark, von da 10 Prozent bis 200 000 Mart, 20 Prozent auf alles, was dies übersteigt, bis zu einer halben Million, 30 Prozent bis zu einer Million, 40 Prozent bis zwei Millionen, 50 Prozent bis drei Millionen, 60 Prozent bis fünf Millionen, 75 Prozent für alles, was diese Summe übersteigt." Diese Vorschläge

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