Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 49 (6.12.1918)
- Date
- 1918-12-06
- Page
- Seite 378 (sequence 4)
- Language
- German
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FLribung in bm Urteile über das Judentum ist verständlich, wenn auch nicht entschuldbar, bei den theologischen Fachgelehrten, die damit der Schätzung des ChristLvtums dienen wollen. Sie verliert aber ihren Sinn in den Worten und Schriften solcher Nichttheologen, die im allgemeinen Duldsamkeit, Gerechtigkeit und Vorurteilslosigkeit vertreten urid das Äreben nach Wahrheit bekunden, in dem Augenblicke aber von diesen Grundsätzen abgehen, wo es sich um die jüdische Lehre handelt. Wir kennen Gelehrte und Forscher aller Gebiete, die sich immer und überall von Tendenz srerzuhalttn wußten, die auch allen jüdischen Frager: eine gerechte Gesinnung entgegenbrachten, und die dennoch der jüdischen Lehre gegenüber sich von jener falschen Bewertung nicht freimachen können. Bei ihnen liegt keinerlei bewußte Tendenz vor, sie stehen unter den: Eindrücke jener theologischer: Anschauungen, die sie als Wahrheiten hinnehmeu und nicht nachprüfen, weil ihnen das wissenschaftliche Rüstzeug dazu fehlt und — weil sie noch gar nicht auf den Gedanken gekommen sind, haß sie einer Nachprüfung bedürfen. Vor uns liegt ein Buch, das wegen der Frage, die es behandelt, und wegen seines Verjassers, der eine gediegene Behandlung der Frage verbürgt, ein allseitiges Interesse bean- Iprucht: „N e u o r d n u n g der Menschenlieb e." Von: Wirklichen Geh. Admiralitätsrat Dr. Fetisch, Abteilungschef :n: ReichslnarinearnL). Wer Gelegenheit hatte, das üsfentliche Wirken des Verfassers dieser Schrift aus der Nähe kennenzulernen, konnte immer seine unbedingte Vorurteilslosigkeit den Juden gegenüber kennenlernen. Wir wissen von ihm, daß er in der Duldsamkeit und irr der Anerkennung anderer Ueberzeugungen so weit geht, wie nur irgendein Deutscher dieses vermag; daß er in keiner Weife etwas Unfreundliches gegen die Anhänger des „alten Glaubens" sagen, will; daß er alles das, was seine jüdischen deutschen Mitbürger Großes leisten, mit offenen Augen sieht und mit dankenslvertem Herzen anerkennt, lind dennoch vermag auch ein solcher Mann, der gewöhnt ist, alles andere mit scharfen: Verstände zu prüfen, der jüdischen Lehre keine völlige Unbefangenheit zu zeigen. Im ersten grundlegenden Abschnitte behandelt er „Begriff und Wesen der Menschenliebe" und erklärt da, daß „trotz der Regungen einiger Vorläufer die Menschenliebe als Begriff rurb als Lehre erst mit den: Neuen Testament geboren worden" sei (S. 3). „Das mosaische Gesetz hatte zum Inhalte, die Nächsten Zu lieben und die Feinde zu hassen. Hier ist aber Nächster gleich -dem Angehörigen im-engeren und weiteren Sinne; im dritten Buche Moses ist die Pflicht, den Nächsten wie sich selbst zu lieben, zusanunengestellt mit der weiteren Vorschrift, nicht rachgierig zu sein, noch Zorn zu halten gegen „die Kinder deines Volkes". Der Volksfremde wird also in die Nächstenliebe nicht einbezogen. Ein solches Gebot wich in seinem Kerne nicht von dem der Griechen, Römer und Barbaren ab. In Gegensatz hierzu stellt sich die neue Weltanschauung, die selbst den Feinden Gutes tun will . . /' (ebd.). Wir zweifeln keinen Augenblick daran, daß dem Verfasser bei der Niederschrift dieser Sätze nicht im entferntesten der Gedanke vorgeschwebt hat, etwas Unfreundliches über das Judentum zu sagen; er schrieb aus seiner christlichen Ueberzeugung heraus, was er hundert- und tausendmal in den Darstellungen christlicher Theologen gelesen hatte. Aber gerade ein solcher Fall, dem zahlreiche ähnliche an die Seite gestellt werden können, zeigt, wo wir mit unserer Ausklärungsarbeit einsetzen müssen. x) Berlin 1918, Ernst Siegfried Mittler u. Sohn. Das Buch, das schon in drei Auslagen erschienen ist, verdient wegen der tiefgreifenden, ernsten, praktischen Wohlsahrtsstagen die eingehendste Beschäftigung. Wir müssen mit allen Mitteln danach streben, solchen vorurteilslosen Männern zum Bewußtsein zu bringen, daß es nicht auf die Absicht ankommt, sondern aus die Wirk u n g. Wenn s i e sich zu der Anschauung bekennen, das mosaische Gesetz lehre den Haß: dürfen wir es denen, die grundsätzlich und aus bösen Absichten das Judentum herabfetzen, verübeln, wenn sie solches Bekenntnis sich zur Stutze machend Die Wirkung solcher Ausführungen kann nur dre sein, daß die geringschätzige Meinung über das Judentum vertieft wird und damit den Judenfeinden neues Material znfließt. Und wir dürfen um so eher bei solchen Männern ans Verständnis dafür rechnen, wenn wir ihnen zugleich die Mittel an die Hand geben, ihre Anschauung von einem anderen Gesichtspunkt aus beleuchtet zu sehen. Fetisch ist kein Theologe; er muß sich daher sein Wissen in Fragen der Religionslehren arls tzilfsbüchern schaffen; man kann ihn: also für theologische Unrichtigkeiten nicht die volle Verantwortung aufwälzen. Um so entschiedener aber muß von uns Vorsorge getrossen werden, daß aus dem Büchermarkt auch solche Hilfsbücher zur Verbreitung gelangen, dre den wahren jüdischen Standpunkt vertreten. Solche Werte sollen rncht rein apologetischen Charakters fern; man stützt fich nicht gern auf Beweise, die aus dem Wunsch der Sölbstperterdrgung heraus angeführt werden. Es sollen auch nicht Schriften rein jüdischen Inhalts sein: wenn in Abhandlungen allgemeiner Art aus die zuoilchen Gedanken und Lehren oes „Acren Testaments" und der jüdischen Religionsquellen m taktvoller Form Bezug genommen wird, wird dre Wirkung eine unmittelbarere und deshalb nachhaltigere fein. In einer „Geschichte der Liebestätigkeit" z. B., dre von einem beverufenen Juden geschrieben würde, wäre dann zu finden, daß un mosaischen Gesetze nie und n:rgendS eine stütze für dre Behauptung gesunden werden kann, es lehre, „die Feinde zu hassen". Es würde vielmehr auf dre Forderung hrngewiejen fern, den #eino durch tätrge Huse vor Schaden zu oervahreu (2. B. M. 23, 4, ö); aus dre Legre, teure Freude uoer das Ungtüct des Ferndes zu empfinden und zu äußern (Spr. Satom. ^4, l/j oder auf ore, den hungernden Hasser zu speisen, rhrr zrr tränken, wenn er dürstet (ebd. 2b, 21). Bon eindringlichster Wirkung müßte besonders dre Tatsache fern, oaß an mannrgfachen Steuer: des Pentateuch geovten wird, dem Aegyprer lernen Abscheu zu zollen (z. B. B. Ni. 23, ,8) mit der Begrundung: wert Israel in sernenr Lande Aufenthalt genossen habe. Davei ist zu bedenken, daß Israel in diesem Lande lange vieschlechterrerhen hindurch getnechret und erneu: systenratrschen Bernichtungskampfe ausgesetzt war; und dabei sollte dann noch jemand behaupten, ore Bibel lehre, den Feind zu hassen! In bezug auf die Stellung zum Bolkssremden wäre da zu resen, daß rhlr dre Schrrst „alten Testaments" durchaus ur die Nächstenliebe ernbezreht; dies bewerft (selbst wenn murr -- was nicht zugegeben werden kann auf dem Standpunkt steht, der Begriff mt an der vielerörterten Stelle im 3. Brrche Moses bedeute nur den Volksgenossen) die Fremdengesetzgeoung des Perrtatench. Wenn solche Schriften vorhanden sind,-in einer Gestaltung urrd ans so breiter und wissenschaftlrcy wertvoller Grundlage, daß ihre Verbreitung in eineni 1 werteren Kreise erwartet werden kann, dann dürsten doch viele dieser sonst vorurteilslosen Männer Veranlassung nehmen, ihre Meinung über die jüdische Lehre nachznprüferr und zu berichtigen. Aber selbst wenn sie auch dann nicht zu einem anderen Urteil gelangten, so könnte man von ihnen fordern, daß sie sich mit diesen Schriften auseinandersetzen, und es wäre wenigstens so viel erreicht, daß die Leser wissen müßten: jene herabsetzenden Urteile sind nicht unantastbar.