Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 8 (22.2.1918)
- Date
- 1918-02-22
- Page
- [Seite] (sequence 15)
- Language
- German
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82. Jahrgang Nr. S Berlin, 22, Februar 1918 er GemrLMüote. Vt(l«gt zur „ANgrmrlnrn Ztituns brjl Judentum-". fiomfponöfn?Mt und Sgchrichtttt. Sruchtzlavd. E. M. Berlin, 10. Februar. fWjciiitcr Regrerungsrat Tr. Julius P i eck tritt am 1. Marz 1018 von seinem Amte als stell vertretendes Vorstandsmitglied der Indischen (Gemeinde zu ^din zurück. Geljcimrat Pieck gehört dem Vorstande seit 1010 an und hat sich während seiner siebenjährigen Wirksamkeit im Kollegium in den verschiedensten Verwalt« ngsznvigen betätigt. Cr widmete sich zuerst der Kommission snr die Subventionierung der privaten Religion? vereine und l^etätigte sich daun als Dezernent snr das Stenerweicn sowie als Veiler der Kricgshilsskommistion. in der dis vor kurzem Justizrat Bernhard Breslauer den 2K)rsiß geführt hat. Ter Gcmeindevorstand verliert einen erfahrenen Mitarbeiter. Gelximrat Tr. Pieck ist Bcsisrer vieler Aus Zeichnungen, darunter des Roten Adlerordeus vierter Klaste, der ersten Klasse des Ritterkreuzes des Großherzoglich Sächsisch.« Ordens der Wachsamkeit, des Ritterkren.zcs erster Klaste des Königlich Norwegischen St-Olaf-Ordens nnd des Ritter kreu.zcs erster Klasse des Königlich Dänischen Danebrog-Ordens. Geheimrat Tr. Pieck stand lange Jahre im Tienste der prenßischeu Staatsbahnverwaltung und ist gegenwärtig als Tirektor einer Privat bahnaktiengesellsel)aft tätig. E. M. Dcrkin, 10. {^cbriior. Als erste praktische Arbeit wird die neu begründete ZentralwohlfahrlssteSe der deutschen Inden die Unterbringung der Stadtkinder auf dem Lande im Jahre 1018 organisieren. Die Durchführung dieser Ausgabe wird in Verbindung mit dem Deutsch-Israelitischen Gern e i ii b c b it 3t b nnd der KriegShi lfSkomin i ss i on der Jüdischen Gemeinde zu Berlin erfolge». Tie Zentralwohlfahrtsstelle rvird nunmehr auch dem Reichsverßaad deutscher Wohlfahrtsvercinignngen beitreten, der die behördliche Organisation der gesamten öffentlichen Wohlfahrtspflege in Deutschland ohne Unterschied der Konfession darstellt. Ilm der jüdische« Zentralwohlfahrtsstolle als der repräsentativen Gesamtdertret»»- der jüdischen Svzialarbeit im Deutschen Reiche die gebührende Sßetllmig zu verschaffen, werden wahrscheinlich die der Zentralwohlsalhrtsstelle angeschlosipnen jüdischen Verbände. wie der TcntschJsraelitijche Gemeindebund und andere Körperschaften, ans der allgemeinen Reichsorganisotion ansscheiden. E. I^l. Berlin, 10. Jebrnar. Die letzte Montagsvorlesung an der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums war dem 100. Geburtstage David Cassels gewidmet, besten Leben nnd Schassen Rabbiner Dr. Blume«1 hal m einem lehrreichen Vortrag anschnlich zeichnete. David Castel wurde am 7. März in der alten jüdischen Gemeinde Groß-Glogan in Schlesien geboren, die ihr Bestehen bis in das elfte Jahrhundert znrücksührt nnd die sich seit alters her eines gelehrten Rufes erfreut. Cr studierte in Breslau und in Berlin, wo die Vorlesungen von Znnz einen ausschlaggebenden Einfluß ans seine Entwicklung hatten. 1842 promovierte er mit einer Disterßrtion über „D i c Psalmen- «bersch r i sie iC. nachdem er bereits zwei Jahre vorher im ..Orient" eine kritische Abhandlung über diese Frage veröffentlicht hatte. Diese frühe Arbeit weift bereits alle Vorzüge Caffelschcr Forschung auf: sie ist unbefangen, sachlich und konzentriert sich auf streng wiffenschastliche Ergebnisse. 1843 erhielt Cassel sein Rabbinerdiplom. von dem er allerdings nie Gebrauch gemacht hat, und kam nach Berlin. Die Berliner Gemeindeverhättmste waren damals über, aus schwierig. Es war die Zeit der Resormversuche im deutschen Judentum, in der Dr. Sigismund Ster« seine Bortrüge über die Reform deS Judentums hielt, die zwar fachlich interessant, aber von keiner guten Wirkung ans das Judentum sein konnten, weil der Redner wenig jüdischhistorisches Empfinden besaß. Als Schöngeist verstand er es, den Berlinern das Judentum außerordentlich bequem zurechtznstußen. Castel trat ihm «it einer Schrift: .Woher und w o h i n V entgegen, in der er die ihm maßlos erscheinenden Reformversnckx SternS znrückzmveise»' versuchte. Auch als Verteidiger seines freundes Michael Lachs wandte er sich noch einmal entschieden gegen die Berliner Reform. Reben seiner Bernfsarbeit als Leiter der Tina Ranenschen Erziehungsanstalt entfaltete Cassel! eine reiche wistenschakrliche Tätigkeit als Verfaster zahlreicher für die! Wisieivcknft des Judentums hochbedentsamer Werke und als Dozent j an der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums. Castel war! aus der Höhe moderner Bildung ein begeisterter, überzeugter Jude. Er erfreute sich allgemeiner Auerkeunung als Gelehrter wie als ' Memch: auch seine Gegner schätzten sein ehrliches Ringen, seine tiefe; Friedensliebe und sein großes Wissen. ' E. M. Verttn, 10. Jetzrnar. Im Verein für jüdische Geschichte nnd Literatur sprach am 7. d. M. Rabbiner! Tr. Jampel ans Schwedt a. d. Oder über den Weltkrieg! und die biblische Kutturmission. In geistvollen Ausführungen! untersiichte der Redner die Wirkung der Bibel ans die moderne! Kultur bzw. auf den Humanismus. aus dem die Kultur der Gegen-! wart erwachsen ist. Tie im Kampfe gegen die Bibel' zur Herrschaft gelaunte altklastische Kultur verdankt gerade der Bibel ihren Sieg, denn die in der Renaistanceevoche scheinbar zurückgedrängte Bibel hat der gegen sie a «kämpfenden klastischc'i Kultur erst die Pforten Europas geöffnet. Weder die heidnischen Völker des Altertums noch die buddhistischen nnd brahmanischen Rationen unserer Taee haben eine kräftige Volksknltnr zu schaffen vermocht.- Im alten Hellas und Rom aalt der breiten Malle jede nüstenschaftliche Forschung als Ketzerei: Sokrates wurde als Gotteslästerer binaerichtet, weil er in der Sonne eine leblose Maste nnd nicht den höchsten Gott der Mythologie sah. Erst eine durch die Bibel erlogene Knltiirwelt. die in der ganzen Ratnr nnr ei»»e Schöpfung des überweltlichen Gottes sab. war für eine wissenschaftliche Welterkläruna reif, nnd eine Ansktäruna. wie sie aerade die klastische Literatur b»etet konnte nur im Lichte des biblischen Monotheismus bei den großen Volkswnssen Eingang finden. Den besten Bev'eis hierfür bildet die Tatsache, daß sich nnr im Geltungsbereiche der Bibel eine naturwisscuschastlich begründete Weltanschainu»g findet. Weder in Java« noch in Indien oder China konnte eine rationelle Welthetrachtnna Wurzel fallen. Das neue Europa tzwrdantt also der Bibel in mindestens demselben Maße wie der Antike leine Entstebnng. Die llnterscheidunaen zwischen der Moral der Bibel, ihrem Jremdeu- und ^rauenreckit. ihrer Sklavenaelebaebnna '»id den eigentlichen Morallebren nnd den Gesetzen der klassischen Völker reioen den Siea der Bibel ank der ganzen Linie. Rur in bezug ank die Völkermoral scheint die Erziehung der Bibel versagt ru haben. Hier ist es jedoch fraglich, ob e^ überhaupt ein biblisches Volksreibt aiht. Den harten Krieasverordnnnaen des Ventatenchs stehen die .Forderungen der Provlieten Elisa. Amos nnd anderer Gottesboten gegenüber vvlche d»e Schonung des Leindes forder»,. Das wahre Ideal der biblischen Kr'easvolitik ist icdoch die westianische Zeit, da ..die Schwerter rn Sicheln, die Landen zu Rebmellern mit* geschmiedet loerden"'. Die gehaltvollen Ausführungen wurden von den Hörern mit lebhaftem Beifall anfacnommen. E Berti». 10. J^bruar. Eine Dranerseier für den verstor» beucn Ziovisteufübrer Tr. E. W. T s ch l e n o w veranstaltet«- die olerste o,>ng'tisck-e Varieibebnrde am vergangenen Sonntag im Kliudwertb-Sckarwenka-Saal. Ein hebräischer Eboroesang leitete die ^eicr ein. Ter Vorsitzende des zinuistischen Aklionsfomitces. DroEellor Tr. W a r b n r o . hielt die Gedäck'tuisrehe. in d^r er das Leben und Sckastcn des tvrstorbenen .Tnhrers.schilderte. Sein Leben und Handeln war ganz der jüdischen Genieinsck^ast gelveiht. für die er seit seiner Studentenzeit unermüdlich wirkte. Er war ein Anhänger der praktischen Kolonifationsarbcit. olme die politisck)en Aufgaben der Beweanna zu unterschätzen. Im Weltkrieg, der von ten Juden in Rusitand w nnaebenere Opfer an Gnt und Blut forderte, stellte sich Tschlenmv an die Spitze des Hilfskomitees für die indischen Krieauovler. Al^ Vorsitzender der Moskauer Abteilung der Jüdischen Dilbnunsapsellschall rvrsorgte er die ^lüchtlinac mit nationalen Schuten. Die Morzienröte einer schönen Zukunft hat dem sterbenden Kämpfer den ^ieaerkranz auf^ das Haupt gedrückt. Rack?dem Hanptkantor Schwarz das El.molerack'amim-Gebet vorgetraaen hatte, beschloß nochmaliger Cborgesang die schlichte, stiminnnaspolte Jeier. Berli», 10. Jcbruar. Interessante Mitteilun. gen über j ü d i sche K r i eg dg e fa n g e n e nf ü r so r g e in T e n t s chl a n d machte das Ans'chnsunitglied der zur Jürwrge