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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-02-22 · Heft 8 (22.2.1918) · p. Seite 95

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 8 (22.2.1918)
Date
1918-02-22
Page
Seite 95 (sequence 13)
Language
German
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t 05* All diese Dinge gingen «v« dem I3jährigcn Knaben wieder und wieder durch den Kopf. Besonders da ihm, aufrichtig gestanden, diese Erklärung des Großvaters gar keine rechte Erklärung zu sein schien. Und wußte nicht auS, noch ein. Und tröstete sich am Ende damit. vielleicht werde es ihm mit der Zeit möglich seil,, einzudringen in den Kern all dieser Tinge. Wenn er erst .groß" sein würde. Zum Beispiel, wenn er einmal Student geworden wäre. * Und nun war Hermann schon Stndent im dritten Semester. »Hermann Kahn, sind. med.“ prangte die Visitenkarte an der Tür unter dem Schild seiner Wirtin, der StencroberkonlrvUcurswitwc Ursula Weinzierl, an der Schillcrstraße zu München! »Um, bal S' a Gschpusi Hamm, Herr Toller — unn mög'n S' es amat mitbringa" — sie zwinkerte wohlwollend mit den kleinen luftigen Augen — »i Hab' nir entgeg n, bin aar amal jung g'wen." .Nein" — erwiderte er und wurde ein wenig rot, nein, er habe kein »Gschpusi", ließ aber das Wort langsam über die Lippen gleiten. Und erfreute sich an seinem Klang. Tann setzte er sich hin und schrieb einen langen Brief heim an die Eltern: »Soeben hat mich meine Wirtin gefragt, ob ich kein .Gschpusi" habe. Etsch. Ihr wißt nicht mal. was das ist. Braucht es auch nicht zu wissen! Paßt sich nicht sür ehrenwerte Provinzeltcrn! Aber das sagen sogar die Norddeutschen, selbst die Berliner, die gewiß nicht gern ein gutes Haar ,vo anders lasten, also auch die sagen, es gäbe auf der ganzen Welt kein so nettes Wort wie »Gschpusi" für - - für — na also, man kann es nicht erklären — wirklich nicht —, cs ist kein »Verhältnis" — bei weitem nicht, kein »Schatz", keine »Braut", kein »Techtelmechtel" — man kann überhaupt nicht mal sagen, ob es die Sache bezeichnet oder die Person. — Wollte man aber einen Eingeborenen danach fragen, so bekäme man sicher die Antwort: A Gschpusi is halt a Gschpusi, Tepp damischer" . . . »Wenn Ihre nicht fühlt. Ihr werdet s nicht erjagen" heißt das auf Hochdeutsch. Und da wäre ich beim Tialckt. Es gibt keinen klingenderen, bodenständigeren, lvurzelechteren wie den Münchener, den jedermann spricht. Tas Volk derber, die Gebildeten mit leiserem Anklang. Ach, und diese Stadt selbst! Ach hosfe. Euch in den Lsterferien dies alles zeigen zu könne«. LH. Ihr werdet schauen, wenn ich Euch zuiil Beispiel durch den Englisclien Garten führe. — Abends sitzt dort auf jeder Bank ein Licbespärchen. oftmals eng aneinandcrgeschmiegt. Liebe Mutter, ich bin bis jetzt noch nie dort gcfestcn. Und dann steigen wir hinan zum Monopteros — einem reizenden kleinen griechischen Tempelchen, von Ludwig l. erbaut. Und von da blicken wir hinüber zu den Türmen und Spitzen der Stadt, vergoldet von der üntergehenden Sonne. Und diese vielen schönen Bauwerke! Wo man eine Straße entlang blickt, lvird sic von irgendeinem stolzen oder bizarren oder romantische» Gebäude abgeschloffen. Und ferner wollen wir drei miteinander hinanswandern. Ins schöne Isartal. Und hinein ir. die Berge. Ta werdet Ihr erst staunen! Und am Ende Hab' ich bis daihn auch schon ein Gschpusi — et sch — und die stell' ich Euch dann vor: Fräulein Hi»tcrniedcroberuntermaier, Waffermadl — was ist nun das, wieder, hm? — Wastermadl heim Schottcnhammel! — Ta habt Ihr München. Aber ich? ja ich! »Tas ist ein weites Feld!" Liebe Eltern! Ich habe voriges Semester in Berlin die Urgroßmutter von dem Paul Werthauer kennengelernk. wie Ihr wißt. Ein ganz kleines, altes, verhutzeltes Judensranchen ist das — und trägt graue Pufflocken wie aus den Photographien aus dem Biederniaier. Sie hat viele Berliner Wohlsahrtscinrichtungen ins Leben gerust«, von denen sie nun überall Ehrenmitglied ist. Ist jetzt 8« Jahre alt und natürlich schon ein bißchen überlebt und spricht furchtbar gern von dem, was sie er- : reicht hat. Und wie sie dazu kam. Und von ihrer Jugend ' und so. Und da hat sie mir einmal erzählt, sie habe als ganz ' junges Mädchen den Rabbiner des Lrtcs zil ihrem Vater, ' dein Kantor, im Vcrlalif eines Gespräches sagen hören: »Ja. •' das ist eben Mcltanschaulingtzsache, Herr Veitcl" . . . llnd dies Wort .Weltanschauung" habe ihr nun. seitdem sie es! zuerst gehört, keine Ruhe gelasten. Was ist, was bedeutet das I »Weltanschauung"? — war nun ihre erste Frage und wie gelangt man dazu? — ihre zlveite,- Liebe Eltern, ich habe ein bißchen lang ausgeholt — aber cs ist heute irgendein »dies" und keine Vorlesungen, und da Hab' ich so schön Zeit — also ich habe weit ausgeholt, um bloß dies zu sagen: auch ich frage mich: wie gelange ich zu einer Weltanschauung? Oder nicht ganz so großartig: wie findet ein junger Mensch wie ich klar u»id deutlich und mit Sicherheit seinen Weg? Ein junger Mensch wie ich. Die anderen Studenten rede« sich die Köpfe heiß um Kant und Hegel lind Schopenhauer und Nietzsche und — hört und staunt — über Richard Wagner, den sie allch als Philosophen ansprcchen, was mir aber gar nicht eiilleuchten will. Aber wie dem auch sei, was mich betrifft, so habe ich immer das Gefühl, für einen jüdischen Studenten kompliziert sich dies alles noch einmal extra: Und so lause ich auch herum, wie einst Paul Werthauers Urgroßmutter »md suche, lvie gesagt, meine Weltanschauung. Eine für meinen Verstand und mein Gefühl. Tenn ich glaube, liebe Eltern, jeder muß seine eigene haben, nur gerade für ihn paffend. Und man kann sie unmöglich fertig kaufen wie einen Anzug oder ein Paar Stiefel. Und jeder muß sich seine selbst zurechtschneidcrn, und jedes kleinste Zubehör ganz allein aussuchcn. Besonders eben dann, lven», man als Jude auf die Welt gekommen ist. Was mein Studium betrifft, so macht es mir immer die gleiche Freude und nicht allzuviel Kopfzerbrechen, aber diese großen Fragen, die den ganzen Menschen in Anfprmh «eh. men, das ist das Schwierige. Aber jetzt muß ich schließen, denn ich habe Hunger. Und da gehe ich da hinüber ins vegetarische Restaurant; da gibt's komische Menschen! Und danach lause ich mir noch eine« »Verkehrten" im .Luitpold" oder im Eafö .Größenwahn", da» müßt Ihr alles sehen, wenn Ihr herkommt.-' * Als dieser Brief bei den Eltern ankam. meinte der Vater, mit dem »Gschpusi" habe es noch gute Wege, solange der Bub' noch so hinter seiner Weltanschauung herlairfe. Die besorgte Mutter aber zuckte die Achseln, weil sie dachte, es müffe das eine nicht notwendigerweise das andere ansschließen. * Tie Lsterferie« sollten aber ein ganz anderes Aussehen erhalten, als wie Hermann in diesem Brief sorglos und froh sich und Sen Eltern ansgemalt. Wenige Tage vor Semesterschluß kam ein Telegramm ins Haus: .Vater schwer erkrankt. Zug 11 Uhr 20 Heimreisen. Cnfet Louis? — .Tot" — sagte Hermann vor sich hi», zwei-, dreimal »Tot". Würde der Pater in der Tat nur schwer erkrankt sein, dann stünde Mutters Name darunter, und daS Telegramm würde vielleicht gelautet haben: »Vater nicht ganz wohl, heimkommen für einige Tage..." oder so, aber da Lnkel Louis depeschierte. .. Und gleich di« Angabe, wann der Zug ging! War das nicht ganz der gute, besorgt« Onkel Louis, der den Fahrplan kannte wie seine Westentasche und immer gleich an alles dachte, so jetzt an dies, daß — er — Hermann in, Augenblick nicht wiflen würde, woher ein Kurs-

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