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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-02-22 · Heft 8 (22.2.1918) · p. Seite 94

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 8 (22.2.1918)
Date
1918-02-22
Page
Seite 94 (sequence 12)
Language
German
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S4 daraus erwiderte sic mit einem altklugen Gefichtchen: „O nenr> vaS isk gar nicht wurst. denn ihr habt doch unser» Heiland antz Kren) geschlagen/ Darauf hätte ihr Hermann beinahe den Witz erzählt, de.« er vor ein paar Tagen von einem Reisenden im Laden bei den (Großeltern gehört hatte. Diesen Witz von dem kleinen Jndenmädchen namens Cohn, das auf solche Anschuldigung hin erwiderte, daß sic dies auf keinen «fill getan hätten, aber vielleicht Cohns von nebenan. Doch schließlich zog er vor. in seinen Gedanken bloß zu sagen: „Ach, das kann man uns doch jetzt nicht mehr nachtrage», jo lange wie das schon her ist.' Da erwiderte aber die kleine Gerda: „Ja. ich weist nicht, dt» bist halt doch ein ..und dann hielt sie inne. Cr aber nnistte natürlich, dast sie hatte sagen wollen: „halt ein Jnd»nd daß sie bloß ein viel zn seines kleines Mädchen war, um cs auszusprechen. Und so hing er nun feinen Gedanken weiter nach, bald in Form einer Unterhaltung mit der Toten, oder indem er nur so vor sich hinsann. > Hatte wohl irgendein Christcnkind auf der ganzen Welt besiere Großeltern als er? Und sie waren nicht ettva bloß zrl ihm lieb'und gut ~ ttctrt: zu jedermann im ganzen Torf, reich und arm. Besonders zu den Armen, auch wenn es keine Inden lvarcir. freilich dachte er — und wurde ein wenig rot dabei, denn in seinen Gedanken stand iininer die kleine Gerda mit ihrem grünen Kleidchen, die Schlittschuhe an den Füßen. neben ihm; freilich — dachte er — cs gibt schon auch andere Juden, die gar nicht nett sind, ganz andere als die Großeltern oder als Pater und Mnttcr daheim. Aber sind vielleicht nnter den Christen alle so, wie du bist, kleine Gerda? So schön und zart »nd fein? Ach nein! Ta war zum Beispiel der Weber-Johann, der hatte alle Tage, die Gott gab. seinen Rausch. Und die Großmutter wollte sogar einmal gesehen haben, wie er die Flasche mit dem Brennspiritus, den er im Laden geholt hatte, leer trank. Oder die Mahrann. die alte Weißnäherin, die fünfzehn Jahre im Zuchthaus gesesien, »veil sie ihre beiden Kinder umgebracht hatte. Ihre zwei ledigen Kinder hatte die Großmutter einmal zu jemand gesagt. Was das nur bedeutete? Cs waren doch alle Kinder ledig, nicht wahr, kleine Gerda? C; gibt doch bloß ledige Kinder und keine verheirateten, komüch. nicht? Da lächelt aber die kleine Gerda mit einem winzigen Spitzbnbcnlächeln und sagt: Einmal habe ihre Tante Mechthildis von der Uhlenburg, das Stistsstäulein, die, bei der sie die italienischen» Stunden hatte das erzählte sie ihm doch schon damals ans dem Eise — also sie habe einmal gehört, wie diese Tante Mechthild ihrer Mntter eine Geschichte erzählt habe von „öligen" Kindern und „»nötigen". Da habe sie — Gerda — schrecklich lachen müssen, und auf ihre Frage. >vas denn das für Kinder wären, sei da« Stiftsfräulein dunkelrot geworden und habe gcschrien, sie sei ein frecher Fratz. Ilnd dann hätte sic „erst recht" die Köchin gefragt, ob sie vielleicht wüßte, was das für Kinder ivärcn, ob es am Ende fette und magere feien? Und dann habe der Martin. Vaters Bursche, sich auf den Schenkel geschlagen und laut aufgclacht. Aber die Köchin sei ganz dunkelrot geworden im Gesicht und habe geschrien. da könnte keiner so genau Auskunft geben wie der Martin, der „elendige, miserablichte Tropf der", und cin „unöliges" Kind sei halt so viel wie ein „lediges" Kind, und die kleine Gerda hätte es dann schon gewußt, denn der Martin — derselbe, der sie immer vom Cis abgcholt hätte und den ganzen Heimweg dttt Schritte biiiterdrein habe trotteln müssen —, also der »nd die Köchin... aber dann verstummte das Kind und sagte, darüber spreche sic nur mit ihren Mitschülerinnen... und war ans einmal von seiner Seite verschwunden. Da siel dem Hermann ganz dunkel eine ähnliche Geschichte ein, die ihm einst seine Cousine Hermine erzählt hatte.! Doch, wie war er nur auf all dies gekommen? Ja, richtig, durch die zwei ledigen Kinder der Mahrann. Und weiter siel ihm ein. daß er darüber nachgedacht hatte, daß eS gewiß ebenso viele schlechte Christen gäbe als wie Juden. Aber sieh mal: wie war das nun? Wenn er zum Beispiel mit dem Mitschclcr und mit dem Förster-Wilhelm an dem l betrunkenen Weber-Johann vorüberkain, da genierten die sich! nicht iin mindesten, im Gegenteil, sic hielten den alten Saufj kumpan noch recht zum Narren. Wenn cs dagegen aber! passierte, daß der alte Jtzig vor der Tür seines Hanfes saß 1 und ihnen in seinem schlechten Iudendcutsch etwas zuries, so war ihm das peinlich und er ivurde rot. Lider wenn am! Samstagvormittag nach dem Gottesdienst die Leute ans dein Synagogenhos hennnschrien. die Arme in der Luft, daß einem Hören und Sehen verging, ja. da dachte er nur immer, schnell davon zu kommen, damit jene ihn nicht etlva in dieser Gesellschaft sähen. In dieser Gesellschaft, mit der man sich schließlich doch zusammengehörig und darum initveranttvortlich fühlte. Aber weshalb tvar das nicht ebenso bei dem Mitscheler und dem Wilhelm? Wahrscheinlich ist es dann anders, wenn man die Mehrzahl ist, und nicht cin kleines HSuflein. Und das war es auch ungefähr, was neulich der Großvater zu dem Bertreter von Kaufsinann h. Weil sagte, nachdem der ihm erzählt, daß die drei Söhne seiner beiden Chefs sich hätten taufen lassen. Da wnrde der sonst so gute, ruhige Großvater ganz böse »nd sagte, er wolle von dieser Firma überhaupt nichts mehr bestellen, und der Herr David — so hieß der Reisende —. solle sich nur bei den neuen Glaubensgenosse» der Herren Söhne von Kanssmann ». Weil seine Aufträge holen. Und es war ein schweres Stück Arbeit, bis der Mann das Geschäft doch noch in die Reihe brachte, und nur mit Hilfe der Großmutter »nd zwei Prozent extra gewährtem Kassenskonto. Und wie Hermann den anderen Vormittag mit dein Großvater von der Synagoge heimging, da konnte er nicht anders, als ihn fragen, warum er denn dickes Taufen der Firma Kaufsinann n. Weil so furchtbar übel genvmmcn hätte, nachdem er es selber doch gar nicht so streng nähme. Und sogar am Sabbat verkaufte er. wenn der Laden geschlossen sei. Nur daß die Leute dann durch den Hausflur hinein und hinaus gehen müßten. Uird der liebe Gott sähe cs natürlich ebensogut. Ta erwiderte der Großvater, daß.er cs auch natürlich gar nicht tue. um dem lieben Gott cttvas vorzumachen, sondern um nch dahin zu bekennen, wohin man gehöre und woher man gekommen sei. Und ans die Frömmigkeit selber komme es gar nicht einmal so sehr an. aber „sich taufen lassen! denk Wal: ein?ll»trünniger werden, ein Christ, ein, Gojk" . . . Diese Worte sprach der Großvater so . . . man könnte fast sagen mit einem Schauer in der Stimme und geradeaus blickenden entsetzten Augen ... Und in späteren Zeiten — der Großvater war dann schon lange tot, denn beide Großeltern starben, kaum daß Hermann die Universität bezogen, hatte, rasch nacheinander — also lange Jahre danach hörte, Hermann noch diese Worte in demselben Tonfall, wie sie damals gesprochen wurden, mit wachsendem Entsetzen: „Cin Abtrünniger werden, ein Christ, ein Goj." . . .?lber — fuhr der Großvater fort — da'wollte es nun heutzutage jeder nur gut haben „nd bequem, und es sei ja eine so eiufache Sache, drei „Tröpfchen" — damit meinte der Großvater die Taufe — und alles sei in bester Ordnung. Aber wer so etwas tue, der sei selbst ein „Tropf". — Es wäre unmöglich gewesen, daß sich der Großvater diesen Wortwitz von den drei Tröpflein und dem Tropf bei einem solchen Gespräch jemals geschenkt haben würde. Auch gestern nicht im Aergstcn drin mit dem Herrn David von der Firma Kaufsinann u. Weil.

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