Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 8 (22.2.1918)
- Date
- 1918-02-22
- Page
- Seite 93 (sequence 11)
- Language
- German
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-- 03 Es ist hochinteressant, daß Popper die Frage nach der wissenschaftlichen Berechtigung der Nationalökonomie auswirst und diescö erkenntnistheoretische Problem in einer seiner in hohem Grade beachtenswerten Untersuchungen mit eineut entschiedenen Nein beantwortet. Er gibt seiner flammenden Emruslung über die Aestheten, Nassenhygieniker, die Herzlojen Züchter des Uebermenjchcntums Ausdruck; er setzt sich iu heilrgem Zorn mit den Neigensührern der Nationalökonomie, die er eindringlich studiert hat, gründlich auseinander; er zeigt die prinzipiellen Widerjunngkeiten in unserem Wirtschastssystcm und die nnvollkommeiie Wirkung vereinzelter Scyutzmntzregcln auf und tut unwiderleglich dar, dasz die unzähligen Fälle von Not und Elend in ]o vielen Schichten der Gesellschaft, nicht nur der Lohnarbeiter, viel seltener in den allgemeinen wirtschaftlichen Bvrgängen als in den chronischen und atuten Privattrtien wurzeln., Ter Boltswirtschaslslyeoretcker tümmert sich freilich iiicht run die all den Euizelmdividuen sich abspielenden Borgänge, denn serne Wijsenjchast hat es, wrc er stolz beyauplet, mit der Erprrichnng angemciner, za strenger Gesetze zu tun. „Wozu rnltzen aver", fragt Popper tressend, ^den Menschen allgenrerne Gesetze der Bollswrrtfchast - selbst wcnri cs solche wirtlich gäbe —, rveiin sie außerhalb und auch unbeemstutzt von solchen Gesetzen ökonomisch zugruirde gehen tönnen?" Und niemand ivird gegen ihn Front nracheu, wenn er behauptet, daß derjenige, welcher mit menschlicher Teilnahme die Bortouimiusie in seinem engeren Zlreis beobachtet, und noch mehr derzeiiige, welcher die täglichen Berichte in den Zeitungen verfolgt. zur itniimstötztichen Ueberzeiigirng kommen mup, daß schon die Privaitrisen auein den yenngen ökonomischen Gesellsuzastsziislaiid, wie airch die ganze theoretische und praktische Bollsrvlrtschastsleyre m unserem Urieil noer den Hausen rversen. Tre Anerlennung des Rechtes aller Individuen aus Exisienz isl ihni daher das Ziel, das die Menschheit anzusireven hat. Wie hoch Popper auch die geistige Kultur, ihre Lchöpsungen und Güter veivertere, pe war ihm doch nur möglrch aus venl sicheren Grirnoe erner Höchsigesiergenen physischen Kultur, trrji leben, dann philosophieren, sagt der alle Spruch, bist leven, daun schön leben — so bildete Popper ihn für sem soziales Prograrnm. Iu den riesigen Beryällnissen, in denen sich unser heutiges Staatsleven urid Stadueben bewegt, tauri alles Edle im Menschen mir gedeihen, wenn fiit feine pyhslsche Woylsahrt vorgejorgt ist. Tie evnckiUv sine qua non auer Knirnr ist die Beseingnng der Not. Bon diesem Axiom durchgluht, gmg unser Inonar in dem Beruse aus, den Menschen mit dem Ausgevvt semes reichen Wissens und Könnens zu Helsen, und er Uetz sich hierin dadurch nicht beirren, daß seine Werte mit höchst seltenen Ausnahmen nicht nur getadelt, sondern auch serne Person Zynisch und jrivol beschimpft ward. Was hätte dres midj dem Manne an haben sollen, der seit srilher Jugend mit dem Unerträglichen und Erlogenen unserer Kultur dauernd in stillem Kampf gelegen hat? Manche Enttäuschung hat unserem Jubilar das 2cben gebracht. Eine seiner herbsten und bittersten Enttäuschungen I SrrMrgLrsiungrnlyrrmsnnLahn. i (3. Joris.) Bon £ I c m c n t i n c fit ü in c r ^München). Und da lag er nun und blickte hinein in Las dichte grüne Gezweig und dachte an den Vormittag und wie srech der > Milschelcr doaeigentlich gcwcjen. Viel frecher wie damals auf dem in)c der Vanimc. mitjmnt |cnicin .ianjut»" — damals nut 1 der Gerda von der Uhlenberg - bei der Mordsranfcrci. Und! er blickte hinein in den tiefblauen Himmel — jo blau, wie die s Augen der llcinen Gerda ... lind die grünen Blatter ... aver sieh mal, wie war denn das? Das waren ja gar tcine richtigen Bi aller, joiibcr» Gerdas grünes Saiiiltlcidajen, und jic taut durch den Grasgartcn von ganz dahmtc» last unyorvar icijc aus ly» zu und sagte mit ihrem tievlichen lächeln: „Es macht nlchls, oap ich lvl bin, deshalb tann ich doch Schiitt- Ichuh lausen, aver vlvß unt dem Mttichelcr £tto, denn meine oticut havcn mir verboten, mit dir zu tausen, weil du doch bei dem israetttlschen Acligionstcyrcr bist. Aber du mußt deshalb nicht traurig sein, basür besuche ich dich im Grasgarten bei dcmer Großmutter . .Und dabei juhr sie ihm mit der Hand über die Stirn... doch seltsam... diese Hand sühtte sich gar nicht mehr sv sem und »veich und Ucin tvi£ damals aus dem Gise ... und er schlug langsam die Augen auf, um nach dieser Hand zu sehen, schon halb un Bewußtsein, daß nun altes vorüber wäre. Uno da siaild Großinuttcr über ihn gebeugt und ihre Hand lag noch aus seiner Stirn und sie sragte, ob er trank sei, und vv dattopsweh an» Ende von einem teeren Hingen tvmme, und . ihm vielleicht geschwind zwei E»er rmschlagc» solle. Alu rvegcn dem bißchen zropslvch brauche er nicht gte»ch ein Gesicht machen >v,c drei Tag btegenwetter. suyr sie . sort. Denn die GrvßUintter liebte es milmttcr, aus rulinak die Strenge herauszuteyren. Ta lachte Hermann, er yave überhaupt lein »ropswey; er hatte bloß seine illuye yaoen »vollen vor de>i Bnben. Uno dann hatte die Großmutter ihn mm) gerade ans einem jo schönen Traum ausgeweckt. Ta erwioer»c s>e aver sogleich ciu iocnig cmpsiiidnch, dann könne sie ja gehen, ivenn sic den jungen Herrn slöre, und sie wäre überhaupt Nicht seinetwegen da heraus gekommen, sondern lvege» brr Hühner, weil die große Henne immer verlege. Und >»aqle lehrt und verfchwand im Huynerftall. Ta sprang der Junge ai>>, 1,ef ihr geschiviiid nach und nahnr sie von rückwärts um dcil Ha»», so i>aß sie ordentlich erschrak in dem jinperen Verschrag. Und er sagte ihr ljalblaut ins Lhr, daß fie ein cinpstndlicheS Fräiucm wäre, und er werde heute aoeno ein crnsies Wort mit dem Großvater reden, daß cs aus diese Weise mcht wcitergehen tonne und daß er feine Frau Gemahlin .elend" verzogen habe, und übcrhanpt iiiüffe er einnlal die Gr- Ziehung der Großeltern ernstlich in die Hand nehmen ... Ta schutteile ihn aber die Großmutter ad, denn gerade kam die große Henne gravitätisch daher, die Missetäterin, die immer ihre schönen Gier in anderer Leute Nester legte. Und mutter ljatte nun keine Zeit mehr für Posten. Hermann aber suchte seinen alten Platz wieder auf und war der -- Antisemitismus, gegen den er in der Schrift^ hoffte leise, dort noch einmal seinen schönen Traum zu finden „F ü r st B i s in a r ck u n d d e r A n t i s e in i t i s m u s" aufs entschiedenste Stellung nahm. Er suchte in ihr in ganz objektiver Weise die sogenannte Judcnsrage zu beleuchten; er hatte also damals noch den Glaiiben, da, wo elementare Triebe herrschen, mit Anführllng von Tatsachen und feingcschlifsenen Argumenten auszilkommen. Bald darauf sollte er seinen Jrrttlin erkennen . . . Aber umsonst. Tie kleine Gerda kam nicht wieder. ..Weil btt zu dem israelitischen Religionslehrer gehst." . .. Und nuil setzte er in seinen Giranten dies Traumgespräch fort mit dem kleinen toten Kinde in dem grünen, pelzverbrämten Samtkleidchen. So erwiderte er ihr also: «Warum haben es dir deine Eltern verboten, mit mir Schlittschuh zu laufen? Es ist doch ganz Wurst, ob wall ein Jude ist oder ein Christ."