Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 8 (22.2.1918)
- Date
- 1918-02-22
- Page
- Seite 90 (sequence 8)
- Language
- German
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90 Mann. sonst aber die typische Form des jehigen Lbskurantismus. hat sich tauf«, laH». ist Antisemit, fromm (er hat kürzlich Gottfried Keller aufs feindseligste angegriffen und ihm .Mangel an wahrein Christentum und Glauben' vorgeworfen!)., soll alle jungen Leute, auf die er Einfluß hat. ruinieren, er treibt sie zu mystischem und läßt sic das wissenschaftliche Denken verachten. Ein Mensch mit lauter sehr praktischen Nebenabsichten, der die Zeichen der Zeit sich zunutze inacht.' Es ist sehr bedauerlich, daß die Herausgeber des Briefwechsels z>l dieser höchst lucrkwürdigen «teile keine Erklärung geben. Es wäre von anßerordentlichem Werte, wenn man die Persönlichkeit kennte, auf die Nietzsche zielt. Lange Zeit wird dann unsere Angelegenheit in dein Bricsivechicl gar nicht mehr behandelt. Erstem 24. März 1887 macht Nietzsche folgende sehr bemerkenswerte Aeußernngen: .Zn der ' antisemitischen Korrespondenz (die nur ini>\uim versandt wird an nur zuverlässige Parteigenossen) f»;. "'in Name fast in jeder Nuinmer vor. Zarathustra, der gu:,uche Mensch, hat cs den Antisemiten angetan; es gibt eine eigene antiscmitische Auslegung davon, die mich sehr hat lachen machen. Beiläufig: ich habe an zuständiger «teile den Borschlag gemacht, ein sorgfältiges Verzeichnis der deutschen Gelehrten, Künstler, Schriftsteller, Schauspieler. Birtnvsen von ganz oder halb jüdischer Abkunft hcrznstcllcn: das gäbe einen guten Beitrag zur Geschichte der deutschen Kultur, auch zu deren Kritik.' Dann heißt cs am 3. Februar 4888: .Tie antisemitische» Blätter fallen über mich in aller Wildheit her. was mir hundert Mal mehr gefällt als ihre bisherige Rücksicht.' Und endlich die Acnßerung vom September-1888: .Bei der Berufung Harnacts habe ich sehr deiner gedacht: dieser junge Kaiser präsentiert sich allmählich vorteilhafter, als man erwarten durste — er ist neuerdings scharf anti-antisemitisch ausgetreten und hat den beiden, die ihn in der rechten Zeit von der kompromittierenden Gesellschaft Stöcker und Kompagnie taktvoll auslöstcn (Beuuinqseu und den Baron v. Douglas) jetzt vor aller Welt seine große Erkenntlichkeit da-, sür ansgedrückt.' Das letzte Wort endlich, das Nietzsche an L verdeck geschrieben hat. das übrigens nicht in unserem Briefwechsel selbst, sondern in den Anmerkungen mitgcteilt wird, das Lvcrbeck am 7. Zannar 1889 erhielt, lautet: .Zch lasse eben alle Antisemiten erschießen.' Man sieht aus diesen merkwürdigen Notizen, daß sich Nietzsches Anschauungen mannigfach wandelten, daß er mehr in den Händen der Antisemiten sich befand, voll ihnen aus das Schild gehoben wurde, als daß er sich »oirklich zu ihrer Partei rechnete. Aber ich wiederhole, es soll an dieser Stelle keine erschöpfende Ausführung.des Themas gegeben werden, sondern nur ein Hinweis ans einige unbekannte Stellen erfolgen. Auch der Beziehungen zu Juden sei hier nur so weit gedacht, als sie sich aus unserem Briefwechsel ergeben. Juden werden verhältnismäßig selten genannt. Im August 1874 notiert Nietzsche eine Auerbach-Anekdote, die so nett ist, daß sie hier iviederhvlt lvcrden mag. Er schreibt: .Heute »vurde uns erzählt, daß Auerbach in Tarrasp folgende Beobachtung gemacht habe: «Am ersten Tage guckt man mich an, am zweiten grüßt man mich, am dritten fragt man. nun Herr Doktor, wie bekömmt die Kur! Vielleicht antlvortet er darauf: .Wie mein Rotsnß sagt, man kann nicht nasser lvcrden als naß.' Sonst wird von jüdischen Anhängern eigenttich wohl nur Georg Brandes genannt, bei dem aber nicht besonders hcrvvrgchvben wird, daß er Jude war. In diesem Zusammenhangs ist nur eine Stelle wichtig ge»ug. um sie ganz hierher zu setzen. Sie beschäftigt sich mit Spinoza n„d beweist eine innige Verwandtschaft, die Nietzsche mit diesem jüdischen Denker fühlte. Sic ist vom 30. Juli 1881 datiert und lautet: .Ich bin ganz erstannt, ganz entzückt! Ich habe einen Vorgänger und was für eine»! Ich kannte Spinoza fast nicht: Daß mich jetzt «ach ch» «erlangte, war eine Instinkt- Handlung. Nicht nur, daß seine Gesamttendenz gleich der meinen ist — die Erkenntnis zum mächtigsten Affekt zu machen — in fünf Hauptpunkten seiner Lehre finde ich mich wieder, dieser abnormste uird einsamste Denker ist mir gerade in diesen Dingen am nächsten. Er leugnet die Willensfreiheit — die Zwecke —; die sittliche Weltordnung —; das Unegoistische —; das Böse — wenn freilich auch die Dcrschicdenheiten ungeheuer sind, so liegen diese mehr in dein Unterschiede der Zeit, der Kultur, der Wiffenschaft. In Summa: Meine Einsamkeit, die mir wie auf ganz hohen Bergen oft. oft Atemnot machte und das Blnt hervorströmen ließ, ist wenigstens jetzt eine Zivcisanckeit. Wunderlich!' k.. 6. Krok. Dr. Ldmund Landau in Güttingen. d m n n d Land« » ist in Berlin am 14. Februar >877 als Sohn des jetzigen Geheimen Mcdizinalrats Pro. feffor Tr. Leopold Landau in Berlin und Johanna Landau geborene I a c o b y geboren worden. Er stammt vom Rabbi Judah Landau, dem Vater des bekannte!: Rabbi E z c ch i e l L a n d a u in Prag. ab. Rach Absolvierung des Französischen Gymnasiums in seiner Vaterstadt 1893 hat er in Berlin und München Mathematik studiert, promovierte 1899 in Berlin, habilitierte sich 1901 an der Berliner Universität und wurde, nachdem er 1907» den Profeffortitcl erhalten hatte, im Jahre 1909. nach dem Tode von Minkowski, als ordentlicher Profcsior nach Güttingen berufen. Einen Ruf nach Heidelberg im Jahre 1912 hat Landau abgclehnt. Seit 19l4 ist er Mitglied der Königlichen Gesellschaft der Wissenschaften in Göttingen. Landau ist mit der jüngeren Tochter von Paul Ehrlich verheiratet. Bekanntlich gibt es ganzc Zahlen, die sich nicht in Faktoren zerlegen kaffen, die wieder ganze Zahlen sind. Wie die chemischen Elemente die Urstoffe der Natur, so bilden die nicht weiter zerlegbaren ganzen Zahlen, sogenannten Primzahlen, die Bausteine, ans denen sich letzten Endes alle Größengebilde der rech »enden Mathematik zilsaininensetzen. Primzahlen sind große Geheimnisse. Schon Euklid hat lvwicscn, daß es unendlich viele Primzahlen gibt. Ter im Jahre 1H57> gestorbene große Mathematiker Gauß hat als erster vermutet. daß die Anzahl aller Primzahlen, die kleiner sind als eine gegebene ganze Zahl, sich in bestimmter Weise »r»esentlich schärfer charakterisieren läßt, als durch jenen Satz von Euklid. Die Gaußsche Vermutung, der sogenannte Prim,zahlsatz. ist erst vor wenig mehr als zwanzig Jahren unabhängig voneinander von H a - d a m a r d »nd d e l a V a l l«' c - P o n s s i n bewiesen worden. Ein analoger Satz in dem höheren Gebiete der ganze» algebraischen Zahle» ist erst 1903 von Landau dargetan worden, der auch sür jenen einsachcren Satz eine Reihe vereinfachter Beweise angegeben hat. Eine andere von dein großen Mathematiker R i e in a n n Ende der fünfziger Jahre ausgesprochene Vermutung, die berühmte, bis heute noch »nbelviesene R i e m a n n sche Vermutung, bildet seit Jahrzehnten den Gegenstand von Bemühungen vieler bedeutender Mathematiker. In zahlreichen Arbeiten ist es Landau gelungen. wichtige Beiträge zur Klärung dieser Frage zu liefern. Ein ivesentliches Hilfsmittel bei Behandlung dieser und ähnlicher Probleine bildet die Theorie der sogenannten D i r i ch l e t scheu Reihen. Tiefe Theorie ist von L a n d a « in wesentlichen Punkten weit gefördert worden. Diese und verschiedene andere Untersuchungen aus dem Grenzgebiete zwischen Arithmetik und der Analysis, der sogenannten ana-