Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 8 (22.2.1918)
- Date
- 1918-02-22
- Page
- Seite 89 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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89 arbeiten: Mc messianische Besinnung wird nicht von heute ans morflcn, aber auch nicht ohne unser Zutun wirklich. Wir wissen aus der Friedensbotschaft des PapsteS, daß auch die foti>oIifd^c Ltirche ein gut E-tück dieses mejsianischen Weges Hetzen will. Und jo würbe sich auch die zlvei tau sendjährige Gegnerschaft zwisck)en dem Judentum und der christlichen Alirck>e allmählich zurüctbilden; nach diesem surchtbarcn Äderlaß Europas können wir uns den Luxus religiöser Zersleischung nicht mehr leisten, Es wird sck)on genug Uampse aus anderen Gebieten geben. Ter Messianismus ist nicht bloß altjüdisch, nicht bloß katholisch, sondern es ist auch ein Gedanke aus der Blütezeit des dcutsctjen Geistes. Er steht schon in Hants Entwurf 311111 ewigen Frieden und ist in Schillers und Beethovens Briefen, Tagebüchern, Gesprächen. ja in dem ganzen Lobenswert dieser Männer, verankert. Zuiveilen muß mau das Selbstverstäübliche wiederholen. Ter Zionismus ist in dem kleinen Palästina nicht imstande, für" diesen 2öeltgedanken Nauru zu sck-assen. Tort wird man alle Mühe halvn mit der Bewältigung der notwendigsten Bcrrvaltungs- und Justizangelegenheiten. Tie Wertsendung des Judentums bedarf nicht devergänglichen Rahmens eines jüdischen Staates, um wirkjrtin zu werden. Im Gegensatz zu diesen türkenfrenndlichen Ausführungen suchen zionistische Blätter, wie die „Wiener Morgenzeitmig", und Herr Aronjohn in einem Buche, auf das wir baldigst eingehen werden, Stimmung gegen die Türkei zu machen, und beschuldigen diese des barbarischen Verfahrens gegen die Juden in Palästina. * Gegen den Zionismus erhebt Rabbiner Tr. Bruno Lange in der „Magdeburgischen Zeitung" seine Stimme, Er schließt seine bemerkenswerten Ausführungen mit folgenden Sätzen: Ter politische Zionismus eines Herzl und Nordau, eines Brandes und Buber ist eine Utopie. Sogar eine recht gefährliche. Nicht deshalb. weil er das scheint, was er nicht ist, sondern weil er Irrtum zu Irrtum wirst und eine Welt harmloser Phantasie anstnt, welche mancherorts als ernste nationale Aspiration ausgefaßt wird. Er erklärt die Religion des Judentums für erstorben, ebenso wie andere Gesellschaften durch dogmatische Wissenschaftsanmaßungen die Religion anderer Bekennerschaften als überlebt anjchen. Diestc Aussajsung sprechen wir. um unsere Stellung zu präzisieren, ans gejchichtlick-en und religionstheorctischcn Gründen jede geringste Berechtigung ab. Aber dies ist an sich ja nebensächlich und — wenn man will — eine private Angelegenheit. Laß aber der erledigten Religion, die die Judenheit zusaminensaßle, die Idee der Nation sndstituiert wird, halten wir für ein gefahrvolles ttnreclst. Denn „Fehler" können wir nicht sagen, wie man die Expansion und Nationalisiernug eines bestehenden Volkes nach den Richtlinien des zu schließenden Weltfriedens auch nur zu Unrecht anschauen kann. Wie kann man um Gedanken streiten, für die cs Argumente, wenn auch nur zugestntzte, geben mag! Der politische Zionismus erklärt die Juden für eine Nation, nicht zwar für einen potentiellen Staat. Das bringt den Juden, die in ihrer erdrückenden Mehrheit diese Anschauung mit Entschiedenheit und Entrüstung ablehncn. viel Aergcrnis. Tenn ist dieses Wort gesprochen, so scheint es, als fei mit ihm ein Bekenntnis abgelegt, das sich mit deutschnationalen Empfindungen nicht vereinbaren läßt. Ter Sachlichkeit halber sei daher unsererseits und im Sinne der großen deutschen Judenschaft betont, daß nur diese Anschauung nicht etwa deshalb mit Energie bekämpfen, weil sie Berechtigung geben könnte, die Juden überhaupt als undeutsch oder international zu bezeichnen, sondern weil sie unser inneres Leben an einem Zentralplinkte zersetzt und die Ueberzeugung. nach der wir seit langen Jahrhunderten als Deutsche uns fühlen und handeln, beleidigt. Abgesehen davon, daß die Begründung eines Staates in Palästina oder einem anderen Lande, wie die englisck)e Regierung ans selbstdienlichen Gründen es verspricht und die Türkei es zur Erwägung stellt, schlechterdings eine Unmöglichkeit ist, wie geographische, soziale, politische und materielle Neberlegungen es zeigen, sie ist eine Jnsimulation unseres Tenlens. Fühlens und Handelns, die zur Tragik sich erhärtet, wenn man den Ausdruck ..Alljuden", der an sich nichts Verderbliches enthält, politisch alS Gegensatz zu „Alldeutschen" aufsaßt. Es sei daher festgestellt, daß die breite Masse der deutschen Judenheit, weil sie allein von den j Folgen dieser völkischen Spielerei betroffen wird, sie in stärkerem Maße bekämpft, als es irgendeine Partei Deutschlands aus Gründen nationaler Ueberzeugung zu tun vorgcben kann. Trotz dieses Bekenntnisses soll ein Wort der Entschuldigung nicht unterbleiben. Wer da wirklich meint, daß die Vertreter des politischen Zionismus des Auslandes und zum geringen Teil des Inlandes an eine Realisierung ihrer kühnen Pläne glauben, dürste in I die Irre gehen. Es ist jenen wie uns die Menge der Schwierigkeiten ohne weiteres klar. Theoretisch stellen sie eine nur von wenigen festgehaltene Forderung aus, die praktisch erfüllt zu sehen sie lmgeachtet des Widerstandes der jüdischen Masten des Okzidents selbst nicht glauben. Es läuft auch dieses Bestreben in eine Sensation au*, die ruhen wird, "wenn irgendwo in der Welt die Not der Unterdrückten aushört und ihnen das Heini ersteht, in dem sie ein menschenwürdiges Leben führen können. Auch in jenem Lager wird es für wahrscheinlich gehalten, daß durch die Judcngcsctzgebung des neuen Polen, um das es sich besonders handelt, das Zick erreicht wird, das vor der Okkupation Polens durch Teutschland niemand erahnte. Und wenn der politische Zionismus, sofern er alle Juden der Welt umsaffen wollte, eine sehr phautasievolle lltopie war, durch die Vorsehung würde auch unser Wunsch, den Menschlichkeit und Gesittung eingab, erfüllt: die Armen haben ein Haus und Brot und Lohn, dürfen reden und »virken und sind dem Bruderbünde der Menschheit zur allmählichen Mithilfe am Werke der Kultur beigeschlossen. Diese Zeilen sollten der Aufklärung dienen. Möchten sie es getan haben! Aus dem Gesagten ergibt sich, daß der deutsch Jude, den ich als Vertreter der von mir ausgesührten Anschauung zitieren darf, die Gedanken über Zionismus und Internationalismus nur aladeutisch streift. Mrylchr und der Antisemitismus. eine Abhandlung über ein oft behandeltes Thema, sondern einige Notizen aus einem vor langer Zeit erschienenen Buche sollen hier folgen. Zn einer Abharidlnng iväre es notwendig, Nietzsches Werke gründlich zu studieren, n'vzu mir gegenwärtig die Zeit mangelt; die Notizen sind entnommen dem Briefwechsel Friedrich Nietzsches mit Franz Overbeck, herausgcgcben von Richard Lehler und (S. A. ©ernoniUi, Leipzig. Insel-Verlag, Iblv. Die erste Stelle Seite 247. Nizza, den 2. April 1884, lautet so: .Tie verfluchte Anti» sciniterei verdirbt mir alle meine Rechnungen auf pekuniäre Unabhängigkeit, Schüler, neue Freunde. Einfluß, sie hat R.W. und mich verfeindet, sie ist die Ursache eines radikalen Bruches zwischen mir und meiner Schwester usw. ohe. ohe". Ter hier erwähnte R. W. ist natürlich Richard Wagner. Unter Antiscmiterei ist nicht seine eigene, gegen die Juden gerichtete Stimmung, sondern die Feindseligkeit der anderen zu verstehen, deren Zugehörigkeit zur antisemitischen Partei. (Uebrigcns hatte Nietzsches Korrespondent Overbeck keine übermäßige Sympathie für die Inden, wiqFius seiner Ausführung vom 4. November 1878 hervvrgeht: .Natürlich geht der Mann nach Bayreuth, der übrigens keineswegs bloß Klavierspieler ist und für einen Inden viel Haltung hat"; der hier kurz Behandelte ist der bekannte Musiker Freund in Zürich.) Aus die erste, oben mitgeteilte Aeußerung Nietzsches antwortete Overbeck am 3. April 1884: .Suche ja doch wenigstens einen Teil deines Geldes aus dem Rachen der Antisemiterei zu ziehen, wenn alles sür jetzt nicht zu haben sein sollte. Die Herren Antisemiten scheinen mir namentlich im Punkte deS Geldes zu wissen, was sie gegen ihre Opfer haben, ich meine ihre ostensiblen. Tenn es ist sehr natürlich, daß die Opfer ihrer Affekte nicht im Stamme Abrahams allein zu suchen sind." Im Anschluß daran schreibt Nietzsche am 7. April über einen Philosophen, der freilich nicht genannt wird — statt seines Namens stehen zwei Gedankenstriche — folgendes: „liebethörte ich jüngst noch sehr Genaues: Aeußerlich ein gemachter