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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1838-05-10 · Heft 56 (10.5.1838) · p. Seite 226

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
2 (1838)
Issue
Heft 56 (10.5.1838)
Date
1838-05-10
Page
Seite 226 (sequence 2)
Language
German
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226 sich nun zwar wenig oder gar nicht um Ludolf bekümmert, und ob ihn dieser auch mehre Male während seiner Studienjahre um Unterstützung angegangen:^er hatte stets ausweichende Antwort erhalten. Jetzt w^r Ludolf einige Male im Hause seines Oheims gewesen, ohne daß dieser merklich Notiz von ihm genommen. Der Kriegs-Rath hatte keine Kinder. Man war über seinen Charakter nicht recht einig. In früheren Ku'eges-Jahren hatte er, wie man sprach, wesentliche Dienste in Angelegenheiten zarter Natur geleistet, so daß ihm höhere Behörden verpflichtet geblieben, obschon sie ihn ziemlich fallen gelassen. Doch wußte er sich so geschickt zu geciren, daß ihm die Welt noch immer eine höhere Wichtigkeit, wenn man diese auch nicht bestimmt anzugeben wußte, beimaß. Hierzu .trug nicht wenig der bedeutende Aufwand bei, den er machte und den er mit unbekannten Mitteln bestritt. Dieser nun hatte plötzlich unfern Bekannten rufen lassen, hatte ihm eröffnet, daß er von den Vorgesetzten einstimmig das Lob des Neffen vernommen, über seine Tauglichkeit die besten Zeugnisse erhalten habe, daß er nur diesen Zeitraum abgewactet, um für ihn wirksam zu sein, ihn in eine höhere Carriere einzuführen. Er bedeutete ihn, daß er ihn die juristische Laufbahn mit der diplomatischen vertauschen lassen wolle, wies ihn an, wo er Behufs der Einführung in höhere Kreise die nöthige Ausstattung beziehen könne, und bat in seinem Hause einige unbewohnte Zimmer zu seinem Gebrauche zu nehmen. Ludolf war von dieser plötzlichen Glückesänderung wie betäubt. Ein jeder junge talentvolle Mensch lernt sich sehr bald, im Bewußtsein seiner Kraft, als den würdigen Gegenstand eines höhern Willens, Berufes und Bedürfnisses ansehen, und die Aussicht, in eine rege, höhere Thatigkeit versetzt zu werden, kam ihm als Erfüllung lang gehegter und oft ausgesponnener Träume bald schon als natürlich und rechtmäßig vor, daß er vergaß über die Ursachen, die wol bei seinem Oheim der schnellen Sinnesänderung zu Grunde Lägen, nachzudenken. Er begnügte sich mit der Erwägung, daß bei der Kinderlosigkeit jenes es sehr natürlich sei,' daß .er sich seines Neffen zu erinnern angefangen, um einen Nachfolger und Erben seines Ansehens und seiner Stellung zu gewinnen. Schon drängten sich tausend Plane, von großartigen Einwirkungen auf das Allgemeine, es weiter zu fördern, das Loos der Menschen zu verbessern, in sein menschenfreundliches Herz. Jonathan ward von dieser Nachricht sehr betroffen. Er wußte sehr wohl, daß jetzt eine größere Entfernung zwischen sie treten würde, als selbst bei der Trennung von der Universität; und bei der Jsolirung, in die ihn sein väterliches Haus versetzt hatte, verlor er jetzt den letzten persönlichen Zusammenhang zrnt der Außenwelt. Das Glück desFreundes lag ihm aber zu sehr am Herzen, als daß er ihm Hindernisse in den Weg legen mochte. Bald half er ihm, dakleine Eigenthum zu verpacken und fortzusenden, und als dies vollendet war, beschlossen die Freunde, den letzten Abend recht innig zu genießen, und eine Flasche guten Rheinweins half bald, die Geister ihrer Niedergeschlagenheit zu entkleiden, und die Schwingen zu lüftem Als man die neuen Verhältnisse Ludolfs sattsam durchgesprochen hatte, nahm dieser die Gelegenheit wahr, seinen Dank für die vielen Beweise wahrer Freundschaft gegen Jonathan auszusprechen, er versicherte ihn, stets eingedenk zu sein, was er hier im Schoße einer jüdischen Familie erfahren, und daß er in seiner zukünftigen Laufbahn, wohin diese auch führen möchte, dieser Erfahrung gemäß handeln werde. Er sprach sich frei und ledig aller Vorurtheite gegen Juden, die er im Umgang mit ihnen selbst ablegen gelernt, und wollte die Quelle aller Gehässigkeiten, die man immer noch gegen sie hege, nur in der Unkenntniß der jüdischen Lebensmomente finden. „Wann," sprach er, „wird man aufhören, die Juden als Fremdlinge, als zu dem eigentlichen Staatslebm nicht Gehörige anzusehen? Alle Grundsätze des neuern Staatsrechts sprechen hiergegen. Denn selbst, wenn wir von außen eine fremde Masse jetzt in unfern Landschaften aufnehmen, ist es unser eifrigstes Bestreben und erstes Prinzip, sie alsbald auf das Niveau unserer Staatsgehörigen zu stellen *),— wie können wir die Juden vom Staatsverbande ausschlie? ßen, die bei uns seit vielen Generationen geboren, in unfern Schulen unterrichtet, von unserer Bildung erzogen, nach unseren Gesetzen leben? die unser Glück und Unglück theilen, unsere Gefahren gleicherweise bestehen, und also alle wirkliche und nicht ein- und angebildete Momente des Lebens mit uns gemeinschaftlich haben? — Das jüdische Verhaltniß ist der einzig zähe Stoff, den da§ neuere Leben noch nicht auflösen konnte, und wir tragen es als mittelalterliches .Schaustück an und mit uns herum. Denn diejenigen irren sehrdie mit Erleichterungen und Uebergängen etwas gethan glauben, da nur die völlige Vernichtung der Beschränkungen eine Anerkenutniß der Wahrheit und des Rechts ist. Jene gestehen damit nur, daß sie viel zu wenig °) Dies- Bemerkung scheint unS von Wichtigkeit zu sein so daß wir nicht ermangeln wollen, ein Beispiel dafür aus der Gegenwart heranzuziehen. So hat nervlich das erleuchtete, K. Preüß. Ministerium den eingewanderten u. aufqenommenenZillerthalern keine beschränkte Bedingung gestellt, sondern sie sind Bürger des Staats geworden, obschon fte an Sitte und Charakter ganz fremd sind.

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