Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 52 (27.12.1907)
- Date
- 1907-12-27
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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2 in-religiöser uub zum Teil auch in künstlerischer Hinsicht .bc.bc.Utci, seine neue Residenz gegründet hat. Berlin, 22. Dezember. Die j ü d i s ch e A r b e i t c r l v l o n i e in Weitzensee erfreut sich fortdauernd segensreicher Tätigkeit. Seit ihrer Begründung hat sie an 2500 unglücklichen Wanderbettlern ihre gute Wirkung erprobt; sie hat ihnen Obdach, Verpflegung und Verdienst gebracht und vor altem durch die Gewöhnung an Arbeit Gelegenheit zur Begründung einer bescheidenen Existenz verschafft. Zurzeit, wo der rauhe Winter vor der Türe steht, ist der Andrang der Ausnahme' suchenden besonders groß; die Kolonie beherbergt jetzt 90 diese Unglücklichen. Die äußere Verfassung, in der sich unsere Schützlinge einstellen, ist 'beklagenswert; ihre Kleidung ist abgerissen, besonders fehlt es an Schuhzeug und Beinkleidern. Menschenfreunde werden sich ein humanitäres Verdienst durch Zuwendung von gebrauchten Kleidungsstücken und Wüsche erwerben. Es wird herzlich gebeten, durch eine an die „Jüdische Arbeiterkolonie in Weißensee bei Berlin, Wörthstraße 20" zu entsendende Postkarte die Abholung zu veranlassen. s. Berlin, 18. Dezember. Die „Wissenscha ftliche Verei nigung jüdischer Lehrer und Lehrerinnen zu Berlin" hielt ün zweiten Verwaltungsgebäude der jüdischen Gemeinde ihre beiden letzten Monatssitzungen ab. Ten Hauptgegenstand der Beratungen in diesen Sitzungen bildeten „Vorschläge für eine künftige Organisation der Berliner Gemeinde-Religionsschulen", welche von den Kollegen Hanfs und Auerbach in Form von Thesen formuliert worden waren. In seinem kurzen einleitenden Referat betonte Kollege Hanss die Wichtigkeit tüchtiger Schulen für die Erhaltung des Judentums und die Notwendigkeit einheitlicher Organisation. Nach Beendigung der Generaldiskujsion, in der über die Notwendigkeit der Vereinheitlichung gegensätzliche Ansichten geäußert wurden, knüpfte sich in der Spezialdiskussion eine besonders eingehende Erörterung an die Frage, ob auch das Bibelübersetzen obligatorisch oder nur fakultativ oder überhaupt Unterrichtsgegenstand sein soll. Für die Beibehaltung des obligatorischen Bibelübersetzens in den Oberklassen trat besonders entschieden Kollege Auerbach ein, andere Kollegen befürworteten die fakultative Zulassung auf der Oberstufe in einer fünften Stunde; die meisten anderen Redner waren im großen und ganzen der Ansicht: Da zweifellos die Vermittlung der Kenntnis der Gebete die Hauptsach und unter den gegebenen Verhältnissen der Unterrichtsersolg ohnehin gering ist, müsse eine Zersplitterung der Kräfte vermieden werden, das Bibelübersetzen dürfe also nicht obligatorisch sein. Der fakultative Unterricht empfehle sich nicht eben seines Charakters und der Mehrbelastung wegen, die er bedeuten würde. Dagegen könne der Fortbildungskursus, dessen Dauer und Pensum ja von den jeweiligen Verhältnissen abhängen soll. Bibelübersetzen unter seine Lehrgegenstände ausnehmen. Schließlich gelangten nach Ablehnung aller anderweitigen Abünderungs- und Zusatzanträge solgende Th esen zur Annahme: 1. Jede vollständig ausgebaute Religionsschule besteht aus einer Stammklasse, sechs aufsteigenden Klaffen (6—1) und einer Fortbildungsklasse (Selekta). 2. Die erste und die Fortbildungsklasse haben einen zweijährigen, alle anderen einen einjährigen Kursus. 3. Die Stammklasse, die für Kinder des ersten Schuljahres bestimmt ist, hat zwei Stunden wöchentlich und zwar nur biblische Geschichte, alle anderen Klassen haben vier Stunden, von denen zwei auf Hebräisch entfallen. — Für liturgischen Gesang und Barmizwaunterricht ist außerdem eine halbe, bezw. eine Stunde wöchentlich anzusetzen. 4. In der sechsten Klasse liegt dem hebräischen Unterricht eine Fibel zugrunde, in den Klassen fünf bis eins das Gebetbuch; doch wird für die fünfte Klasse die Benutzung einer Vorstufe zum Gebetbuch empfohlen. Wünschenswert ist ferner die Benutzung desjenigen Gebetbuchs, das für die Mehrzahl der Schüler bei ihrer Beteiligung am Gottesdienst in Frage kommt. 5. Schüler, die in den von ihnen besuchten Schulen am Religionsunterricht teilnehmen, werden aus Wunsch vom Unterricht in der biblischen Geschichte befreit. 6. Alle Religionsschulen behandeln in allen Klassen mit Ausnahme der Fortbildungsklasse, denselben Lehrstoff. 7. Wo die Organisation es zuläßt, sind Wechseleöten (nicht Parallelcöten) einzurichten; dem entsprechend finden Ostern und Michaelis Aufnahmen und Versetzungen statt. Bei der Aufnahme von Schülern aus anderen Gemeinde-Religionsschulen ist für die . Zuweisung-in eine bestimmte Klasse ohne Prüfung das Zeugnis maßgebend. 9. Es empfiehlt sich, daß jeder Lehrer seine Klasse mindestens zwei Jahre fortführt. Diese Vorschläge werden dem Gemeindevorstand unterbreitet werden. Von der Veranstaltung von Fortbildungskursen in den Weihnachtsserien mußte endgültig Abstand genommen werden. Es halten bedauerlicherweise nur drei Herren unbedingt Vorlesungen zugesagt: die Herren Rabbiner Dr. Eschelbacher, Rabbiner Dr. Kellermann und Dr. Lehmann. Diesen Herren sei auch an dieser Stelle für ihre Bereitwilligkeit herzlicher Dank ausgesprochen. Kp. Bus der Provinz Posen, im Dezember. Der Vorstand des jüdischen Frauenvereins in Ostrowo hat Frau Bankier Spiro daselbst als Vorstandsmitglied kooptiert. — In verschiedenen Wahlbezirken der Provinz Posen sind wiederum mehrere jüdische Kaufleute zu Mitgliedern der Posener Handelskammer gewählt worden. So wurden neulich Stadtrat I. Neu mark in Krotoschin, Michaelis Hirsch in Buk und Kaufmann Rogowski in Gnesen in dieser Eigenschaft gewählt. — Stadtrat Fabian Fränkel in Ostrowo hat in hochherziger Weise eine Kochgelegenheit errichtet, um auf derselben Suppen für jüdische Auswanderer in der hiesigen Kontrollstation viermal wöchentlich kochen zu lassen; auch das Brennmaterial hierzu liefert Herr Fränkel. Die Suppen werden von den Vorstandsdamen des israelitischen Frauenvereins daselbst hergerichtet. Die Kosten für die Auslagen werden zur Hälfte von: israelitischen Hilfsverein der deutschen Juden getragen. Es werden durchschnittlich | monatlich 800 Portionen verteilt. — Auf dem israelitischen Friedhofe > in P leschen sind neulich von ruchloser Hand 14 Grabsteine arg! beschädigt worden. Die Täter sind noch nicht ermittelt. Auf die Ergreifung derselben ist eine Belohnung von 50 Mark ausgesetzt worden. — Lehrer Theodor Kaatz in Kurnik ist aus dem öffentlichen Schuldienst geschieden, um die Stelle eines Hanvelslehrers in Magdeburg zu übernehmen. — In Posen ist kürzlich der Kaufmann Rafael Silberstein gestorben, der dem Vorstand der kaufmännischen Vereinigung daselbst längere Zeit angehört hat. — Rentier Philipp Heldt aus Neustadt a. W. beging kürzlich unter zahlreichen Ehrungen seinen 70. Geburtstag. Herr Heldt war lange Jahre daselbst Magistrats- und Kreistagsmitglied, sowie Vorsteher der dortigen israelitischen Gemeinde. Jetzt wohnt Herr Heldt in Posen. — Kaufmann Karl Steinhardt in Zerkow ist zum Magistratsmitgliede daselbst gewählt und als solcher vom Regierungspräsidenten zu Posen bestätigt worden. — Ter jetzt in Columbns, Ohio, lebende Kaufmann Charles Ledermann hat anläßlich des Weihnachtsfestes seiner Heimatgemeinde in Ostrowo einen namhaften Betrag zur Unterstützung jüdischer Mitglieder übersandt. — Fabrikbesitzer Fabian Fränkel in Ostrowo ist zum Mitgliede der Handelskammer gewählt worden. n. Gnesen, 12. Dezember. Wohl selten sind hier einem Würger solche Ehrungen zuteil geworden, wie dem in der nächsten Zeit von hier scheidenden langjährigen ersten Vorsteher unserer Gemeinde, Stadtrat Gimkiewicz. Die Stadtverwaltung veranstaltete ein Festessen, bei welchem der erste Bürgermeister Schoppen sowie Stadtverordnetenvorsteher Wreszynski die außerordentlichen Verdienste des Scheidenden während seiner langjährigen Tätigkeit in der Stadtverwaltung, sowie in den vielen gemeinnützigen Veranstaltungen, die durch Herrn Gimkiewicz gefördert wurden, hervorhoben. Landgerichtspräsident Meyer feierte für den Verschönerungsverein in einer Rede den Scheidenden als einen der besten Bürger unserer Stadt. Der Verein zur Fürsorge für entlassene Strafgefangene hatte Herrn Gimkiewicz zum Ehrenmitglied ernannt und ihm eine sehr schön ausgestattete Adresse überreicht. Erster Staatsanwalt Bahr gedachte der besonderen Tätigkeit für die Armen und Unglücklichen, derer sich Herr Gimkiewicz immer angenommen; für den Verein für Kunst und Wissenschaft sowie für den Verein vom Roten Kreuz hatte Landrat Dr. Dionysius warme herzliche Worte an Herrn Gimkiewicz gerichtet. Als Vorstandsmitglied des Nennvereins empfing Stadtrat Gimkiewicz ein Bild vom Grasen von Milzynski nebst Widmung. Von vielen anderen Vereinen waren ehrende Schreiben eingegangen. Am erhebendsten jedoch gestaltete sich die Feier in der jüdischen Gemeinde. Schon am 7. d. Mts. fand in der Synagoge ein Gottesdienst statt, zu dem sämtliche Mitglieder des Vorstandes und der Repräsentantenversammlung erschienen waren, und bei dem Rabbiner Dr. Jacobson seine