Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 52 (27.12.1907)
- Date
- 1907-12-27
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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w W^^WWWWWMWWMWMM W 71. Jahrgang. Nr. 52, ' Berlin, 27. Öezember 1007. ♦ Vettsse zur „Allgemeinen Leitung deß Judentums. lkorrelponden?rn und Nachrichten. Deutschland. 8. Berlin, 16. Dezember. Zu'der 21. Delegierteu-V ersammlung des Verbandes für jüdische Wohltätigkeitspflege hatte sich ein sehr zahlreiches Publikum eingefunden. Herr Professor Dr. Max Mosse hatte es übernommen, ..über einige Aus" gaben der Wohltätigkeitspflege in der Prophylaxe und in der Be, kämpfung von Krankheiten" zu sprechen. Seine Ausführungen bezogen sich im wesentlichen auf Maßnahmen, die von seiten der öffentlichen Wohlfahrtspflege aufgewendet werden müssen, um entstehenden Krankheiten vorzubeugen oder bestehende zu bekämpfen. Zunächst gab er an der Hand von statistischen Tabellen ein Bild von dem großen Umfang der iubetfulöien Erkrankungen, zu deren Behandlung der Staat die Gründung von Lungenheilstätten bereits veranlaßt habe. Der Erfolg einer solchen Behandlung habe allerdings den gestellten Erwartungen bis jetzt insofern nicht entsprochen, als eine längere Garantie für Erhaltung des Lebens nicht geboten werden könne. Als die wichtigsten Maßnahmen zur Vorbeugung der tuberkulösen Erkrankungen bezeichnet der Redner die Ernährungs» und Wohnungsfrage und ist der Meinung, daß die jüdische Wohlfahrtspflege die rationelle Ernährung der jüdischen armen Kranken sowohl als auch der gesunden Armen mit in den Nahmen ihrer Institutionen einziehen solle, etwa in weiterer Ausgestaltung noch, als dies von seiten der Stadt Berlin mit der Krankenküche geschehen sei. Namentlich der Ernährung der Säuglinge sei besondere Sorgfalt zuzuwenden, und es sei zu erwägen, ob man den armen Müttern während der heißen Jahreszeit nicht unentgeltlich Eis zur Erhaltung der Milch verabreichen solle, ebenso müsse man die Kinderheilstütten noch bedeutend vermehren. Betreffs der hygienischen Maßregeln müsse vor allem den Armen Gelegenheit geboten werden, in gesunden Wohnungen zu leben. Durch.Enquete in der Stadt Posen sei festgestellt worden, daß die Wohnungsverhältnisse der armen jüdischen Einwohner überaus traurige seien, ja es wären dabei Mißstände zutage getreten, die man nicht für möglich gehalten habe. Man müsse eine Genossenschaft gründen und Bauten in den Vororten aussühren lassen, die den Armen für ein billiges Entgelt gesunde Wohnungen schaffe. Nicht einverstanden ist Redner mit der reichlichen Gewährung der Badereisen und empfiehlt, hier größere Sparsamkeit walten zu lassen, um Mittel für notwendigere Leistungen frei zu haben. Gallensteinleidende, Herz- und Zuckerkranke wären mit gleichem Erfolge zu Hause zu behandeln; nur in dem Fall, wo völlige Herstellung der Erwerbstätigkeit erwartet werden könnte, sollte man von Gemeinde wegen die Mittel zu einer Badereise gewähren. Größeren Erfolg mißt der Vortragende der Behandlung der Nervenkrankheiten durch Luftveränderung bei und empfiehlt, für diese die mittlere Gebirgslinie mehr als bisher zu berücksichtigen. „So verschieden auch die Ansichten und Meinungen sein mögen über das, was wir zu leisten haben," so etwa beendete Herr Professor Mosse seinen hochinteressanten und anregenden Vortrag, „so haben wir doch alle dasselbe Ziel, daß lvir Wohltätigkeit üben und sozial denken und handeln müssen." — Hierauf gibt Frau Direktor May einen sehr ausführlichen Bericht über die am 18. bis 21. September d. I. stattgehabte Tagung des „Deutschen Vereins für Armenpflege und Wohltätigkeit", der viele beachtenswerte Anregungen für die jüdische Wohlfahrtspflege enthielt. Unter diesen erscheint auch für die hiesigen Verhältnisse besonders erwähnenswert das von Stadtrat Dr. Münsterberg gehaltene Referat über das amerikanische Armenwesen. Der genannte Referent verwies mit Nachdruck auf die Verbindung der Wohlsahrtsbestrebungen für welche vor allem die der jüdischen Wohlfahrtspflege vorbildlich seien, in deren Tätigkeit das Bestreben aufgetreten sei, mit dem Unwesen der Bazare, Konzerte, Bälle, des Kollektenwesens usw. zu wohltätigen Zwecken aufzuräumen. Man habe in Amerika ermittelt, daß die Zahl der zu Wohltätigkeitsvereinen beitragenden Personen verhältnismäßig niedrig sei und daß eine viel größere Zahl bereit sein würde, sich zu beteiligen, wenn man in der rechten Weise an sie heranträte. Die Träger der hauptsächlichsten Vereine Hütten sich infolgedessen zu einem gemeinschaftlichen Vorgehen durch Aufstellen gemeinschaftlicher Listen verbunden und die gesamten Einkünfte würden durch die Zentralstelle an die beteiligten Vereine nach Maßgabe ihrer Einnahmen und Ausgaben verteilt. Diese Maßnahmen seien sehr erfolgreich gewesen. — Justizrat Breslauer erstattet hierauf den üblichen Geschäftsbericht. Als neue Einrichtung des Verbandes hebt er eine Auskunftsstelle hervor, in der alltäglich den Armen auf ihre Anfrage der geeignetste Weg zur Besserung ihrer Lage gewiesen werden soll. In der sich anschließenden lebhaften Diskussion tritt der Vorsitzende der Armenkommisston, Dr. Fei'lch en fel d, den Ausführungen des Herrn Professor Mosse bei, indem auch er erklärt, daß die Erfolge der Lungenheilstätten nicht dazu führen könnten, von seiten der jüdischen Gemeinde solche einzurichten. Die Gründung einer Genossenschaft verwirft er, weil hierdurch nur ein Ghetto geschaffen werden würde. Dr. Levy erachtet die Zeit noch nicht für gekommen, ein abschließendes Urteil über die Erfolge der Lungenheilstätten zu fällen; vom armenpflegerischen Standpunkt aus sei es schon günstig genug, wenn die Erwerbsfähigkeit derartig behandelter Kranken um einige Jahre verlängert würde. Geheimrat Dr. Ma retzki tritt ebenfalls dafür ein, die Zahl der Kinderheilstätten zu vermehren und überhaupt! der Ernährung der Säuglinge noch größere Sorgfalt zuzuwenden. 8. Berlin, 24. Dezember. Die Deutsche Orient-Gesellschaft hat soeben die Nachricht erhalten, daß es der zur Aufnahme i und Untersuchung der Synagogenruinen Galiläas ausgesandten : Kommission, die aus den Herren Regierungsdaumeister Kohl und! Professor Watzinger bestand, gelungen ist, hinreichendes wissenschast-! liches Material zu sammeln, um eine grundlegende Publikation j darauf anfzubanen. Aber schon wendet sich die Deutsche Orient-! Gesellschaft einer neuen, vielleicht noch bedeutsameren Ausgabe auf j palästinensischem Boden zu. Zur Ausgrabung des alten Jericho, das! schon vor dem Einrücken der Hebräer in Kanaan eine stark befestigte | Stadt war, entsendet die Deutsche Orient-Gesellschaft in den nächsten! Tagen eine auf drei Monate berechnete Expedition, an deren Spitze! der Professor für alttestamentliche Theologie an der Universität Wien, j Dr. Ernst Sellin, steht und an der als Archäologe der bereits ge-! nannte Professor Watzinger aus Rostock, als Architekt der Regierungsbaumeister Langenegger aus Dresden teilnehmen werden. ' Von nicht i geringerer Bedeutung für die alte Geschichte des vorderen Orients j ist die Ausgrabung, die von der Deutschen Orient-Gesellschaft im verflossenen Sommer im Herzen von Kleinasien unternommen worden ist, nämlich in Voghasköi. das sich als die einstige Hauptstadt des bisher noch so rätselhaften Volkes der auch im Alten Testament genannten Hethiter herausgestellt hat. Dort hat Professor Hugo Winckler von der Berliner Universität bedeutende Tontafelfnnde gemacht, durch die die alte Staaten- und Kulturgeschichte Kleinasiens zum erstenmal auf festen Boden gestellt und die engen Beziehungen derselben zu Aegypten und Mesopotamien uni die Mitte des zweiten Jahrtausends v. Ehr. in helles Licht gerückt werden. Auch in Aegypten entfaltet die Deutsche Orient-Gesellschaft dauernd eine vielseitige Tätigkeit. Die Grabungen am Totentempel und der Pyramide des Königs Sahure bei Abusir haben eine alle Erwartungen übertreffende Ausbeute an seinen Kalksteinreliefs des alten Reichs ergeben. Sobald durch diese Arbeiten, die sich schon ihrem Ende nähern, die Freilegung des gesamten Pyramidenfeldes von Abusir, soweit es sich mit Bauten aus der fünften Dynastie handelt, zum Abschluß gebracht sein wird, nimmt die Deutsche Orient-Gesellschaft eine neue, ebenso umfangreiche und überaus wichtige Aufgabe in Angriff: Tell Amarna, der Fundort des erwähnten Tontafelarchivs, ist die Stätte, an der Amenophis IV. aus der achtzehnten Dynastie sum 1500 v. Chr-1, dessen Regierungszeit einen völligen Bruch mit der Tradition