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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-12-27 · Heft 52 (27.12.1907) · p. Seite 624

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 52 (27.12.1907)
Date
1907-12-27
Page
Seite 624 (sequence 12)
Language
German
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mal um Entschuldigung, denn ich sollte sagen, er marschierte rüstig, ohne es zu ahnen, direkt nach Kladno wieder zurück .. - „Alle Wege führen nach Rom," suchte er sich abermals zu trösten. „Und was kann es schon schlimm sein, wenn ich nicht so pünktlich um sechs Uhr in Prag bin?. . . Das ist auch noch kein großes Kriminal-Verbrechen! . .. Werde ich mir am „Jom-Kipper" bei den „Al-Chets" noch einmal mehr an die Brust schlagen," sprach er witzig, und fröhlich und wohlgemut setzte er seine Wanderung in der zweiten halben Nacht auf dem Wege fort, der vor ihm lag. Es wurde etwas Heller, der Morgen dämmerte. Ein sanftes Lüftchen wehte ihm den süßen Duft von frischgemähtenl Heu aus der nahen Wiese ins Gesicht. Die Vögel im Walde zwitscherten ihre lustigen Weisen, und die ganze Welt schien ihm rosenrot gefärbt zu sein. Dort am Horizont erschien ein grauer Nebel. „Vielleicht biu ich gar schon Prag näher, als ich es noch vor einer Stunde dachte." sagte er sich selbst. „Jener Nebel scheint mir eine gewaltige graue Nachtmütze zu sein, die die Stadt sich über die Ohren zieht, um recht spät in den Tag hinein schlafen zu können . . . Bei meiner Ankunft mag ich gar der erste sein, sie endlich aufzuwecken ..." Und als die ersten Sonnenstrahlen den nebligen Dunst verscheucht hatten, da lag wirklich eine Stadt vor ihm, und Schmnl Krummfnß konnte nicht Worte genug finden, um seine Bewunderung über die wunderschöne Turmspitze auszusprechen. die wie eine schlanke Eiche ans dem Kirchdache herauszuwachsen schien und ihm schon von großer Weite lächelnd zuwinkte. „Herr Gott, wie groß sind Deine Werke!" rief er angenehm überrascht aus. „Ganz genau wie in Kladno! Unsere Turmspitze und diese sind wie zwei Eier einander ähnlich! Ist das nicht geradezu wunderbar?.. ." Als er auf dem Marktplatz angelangt war, fielen seine Augen auf die Statue des heiligen Nepomuk. Erschreckt blieb er vor der mächtigen Steinfigur stehen und betrachtete sie von allen Seiten. „Die Wunder hören nicht auf!" rief er begeistert. „Ich könnte beinah schwören, daß der Kladnoer Nepomuk und dieser hier Zwillingsbrüder sind! ..." Die jüdische Gasse aber und die kleine Synagoge enttäuschten ihn vollständig. Unzufrieden schüttelte er sein Haupt. „Und dieses soll die berühmte „Altneu-Schul" sein, von der die ganze Welt spricht? Dieses kleine Gebäude, das nicht größer als unsere ist? Aber die Juden hier sind gewiß nicht anders, als die bei uns. . . . Schämen sollten sie sich in ihren weiten Hals hinein, diese Keziniin von Prag, diese Reichen, die ans ihre Synagoge nicht mehr ausgeben wollen, als wir armen Hausierer in dem kleinen Kladno. . .!" Nicht weit von der Synagoge hielt er vor einem kleinen Häuschen, das ihn sehr stark an sein eigenes in der Heimat erinnerte. Er konnte der Versuchung nicht widerstehen.es zu betreten, und stieg die wackelige Treppe hinauf. Leah Krummfnß war eine sehr sparsame, ausgezeichnete Wirtin und auch eine sehr fromme Frau. Ihr Stübchen war schon sogar in dieser frühen Morgenstunde vollständig aufgeräumt. Sie verrichtete jetzt ihr Morgengebet aus einer dickleibigen „Tchinne" und paßte gleichzeitig auf die Milch ans, die sie jetzt zum Frühstück kochte; so weihte sie Seele und Körper vereint der Ehrfurcht vor Gott und der Furcht, daß die Milch überkochen könnte. Bei dem unerwarteten Anblick ihres vielgeliebten Schmul fand sie keine Worte, um ihrer Ueberraschung Ausdruck zu geben; aber selbst wenn sie solche gefunden, sie hätte sie doch nicht aussprechen dürfen, ohne eine schwere Sünde zu begehen, denn wie könnte sie es wagen, in der Mitte der „Schmone- Eßre" sich zu unterbrechen. Dieser Umstand gab Schmul das Uebergewicht, und er wollte es auch kräftig anwenden, um seiner Empörung gehörig Luft zu machen. Doch sein einleitendes heftiges Ausschlagen auf den Tisch, wodurch er die Schüssel umwarf und in seinen» Stübchen eine neue „Milchstraße" schuf, besänftigte ein wenig seinen Zorn, und er blieb einen Augenblick schweigend stehen, wie jener berühmte Gerber am Teich. Doch seine beleidigte Manneswürde brach sich bald wieder Bahn, und darum rief er seiner Frau gehässig und verächtlich zu: „Weib . . .! Ich will mich Über ein bißchen vergossene Milch wirklich nicht mit Dir zanken . . .! Aber, sage mir bloß, ist denn unser Kladno nicht mehr gut genug für Dich, daß Du mir sogar bis nach Prag nachlaufen mußt . . .?" Literarische Mitteilungen. Der Q übt {die Frauenbu ud hat die drei Referate bon Berta Pappen heim „ Zur Sittlichkeitssrage", von Sidonie Werner über „Mädchenhandel" und von Ella Seligmann über „Gründung voll Jugendgruppen", die auf dem zweiten Delegiertentag des Jüdischen Frauenbundes in Frankfurt am Main erstattet wurden, in einer stattlichen Broschüre im eigenen Verlag herausgegeben. Wir sind überzeugt, daß die Schrift weite Kreise lebhaft interessieren wird. Betreffen doch die Referate die widitigsten Fragen der Zeit und unserer Gemeinschaft und sind sie doch von sackiverständiger Seite objektiv und klar erstattet worden. Der Vorstand des Jüdischen Frauenbundes hat sich mit dieser Publikation, deren Preis ein sehr billiger (50 Pfennig), ein großes Verdienst erworben. n. Als 59. Band der von Universitätsprofessor L. Stein herausgegebenen „Berner Studien zur Philosophie und ihrer Geschichte" erscheint demnächst aus der Feder des Hamburger Philosophen A. Levy eine neue Schrift: „Die dritte Dimension." Ter Verfasser ist durch seine „Philosophie der Form" (Berlin, 1901) bekannt geworden. $ Dr. Max Beermann, Rabbiner: Mein Werk dem Könige! Andachlsbuch für die deutschen Soldaten jüdischen Glaubens. Insterburg 1907. Diese Schrift, die einzig in ihrer Art dasteht, - war doch in Deutschland bisher ein Andachtsbud) für jüdische Soldaten nidil vorhanden - ragt bei weitem über den Dnrchsdinitt derartiger Andachtsbücher hervor. Eine edle und klare Sprache ist ihr eigen. Alles atmet Leben in ihr; jede theoretisdie Erörterung ist vermieden. Religion und Patriotismus, die beide aus gleidien Quellen schöpfen, haben hier ein enges Bündnis miteinander geschlossen. Man muß bekennen, daß der Verfasser in diesem seinem neuesten Werke sich auf der Höhe seiner Aufgabe zeigt. Nicht nur seine Betrachtungen für Sabbatstunden, die sich immer an ein Wort aus der allwöchentlichen Thoravorlesung anlehnen, audi die übrigen Betrachtungen, die feierlidie Anlässe im Leben des Soldaten zum Gegenstand haben, sind von einem tiefen religiösen und patriotischen Geiste durchweht, und es ist kein Zweifel, daß die jüdischen Soldaten aus dieser Schrijt mannigfache Belehrung und Anregung für Geist und Gemüt schöpfen werden. Auch die Auswahl unter den Psalmen, die der Verfasser getroffen hat, ist bei der notwendigen Beschränkung, die er sich auserlegen mußte, nur zu billigen. — Alles in allem, ein Andachtsbuch für jüdische Soldaten, das mustergültig genannt werden darf. Möge es seinen Zweck erfüllen und vielen Segen bringen. I. C. Druck und Verlag von Rudolf Moffe in Derlrn. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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