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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-12-27 · Heft 52 (27.12.1907) · p. Seite 623

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 52 (27.12.1907)
Date
1907-12-27
Page
Seite 623 (sequence 11)
Language
German
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sich von der Geburtsstätte zu entfernen, wo er doch einen gutgehenden- Kramladen besaß, der ihm ein gutes Auskommen abwarf. Und so hätte der Frühling nochmals fünfzigmal kommen können, und ihn auch noch viel holdseliger anlächeln, und es wäre doch alles vergeblich und erfolglos gewesen, und unser lieber Schmul wäre an seinem Laden kleben geblieben, und er hätte ein hohes Alter erreicht und wäre in Frieden zu seinen Vätern eingegangen, ohne das wunderschöne Prag, die Hauptstadt seiner Provinz, jemals gesehen zu haben. Doch das Schicksal hatte es anders bestimmt. Es war an einem Sonnabend, in der Synagoge, daß er einen Nachbar auf derselben Bank hatte, der auf seiner Wanderschaft in Böhmen und Mähren auch nach Kladno gekommen war, um dort über Schabbes zu bleiben. Obwohl die Predigt in der frommen Kille zu Kladno damals noch ein unbekanntes, oder besser noch, ein verpöntes Ding gewesen, so dauerte der Sabbatmorgen-Gottesdienst in der guten, alten Zeit doch seine geschlagenen vier Stunden, und sogar noch etwas länger, wenn irgend ein wichtiges Familienereignis sich in der vergangenen oder folgenden Woche abgespielt, oder wenn irgend ein berühmter Chasen mit seinen sieben Meschorerim zugereist kam. um zur Ehre Gottes seine wundersamen Weisen hören zu lassen, und am nächsten Sonntag sich dafür, bei jedem Mitgliede, eine wohlverdiente Spende einzusammeln. Das war an diesem besonderen Sabbat zwar nicht der Fallaber auch der heimische Chasen war einsichtig genug, seinen Gehalt ehrlich abarbeiten zu wollen und seinen Mitgliedern eine Menge Melodeien vorzutrillern, damit sie bei dem Hausieren auf den Dörfern, von Sonntag früh bis Freitag Nachmittag, auch ausreichten, um sich die Zeit durch das Singen auf den Landstraßen zu vertreiben. Und dazu brauchte er natürlich seine guten drei Stunden. Nun frage ich einen Menschen, ist es wohl möglich, geschlagene drei Stunden da zu sitzen und fortwährend andächtig zu beten? Darum ist es auch ganz natürlich, daß der Fremde sich bald an Schmul wendete, um ein kleines Gespräch mit ihm anzufangen; er unterhielt ihn auch sehr interessant, und Schmul horchte mit gespitzten Ohren ganz aufmerksam zu. Der Fremde erzählte ihm von dein „hohen Rabbi Löw" aus Prag und von dem „Golem", den er aus Lehm gemacht, und dein er auch einen lebendigen Geist durch die Nase eingeblasen, den er aber bald wieder erschlagen mußte, und in den Garten der „Altneu- Schul" warf, wo er heute noch zu sehen ist, zu einem Häufchen Moder verwandelt! Seit jener Zeit mögen wohl iroch viele „Golems" in den Garten der „Altneu-Schule" geworfen worden sein. Unser Schmul konnte nicht geling davon hören, und von dieser Minilte an hatte er nichts als den „Golem" im Auge gehabt. Als er, fieberhaft erregt, endlich aus der Synagoge nach Hause kam, fühlte er einen Appetit wie noch nie zuvor; er aß an diesem Tage zweimal soviel als sonst: den halben Fisch, die ganze „Kugel" und eine anständige Portion „Zwetschken- Bobelech", und als er sich nachher nach dem Schabbesschläfchen die Augen rieb, da war es ihm, als ob auch er seinem Magen jetzt „vierzig Tage und vierzig Nächte" Ferien geben könnte. Nach einer solchen gründlichen Vorbereitung glaubte auch er, wie seinerzeit der Prophet Elia, eine sehr sehr lange Reise unternehmen und allerlei Abenteuer bestehen zu können, und er fühlte eine solche Courage in sich, daß, wäre der „Golem" aus dem Moder wieder auferstauden und wild in den Straßen Prags herumgelaufen, er hätte unter seinen Händen kein besseres Schicksal gehabt, als damals die Baalspriester unter den wuchtigen Schlägen des Propheten Elia. „Leah, mein Leben," sprach , er zu seiner. Frau, „heute Abend, sobald ich „Hawdolo" gemacht, bringst Du mir den Stock und die Laterne; denn ich habe eine lange Reise vor mir. Ich muß die ganze Nacht wandern, um morgen früh recht zeitig in Prag zu sein." „Nach Prag, und zu Fuß willst Du gehen?" rief Leah außer sich; „was ist denn in Dich gefahren? Bist Du, Gott behüte, nicht mehr bei Sinnen? Und warum gerade heute Abend? Man sollte meinen, es hätte Dich jemand als Bote gedungen, damit Du bei Nacht und Nebel nach Prag läufst! Mußt Du schon durchaus nach Prag, warum nicht lieber an einem Wochentage, wo Du doch eher Gelegenheit hast, einen Bauern zu treffen, der Dich auf seinen Wagen vielleicht ein Stück Wegs mitnimmt?" „Hat man schon so etwas erlebt?" rief Schmul grimmig, „da steht sie mti) schimpft und zankt, und kann kein Ende finden! Da soll man mit einer Frau vernünftig sprechen? Mögen es andere versuchen, ich nicht! Ich habe genug davon. Hätte ich gesagt, ich will morgen aufbrechen, würde sie mir gewiß den Kopf verdreht haben: Warum nicht lieber gleich nach „Hawdole", damit Du den ganzen Sonntag dort bleiben kannst. Will ich schon nach „Hawdole", hat sie wieder ein anderes Projekt! Alsdann, Leah, mein Leben, schweig still und verdirb mir nicht meine Schabbesfreude, denn es ist mein fester Entschluß, morgen früh in Prag zu sein." Leah schwieg, sie wußte ja, das; jede weitere Einwendung nur den Erfolg einer roten Fahne auf einen wild gewordenen Stier hervorgebracht hätte. Sogar nach „Hawdole", als Schmul in großer Eile die Laterne putzte, wobei er eine Scheibe zerbrach, was an einem Sonnabendabend für jedes Unternehmen eine böse Vorbedeutung ist, auch da sprach Leah kein Wort mehr, und als er endlich reisefertig war, begleitete sie ihn bis zur Tür, und wie jede fromme Frau rief sie ihm noch das „Jeworechacho." nach, und sah ihm so lange nach, bis er ihren Blicken entschwunden war. Bis Mitternacht ging auch alles sehr gut, und Schmul Krummfuß verkürzte sich die Zeit, indem er die Melodie von dem neuesten „Lecho-Daudi", die er gestern Abend gehört, leise vor sich hinbrummte. Mitternacht kam, und mit dieser eine unerwartete, verblüffende Verlegenheit für unseren kühnen Wanderer: er war jetzt an der Stelle angelangt, wo drei Wege wie eine dreizinkige Gabel auseinandergingen, einer geradeaus, der zweite rechts und der dritte wieder links. Was nun? Welchen soll er gehen? Er dachte eine Weile nach, stellte die Laterne auf den Boden und sah bald diesen, bald jenen Weg dringend und durchforschend au. Alle drei blieben stumm, und keiner gab ihm Bescheid. Schließlich fiel ihm das alte Sprichwort ein: „Alle Wege führen nach Ron;", und er nahm die Laterne wieder auf, um den Weg zur rechten einzuschlagen. Doch, v weh! Ein plötzlicher Windstoß von jener Seite blies das Licht aus, und schwarze, undurchdringliche, ägyptische Finsternis umgab ihn von allen Seiten. Flink wie ein Wiesel machte er eine scharfe Wendung, uin durch seinen breiten Körper den Wind abzuhalten, und versuchte mit seiner ganzen Lungenkrast den mir noch schwach glimmenden Docht zn uenem Leben anzublasen. Doch vergeblich. Alle Versuche blieben erfolglos, und die schwarze Umgebung wollte sich nicht wieder erhellen. In seiner Verblüffung hatte er auch ganz und -gar vergessen, daß er sich direkt umgedreht, .. und die Laterne unter dem Arm nehmend, schritt er vorwärts, >vedcr rechts noch links blickend. Sagte ich „Vorwärts?" Dann bitte ich tausend-

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