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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-12-27 · Heft 52 (27.12.1907) · p. Seite 622

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 52 (27.12.1907)
Date
1907-12-27
Page
Seite 622 (sequence 10)
Language
German
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grabenden Sittenverderbnis des Kanaanäervolkes gegenübergestellt wird. III. Diese Gegenüberstellung ist denn auch der eigentliche Kern und Zweck der biblischen Erzählung; daher die mit liebevoller Ausführlichkeit vollzogene Ausmalung des Hintergrundes, von dem die Gestalt Rebekkas, als der künftigen Repräsentantin des Hauses Abraham und als Trägerin des Familiengedankens, sich ausdrucksvoll abhebt. Die Geschichte der Nausikaa ist nur eine Episode, ein reizendes Genrebild, das aus Nebensächlichem hervortritt und hinter Nebensächlichem wieder verschwindet. Sie besitzt ohne Frage alle Tugenden, die dafür bürgen, daß sie einmal eine so ehrbare, tüchtige Hausfrau und Gattin wird, wie sie jetzt ein züchtiges, liebenswürdiges und verständiges Mädchen ist, aber über jenen hauptsächlichen Zweck und Beruf im Leben der Jungfrau, der wenigstens in alten Zeiten dafür angesehen wurde, ich meine die Heirat, tändelt der Dichter- Hinweg. Heiratsfähig ist sie: Athene erinnert sie daran, daß sie vor ihrer Vermählung stehe, es steigt auch ein stilles Verlangen in ihrem Herzen auf, wie sie Odysseus in feiner Schönheit erblickt, während sie sich gegen die zahlreichen Freier, die sie umwerben, schüchtern oder gleichgültig verhält, aber das ist alles hingeworfen, beiläufig erzählt und dient zur Folie in dem Lebensbild des großen Dulders. In der biblischen Erzählung dagegen bildet die Heirat den Mittelpunkt. Trotz der Einfachheit der Beteiligten ist das Gemälde in ernstem und großem Stile gehalten, wir empfangen den Eindruck, daß hier eine wichtige historische Begebenheit auf die Leinwand gebannt ist, denn wir sind Zeugen eines großen Moments, der Gründung der Familie, einer Familie, die diesen Namen allererst verdient, denn aus ihr entwickelt sich die Abfolge der Sendboten und Propheten, welche die Erlösung der Menschheit aus dem Zustande geistiger und sittlicher Verwilderung vorbereiten und vollenden. Eine so große und weite Fernsicht eröffnet sich dem Zuschauer bei dem Anblick Rebekkas, auf ein so hohes Piedestal hat das Volk Israel sein Müdchenideal gestellt. Zwei Momente find es besonders, die dein Vorgänge, in dessen Mittelpunkt Rebekka steht, seine Bedeutung verleihen: der Augenblick, in dem Elieser, im Anblick Rebekkas versunken, erwartungsvoll nachsinnt, ob Gott seinen Weg habe gelingen lassen, und zum Schluffe der Ausruf der Familie bei dem Jawort Rebekkas: „Von Gott ist die Sache ausgegaugen." Damit sind wir bei dem Punkte angelangt, von dem aus die biblische Erzählung erst ihre rechte Beleuchtung und Bedeutung erhält, und von hier aus müssen ivir uns noch einmal zu dem griechischen Seitenstück Rebekkas znrückwenden. Es müßte mit merkwürdigen Dingen zugehen, wenn der im Volke Israel herrschende Gottesgedauke nicht vorzugsweise dieser grundlegenden Erzählung von Rebekka ihre charakteristische Färbung verleihen, und wenn nicht gerade dadurch die noch ganz voll dein heidnischen Götterglauben umwobene Geschichte Nausikaas sich von jener Erzählung unterscheiden sollte. Der Unterschied ist aber gar nicht zu übersehen. Bei Homer sind alle auftretenden Personen göttlich oder göttergleich, außer den Göttern und Göttinnen. Die Erhöhung jener erfolgt aus Unkosten dieser, dadurch werden die Grenzen zwischen Gott und Mensch vollständig aufgehoben, und wir gewinnen lveder den Eindruck echter Menschlichkeit, noch wahrer Göttlichkeit. Darüber bedarf es nicht vieler Worte. Die Reflexe dieser Verwirrung und Verworrenheit fehlen denn auch in dem Bilde Nausikaas nicht. Sie ist ein willenloses Werkzeug in den Händen der Göttin Pallas Athene von dem Augenblicke an. m dem sie sich vom Lager erhebt, um sich zu den Waschgrnbeu zu begeben- bis znr Heimführung Odysseus; ihre eigene Persönlichkeit verschwindet hinter dem bestimmenden Einfluß der Göttin. Könnte man diesen allenfalls in euhemeristischer Weise so erklären, daß darin der Vorgang i« der Seele Nausikaas projiziert erscheint, so ist doch nicht zu übersehen, daß das, was wir hier wahrnehmen, nur ein Ausschnitt aus dem gewaltigen Kampfe ist, in dem die Götter sich miteinander herumschlagen und von dem die gesamte Dichtung Homers ausgefüllt ist. In dem dabei entwickelten Pulverdanipf, wenn dieser Anachronismus erlaubt ist, bleiben die Menschen und menschliche Züge völlig unsichtbar. In welchem Kontraste damit zeigt sich die biblische Erzählung! Gewiß ist auch hier vom Anfang bis zum Ende alles vpn Gott gewollt und gefügt, aber er ist Einer, ein Gott der Gnade und der Treue, für den der Mensch kein Spielball der Laune und der Leidenschaft ist, sondern den er' auf dem Wege der Frömmigkeit und der Tugend zu se nem Glücke führt, vor dessen Angesicht alle Götter zertrümmert im Staube liegen und an dessen Erhabenheit nichts hinanreicht. Schwebt dieser Gedanke wahrer Göttlichkeit über dem Bilde, so vollzieht sich auf demselben die Entfaltung echter Menschlichkeit. Alle auftretenden Personen handeln für den Betrachter selbständig und unbeeinflußt; Abraham, der seine oder vielmehr seiner Erkenntnis Zukunft durch eine eheliche Verbindung seines Sohnes Jsak sicherstellen will, Elieser, der treue Diener, der in seiner Einfachheit gleichwohl ein verständnisvoller Mitarbeiter an der Ausführung des großen Lebensplans seines Herrn ist, und vor allenc die Hauptperson, Rebekka. „Fragen wir ihren Mund", sagen die Verwandten, >vie Elieser die Heimkehr beeilt, und unmittelbar, aus entschiedener Selbstbestimmung, fällt sie die Entscheidung, an der Seite Eliesers zn dem ihr bestimmten Gatten zu eilen, als wüßte sie, daß die Zukunft der größten weltgeschichtlichen Erkenntnis mit ihrer Vermählung verknüpft ist. In den Darstellungen der bildenden Kunst sieht man Rebekka mit dem Kruge auf der Schulter. Was aber außerdem auf dieser zarten Schulter ruht, das ist die Bestimmung Rebekkas, die Mutter des „Hauses Jakob" zu werden. So sieht das Müdchenideal des Volkes Israel aus. Der Golem. Aus dem Englischen von M. Pulvermann. SS i. JJ*igentltcf) waren die Leute in Kladno gar keine dummen Menschen; im Gegenteil, wenn irgend eine Dummheit ihnen in den Weg lief, so gingen sie nicht nur ihr nicht aus dem Wege, sondern sie stürzten ihr nach und hatten eher keine Ruhe, bis sie diese eingeholt und aufgegriffen hatten. SchmulKrummfuß warein gutmütiger, etwas beschränkter Mensch und hatte die Grenzen seiner kleinen Eeburtsstadt in seinem ganzen Leben noch nicht überschritten, obwohl der Frühling bereits sünfzigmal holdlächelnd zu ihm gekommen war und ihn zu einem Spaziergang nach den duftigen Wiesen und Feldern eingeladen hatte. Schmul Krummfuß hatte tausendundein Gründe, es nicht zn tun; er sei kein Wandervogel, er liebe nicht die Veränderung, fürchtete Heimweh zu. bekommen, liebte zu sehr selbst den Staub des heimatlichen Bodens, und dann überhaupt erachtete er es iin höchsten Grade, undankbar, auch nur für einige Stunden

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