Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 52 (27.12.1907)
- Date
- 1907-12-27
- Page
- Seite 621 (sequence 9)
- Language
- German
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des israelitischen Altertums volkstümlicher Abkunft und von volkstümlichem Bewußtsein erfüllt sind, was am schlagendsten durch die Antwort der Sunamiterin bekräftigt wird, die sie Geihasi auf-die Frage, ob man etwas für sie bei dem König oder dem Oberfeldherrir tun könne, erteilt: „Unter meinem Volke wohne ich." Auch das Frauenidcal in dem Preislied auf das Biederweib trägt die Farben des schlichten, arbeitsamen Bürgertums. Da ist die Frau von morgens früh bis abends spät und selbst in der Nacht bei der Arbeit. Auch im Palaste des Alkinoos spinnen die Frauen, wie es in den Schlössern des Mittelalters Spinnstuben gab. Aber das war mehr Dekoration oder höchstens für den Hausgebrauch. Dagegen macht die biedere Frau in den Sprüchen Salomos ihrer Hände Arbeit zu Gelds, sie kauft und verkauft, um ihr Haus in Ehren zu erhalten. Genug: die Richtung, in 'der die Griechen ihr Frauenideal suchten, geht nach oben, die der Israeliten nach unten. Irre ich mich in dieser Annahme nicht, — sie würde mit der religiösen und sozialen Verfassung des Volkes Israel vollständig übereinstimmen — so ist die weitere Annahme berechtigt, daß dieser demokratische Zug an dem israelitischen Frauenideal sich auf alle nachfolgenden Geschlechter vererbt habe und daraus würde sich der Rat des Talmud erklären: „Steige eine Stufe hinunter und wähle dir eine Frau." Das Hinnntersteigen zu der Frau involviert keine Geringachtung — der Talmud rät auch, das Ohr zu der Frau, wenn sie klein ist, hinunterzuneigen, um ihre Meinung zu hören, und er schreibt für alle Fälle vor, daß der Mann die Frau mehr ehren müsse als sich selbst, — es bedeutet vielmehr, daß die Frau ihren Wert in sich haben müsse, nicht durch die Höhe der gesellschaftlichen Stellung, von der man sie etwa herunterholt. Diese im Volke Israel heimische atavistische Ansicht über die Frau widerlegt schlagend die von christlichen Theologen immer wieder bis zum Ueberdrusse vorgebrachte Behauptung, daß nicht die Religion Israels, sondern erst das Christentum die Frau zu einer Ehrenstellung emporgehoben habe, eine Behauptung, die durch die Tatsache, daß die Gründer des Christentums die Ehe und alle Familienbande von sich gewiesen haben, sich selbst aufhebt. Weniger als dies kann man schon nicht für die Ehrenrettung der Frau tun. Ein Volk dagegen, das in seiner heiligen Literatur eine Mädchenerscheinung wie Rebekka und das 24. Kapitel der Genesis aufzuweisen hat, das sie mit solchem Zauber umgibt, bedarf keiner Belehrung über, die der Frau gebührende Stellung; es hat vielmehr hierin ein unübertreffliches und unübertroffenes Muster geschaffen. Die Religion Israels brauchte der Frau nicht erst eine Stellung zu geben, ihr Eigenwert, der in ihrer Persönlichkeit liegt, erhebt sie dazu von selbst. Deshalb tritt Rebekka so einfach und schmucklos wie nur möglich auf, im Alltagskleid, mit dem Wasserkrug auf der Schulter, gleich den anderen wasserholenden Mädchen, damit ihrem persönlichen Liebreiz nur nichts durch äußeren Zierrat genommen werde. Offenbar ist es auch allein ihre Persönlichkeit,' die Elieser in „stummes Staunen" versetzt, wie die Bibel sagt. Es ist dasselbe Staunen, womit Nausikaa den Odysseus betrachtet. Rebekka ist auch wertvollen Schmuckes so ungewohnt, daß sie, als Elieser ihr diesen nach erlangter Auskunft über ihre Person anlegt — dies ist augenscheinlich die richtige Reihenfolge der Vorgänge, wie sie Elieser selbst darstellt — weder ein Wort des Dankes, noch des Wohlgefallens äußert, sondern verlegen davoneilt, um „dem Hause ihrer Mutter", also dem weiblichen Teile der Familie, „diese Dinge" zu berichten. Der Ausdruck ist durch feine Unbestimmtheit, die den Leser nur ahnen läßt, was im Herzen Rebekkas vorgeht, von außerordentlicher Zartheit. Rebekka ist deffen inne geworden, daß- Elieser etwas mit ihr vorhat. Sie müßte sonst nicht die Klugheit besitzen, die sie durch ihre Haltung an den Tag legt. Ob sie es sich eingesteht, oder gar der Mutter offenbart? Die Bibel läßt diese Fragen in Schwebe, aber das entschlossene kurze „Ja", womit sie auf die Frage der Familie den Antrag Eliesers anzunehmen erklärt, läßt doch nicht undeutlich erkennen, daß sie auf diesen Zweck der Begegnung bereits gefaßt war. Die volksmäßig gehaltene und ganz auf das Persönliche gestellte Erscheinung RebekkaS entbehrt jedoch nicht eines gewissen aristokratischen Zuges: das ist die Betonung der Herkunft. Das Mädchenideal Israels ist zwar dem Volke entlehnt, aber sein unerläßlicher Rahmen ist die gute Familie. Rebekka macht auf die Frage, wessen Tochter sie sei, nicht bloß ihren Vater, sondern auch ihre Großeltern namhaft. Diese genügen für die Kennzeichnung ihrer Vorfahren. Es ist also auch hier ein Adel nnd ein Adelsbewußtsein, jedoch kein Adelsstolz vorhanden. Bei Homer „berühmen" sich die Helden ihrer Abkunft. Dies ist, da es sich um Angehörige der obersten Gesellschaftsklasse handelt, nur natürlich, und wenn auch der Sauhirt in dem Bilde nicht fehlt, so dient er doch nur zur Folie. Ebenso natürlich ist, daß Nausikaa ganz anders von ihrem Vater spricht, als Rebekka von dem ihrigen, denn er ist ein König, sie darf ihn also den „hohen Alkinoos" nennen. Aber deshalb ist das Adelsbewußtsein Rebekkas nicht geringer; nur muß man fragen, worauf es beruht, und hierüber gibt die ursprüngliche Veranlassung dieser ganzen Brantwerbungsgeschichte Aufschluß. Was begründet den Adel in den Augen der Griechen der homerischen Zeit? „Speere werfen und die Götter ehren!" Daß die Phäaken auf das erstere keinen Wert legen, sondern bloß seefahrende Kaufleute sind, macht sie selbst in den Augen Nausikaas fast verächtlich. In diesen Betätigungen körperlicher Kraft und Gewandtheit, mit denen allerdings bei den Helden Homers Geistes- und Herzensbildung vereint ist, waren nun unstreitig auch die kanaanäischen Ureinwohner wohl erfahren, und ebenso darf man annehmen, daß ihr Adel allein auf der hervorragenden Tüchtigkeit in diesen Betätigungen beruhte. Trotzdem oder eben deswegen will Abraham keine Schwiegertochter aus diesem Kreise, obwohl er selbst des Kriegshandwerks nicht ungewohnt war, denn Hand in Hand mit der körperlichen Roheit ging hier auch die sittliche, wovon die ganze Bibel widerhallt und die nicht minder durch andere Quellen wie durch die Ergebnisse von Ausgrabungen bestätigt wird. Der Abscheu Abrahams vor den „Töchtern des Kanaanäers" sowie der Rebekkas vor den „Töchtern des Hethiters" ist also ein historisch begründeter Zug; es muß demnach die gerade entgegengesetzte, durch Religion und Sittlichkeit geläuterte Lebensführung gewesen sein, die Abraham — sowie später Rebekka — die alleinige Garantie für eine passende Familienverbindung bot, um derentwillen der erstere Elieser und die letztere Jakob in ihre Heimat und Sippe schiften. In der Geschichte der Juden ist nichts so charakteristisch, wie die Anschauung, daß weder Reichtum noch Stellung wirkliche Vornehmheit begründen; der Adel liegt in der Gottesgelehrtheit und der ihr entsprechenden Lebensführung; die Abfolge dadurch ausgezeichneter Geschlechter bildet eine Ahnenreihe, mit der sich keine andere messen kann, und aus solchen Geschlechtern eine Frau zu bekommen, war früher und ist hier und da jetzt noch ein Ehrgeiz, für dessen Befriedigung kein Opfer zu groß ist. Daß dieser Zug ein Produkt der Vererbung von altersher ist, bezeugen zahlreiche Aussprüche in den rabbinischen Schriften, er findet sich aber auch bereits in unserer biblischen Erzählung ausgeprägt, in der so charakteristisch der Familienadel betont und der die Familie unter