Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 52 (27.12.1907)
- Date
- 1907-12-27
- Page
- Seite 620 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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wi' Schutzgöttin Pallas Athene einen Traum ein, der ihr die Dringlichkeit der Wäsche auf die Seele wälzt. „Welch ein lässiges Mädchen, Nausikaa, bist Du der Mutter! Alles Gewand, so wert der Bewunderung, liegt Dir verwahrlost, Und bald steht Dir Vermählung bevor . . ." Also in beiden Fällen göttliche Dazwischenkunft zur Herbeiführung der Begegnung. Rebekka beantwortet die Fragen Eliesers, der übrigens kein Wort über ihre Schönheit sagt, in derselben Ordnung, in der sie gestellt sind. Sie gibt zuerst über sich Auskunft. - denn diese ist hier die Hauptsache — und ladet ihn dann in ihr Vaterhaus zu Gaste. Nausikaa, von deren Schönheit Odysseus ganz hingerissen ist, beantwortet seine Bitten in umgekehrter Reihenfolge. Sie versichert ihn erst ihrer Hilfe denn diese ist in der Lage Odysseus' für ihn das Wichtigste — und stellt sich erst dann als „des hohen Alkinoos Tochter" vor. Rebekka eilt nun allein nach Hause und überläßt es Elieser, nachzukommen, wahrscheinlich aus demselben Beweggründe, aus welchem Nausikaa ebenso mit Odysseus verfährt: | „Also sagte vielleicht ein Niedriger, der uns begegnet: Was der Nausikaa doch dort folgt so ein schöner und großer Fremdlings Wo fand sic jene»! Der wird ihr Ehegemahl noch!" Wir sind allerdings nicht vvn der Schönheit Eliesers unterrichtet, wie von der des Odysseus, immerhin war üble Nachrede zu fürchten. Die Familie Rebekkas macht ihr auch keinen Vorwurf über ihr Verhalten, während Alkinoos sagt: „Dieser Pflicht, o Fremdling, vergaß mir dennoch die Tochter, Daß sie nicht Dich selber zugleich mit de» dienenden Weibern Führte zu unsrem Hause . . . Wogegen aber Odysseus die „unsträfliche Tochter" in Schuh ilimmt. Nun folgt eine Situation für Elieser wie für Odysseus, in der sie von denselben Empfindungen beseelt sind. Wie Rebekka davoneilt, wendet sich Elieser mit einem Dankgebet für das Gelingen seines Planes zu Gott: „Gepriesen sei der Ewige, der Gott meines Herrn Abraham, der seine Gnade und Treue meinenr Herrn nicht entzogen hat, mich hat der Ewige auf dem Wege nach dem Hause der Verwandten meines Herrn geleitet." Auch Odysseus, der der davonfahrenden Nausikaa zu Fuß nachfolgt, verrichtet ein Gebet in dem der Pallas Athene geweihten Haine, durch den ihn sein Weg führt. Er ruft seine Schutzgöttin an: „Gib, daß im Lande der Phäaken ich Lieb' antreff und Erbarmuug." Aber die Göttin hört ihn zwar, „Doch sie erschien noch nicht öffentlich, scheuend des Vaters Bruder im Geist, denn er zürnte dem göttergleichen Odysseus Unversöhnlichen Sinns . . ." Dagegen gesellt sich die Göttin unerkannt zu ihm. „Gleich wie ei» jugendlich Mädchen, ein Wassergefäß in den Händen." Denn es ist inzrvischen Abend geworden, und wir haben uns nun die Szene ganz wie bei Rebekka zu denken. Die Mädchen holen Wasser. Indem sich die Göttin in dieser Maske dem Odysseus als Führerin anbietet, um ihm das Haus des Königs zu zeigen, erteilt sie ihm eine Belehrung über die Einwohner von Scheria und über sein Verhalten gegen sie, die nicht bloß für ihn, sondern auch für uns merkwürdig ist. ,,Daß Du auch keinen der Menschen nur anschaust oder befragest! Denn nicht sehr willfährig den Fremden sind die Bewohner. Noch bewirten sie freundlich den Mann, der anderswoher kommt." Odysseus folgt dieser Mahnung, und nun heißt es weiter: „Aber die jegelberühmten Phaiakieu merkten ihn gar nicht, Wie er die Stadt und sie selbst dnrchwandelte, weil es Athene Wehrte, die Schöngelockte, die Furchtbare, welche mit Dunkel Wundersam ihn nmgoß, fnrsorgende Huld in der Seele." Wem fällt bei diesen Zeilen nicht das ungastliche Sodom ein, dessen Bewohner mit Blindheit geschlagen werden müflen, danlit sie die bei Loth eingekehrten Fremdlinge und diesen selbst nicht behelligen? In um so hellerem Lichte stellt Athene die Königin Arete und den König Alkinoos dar. „Welcher sie ehrt, wie nirgend ein Weib auf der Erde geehrt wird." In ihrem Hause findet dann Odysseus die gastlichste Aufnahme, ja der König wünscht sich einen solchen Mann zum Schwiegersohn, er würde „ein Haus und Besitzungen schenken", uni ihn bei sich zu behalten. Auch auf Nausikaa hat er einen mächtigen Eindruck gemacht. Wie er scheidet, steht sie ...... neben der Pfoste des wohlgebühneten Saales, Mit anstannendem Blick de» Odysseus lange betrachtend." und sagt zu ihm: „Freude Dir Gast! Doch daß Du hinfort auch im Lande der Väter Meiner gedenkst, da Du mir ja zuerst Dein Leben verdankest." Worauf Odysseus für den Fall seiner Heimkehr verspricht: „Stets denn werd' ich auch dort wie der Göttinnen eine Dich anflehn i Jeglichen Tag, weil Du das Leben mir rettetest, Jungfrau." (VIII, 459 ff.) Ein liebliches Bild, auf dem das Auge des Betrachters mit nicht geringerem Wohlgefallen ruht, als auf Rebekka am Brunnen. Beide sind denn auch häufig Gegenstände der bildenden Kunst gewesen. Die mancherlei Uebereinstimmungen in den beiden Erzählungen erklären zu wollen, wäre ein aussichtsloses Unternehmen; an eine Entlehnung ist nicht zu denken, wahrscheinlich sind die Uebereinstimmungen in der Gleichartigkeit der Zeit und der Situation begründet. Aber um so bemerkenswerter sind die unterscheidenden Züge, und diese sollen nunmehr über die im Eingänge aufgestellten Fragen Aufschluß geben. ll. Da fällt denn vor allem auf, daß Nausikaa der obersten sozialen Schichte angehört, sie ist eine Königstochter. Das ist nicht zufällig. Die hervorragenden weiblichen Erscheinungen, in denen die Griechen ihr Mädchen- oder Frauenideal erblickten und die sie als solches poetisch verherrlichten, gehören dieser Gesellschastsschichte an; ich erinnere an Iphigenie, Antigone, Andromache, Alkeste u. a. Das ist ein Beweis dafür, daß die Griechen nur in diesen Kreisen, nicht im eigentlichen Volke, jene körperlichen und geistigen Vorzüge, wodurch die genannten Frauen hervorragen, für möglich hielten, eine Annahme, die ja auch durch den faktischen schroffen Ständeunterschied unterstützt wird. Damit stimmt auch die Versicherung Athenes überein, womit sie es als etwas Außerordentliches hinstellt, was in anderen Kreisen nicht vorkommt, daß der König Alkinoos seine Gattin Arete ehrt „wie irgend ein Weib auf der Erde geehrt wird", sowie ihr allgemein abfälliges Urteil über die Bewohner von Scheria. An dem biblischen Bilde, das uns hier beschäftigt, fehlt dieser aristokratische Zug gänzlich. In dem Auftreten Rebekkas erinnert nichts daran, daß sie einem höheren Range angehört, und noch weniger, daß sie eine solche Angehörigkeit geltend machen will. Das Gegenteil ist der Fall. Während Nausikaa von dienenden Jungfrauen umgeben ist, erscheint Rebekka „zur Zeit, da die Wasserschöpferinnen herauskommen", also wohl auch mit ihnen und unter ihnen, als eine gleiche unter gleichen. Ihre volkstümliche Herkunft äußert sich auch darin, daß sie unaufgefordert die Kamele tränkt; sie muß also von Hause aus mit der Abwartung des Viehs vertraut sein, wofür ja auch ihr schlagfertiger Bericht über den Vorrat von Stroh und Futter spricht. Eine so genaue Kenntnis dieser Dinge hat man nicht gleich zur Hand, wenn man nicht damit umgeht. Ich füge hinzu, daß die durch Verstand und Gemüt anziehenden Frauen